osmanisches Erbe in Südosteuropa?

Dieses Thema im Forum "Das Osmanische Reich" wurde erstellt von lynxxx, 5. März 2007.

  1. megatrend

    megatrend Aktives Mitglied

  2. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Das ist gewiss ein wesentlicher Grund für die Rückständigkeit vieler Balkanregionen. Nicht nur die Osmanen verpassten die Industrialisierung und einen modernen Staat mit politischer Teilhabe der Bevölkerung, sondern zugleich mit ihnen auch die türkisch beherrschten Balkanvölker.

    Das Fehlen einer Phase der Aufklärung, der Loslösung der Religion vom Staat und Formen des (beginnenden) Parlamentarismus ließen die Balkanvölker vielfach in gesellschaftlich und wirtschaftlich soätmittelalterlichen Verhältnissen verharren.
     
  3. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    #

    Loslösung von Staat und Religion. Dir ist schon klar da außer Griechenland alle Balkanstaaten komunistisch waren.
     
  4. Gegenkaiser

    Gegenkaiser Gesperrt

    Bulgarien hat den größten moslemischen Anteil an der Bevölkerung aller EU-Staaten: 13% ...
     
  5. lynxxx

    lynxxx Neues Mitglied

    vielleicht wäre noch ein Effekt zu sehen, der sich später ins Gegenteil verkehrte:

    Die verschiedensten Volksgruppen vermengten sich immer mehr im Laufe der osmanischen Jahrhunderte, die Verzahnung der Siedlungsgebiete nahm immer mehr zu. Auch beeinflusst durch osmanische Siedlungspolitik, also z.B. Bevölkerungsdeportationen/-Verschiebungen, z.B. zur Ankurbelung des Reisanbaus. Deshalb waren die Unabhängigkeitskriege und späteren gegenseitigen Kriege auch recht blutig, weil quasi Schwiegersohn gegen Neffe ins Feld ziehen musste.

    Letztlich ließen die Osmanen in den von ihnen eroberten Gebieten eine große Heterogenität der Bevölkerung zu (religiös, ethnisch, sprachlich, etc.), so dass bisweilen gar von einer pax ottomanica für bestimmte Zeiten gesprochen wird, in Anlehnung an ähnliche Zeiten des Römischen Reiches.

    Diese meist konservierte Heterogenität (Istanbul war noch vor wenigen Generationen so christlich, wie muslimisch geprägt) war es dann letztlich auch, die den osmanischen Türken fast ihren "eigenen" Staat in Anatolien gekostet hätte. Eben weil sie als letztes auf den Zug des Nationalismus und auf den Nationalstaatsgedanken aufgesprungen waren.

    Hätten sie so gehandelt wie viele andere Reiche im Mittelalter und der frühen Neuzeit, also eine ethnische, sprachliche, religiöse, usw. Homogenisierung betrieben, sähen die Landkarten und die Geschichte vermutlich anders aus.

    zu weiteren Faktoren, z.B. der wirtschaftlichen Entwicklung und Einbindung des Balkans in den Weltmarkt:

    siehe:

    Produktivität:
    http://www.geschichtsforum.de/f42/s...ht-bei-nikopolis-27612/index2.html#post419359

    auch den Anhang beachten:
    http://www.geschichtsforum.de/f42/ethnogenese-der-t-rken-15756/index22.html#post404411

    Zusammenleben auf dem Balkan:
    http://www.geschichtsforum.de/f56/v...d-die-geschichte-21518/index8.html#post423369

    Zusammenleben und steigender Wohlstand auf dem Balkan bis zum Ausbruch des Unabhängigkeitskampfes:
    http://www.geschichtsforum.de/f56/v...d-die-geschichte-21518/index6.html#post422988

    http://www.geschichtsforum.de/f42/der-untergang-des-osmanischen-reiches-gr-nde-27689/#post420175

    Zudem hatten wir im Historiographie-Thread hier im Subforum dieses Erbe der Osmanen auch schon mal thematisiert, z.B.:
    Zeithistorische Forschungen

    "Maria Todorova kann drei Charakteristika südosteuropäischer Gesellschaften (mit Ausnahme Rumäniens) benennen, die sich auf osmanisches Wirken zurückführen lassen: das Fehlen eines feudalen Adels, die Existenz einer relativ freien Bauernschaft sowie die grundsätzliche Unterordnung der Stadt unter den feudalen Staat. Todorovas Hinweise jedoch, dass nicht die Osmanen ein Erbe auf dem Balkan seien, sondern der Balkan ein Erbe der Osmanen sei, und dass die Osmanen nicht als Fremdkörper betrachtet werden sollten, der auf den christlichen Völkern Südosteuropas gelastet habe, müssen in der Öffentlichkeit südosteuropäischer Staaten immer noch als ketzerisch gelten"

    oder auch hier:
    http://www.ifsh.de/pdf/publikationen/hb/hb138.pdf

    Vielleicht noch wenige Zitate aus Donald Quataert (siehe Lit.Tipps), aus dem Kapitel 10, Erben des OR, siehe auch in googlebooks.

    "In the
    more than thirty countries that now exist in territories once occupied by
    the Ottoman Empire, the Ottoman past until recently has been largely
    ignored and/or considered in extremely negative terms. With some ex-
    ceptions, this remains the situation today in the former Balkan provinces.
    ...
    Given the presence of the
    Ottoman Empire in many of these successor states for five to six cen-
    turies – an extraordinarily long period of time – the overall lack of public
    awareness and debate at first seems remarkable.
    ...
    [Sprache]
    At one
    time, there was a considerable penetration of Ottoman Turkish into the
    various languages; for example, Turkish words accounted for one-sixth
    of all Rumanian vocabulary during the pre-independence nineteenth
    century. Today, however, just a few words survive although, generally,
    195196 The Ottoman Empire, 1700–1922
    somewhat more Turkish elements persist in other Balkan languages, in-
    cluding Greek, Serbo-Croatian, and Bulgarian.
    ...
    We also must con-
    sider that all of the post-Ottoman regimes launched linguistic purges, that
    were sustained efforts to eliminate Ottoman usages from the emerging
    national languages of the successor states.
    ...
    [osm. Toleranz ermöglichte Vielfalt des Balkans]
    In the former imperial lands, some nationalists continue to wax elo-
    quent about the cultural destruction wrought by the Ottomans. This
    is ironic, for the heterogeneous variety of cultures, customs, and lan-
    guages that presently exist in the successor states in fact is powerful testi-
    mony to the light hand of the Ottoman state on society. That is, the very
    fact that peoples who were speaking Bulgarian or Greek and professing
    Christianity at the moment of the Ottoman conquest still retained those languages and religion many centuries later following the departure of the
    Ottomans, speaks to Ottoman tolerance of linguistic and religious differ-
    ence.
    ...
    [Landwirtschaft]
    In the Balkan lands,
    by contrast, economic patterns from the Ottoman era were obliterated:
    the independence regimes often embarked on land distribution programs
    that reversed the landholding patterns of the Ottoman era. And then, the
    Communist regimes completed the destruction of the former Ottoman
    economic and political elites.
    The Ottoman legacy, however, clearly stands out when we look at a
    number of population distribution patterns. Migrations imposed by the
    Ottoman imperial system compelled the movement of peoples within the
    empire,with effects down to the present.
    ...
    [Zusammenfassung]
    In sum, the Ottoman legacy, both in the lands the empire once occupied
    and beyond, is mixed. For some, it remains an object variously of oppo-
    sition, derision, scorn, and even hatred while others along this spectrum
    view the Ottoman past as irrelevant for their own present. Admirers of the
    Ottoman legacy, however, are divided. They disagree over whether the
    Ottoman entity they seek to emulate is a secular, nationalist, or Islamist
    state and society. In these pages, I have argued that the Ottoman legacy
    is of a political and social system offering non-national, multi-religious
    and multi-ethnic forms of organization for a world increasingly divided
    by nationality, religious belief and ethnicity."

    Seine Lit.Tipps:
    * - Brown, Leon Carl, ed. Imperial legacy: The Ottoman imprint on the Balkans and the Middle East (New York, 1996)
    - Kiel, Machiel. Art and society of Bulgaria in the Turkish period (Aassen/Maastricht, 1985).
    - Todorova, Maria. Imagining the Balkans (Oxford, 1997)

    *= für Einsteiger in die Materie geeignet
     
    Zuletzt bearbeitet: 2. Oktober 2009
  6. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    um eine sprachliche, kulturelle und politische Homogenität zu erreichen fällte es ganz einfach an Türken.

    In Bulgarien gab es noch ethnische Türken in größerer Zahl. In Bosnien und Serbien schon fast garkeine und die die da waren wollten wieder schnell weg in die reichen Provinzen wie Istanbul, Athen e.t.c. Wahrscheinlich leben in manchen Wohnhäusern in Berlin mehr türkischsprechende Menschen als im 18 Jahrhundert am Westbalkan.

    In Kombination mit der Toleranz der Osmanen war das sicher auch ein wichtiger Grund dafür das aus dem Osmanischen Reich nie ein heterogener Staat wurde.
     
  7. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Vermutlich liegt das daran, dass Bulgarien dem türkischen Kernland Kleinasien am nächsten lag. In Bulgarien kam es zwischen 1969 und 1978 im Zuge eines Abkommens zur Umsiedlung zu einer Auswanderung von über 100 000 Türken, was allgemein auch als "Bulgarisierung" bezeichnet wird.

    Ganz grundsätzlich muss man festhalten, dass die türkische Minderheit in allen Balkanstaaten keine Freunde fand und somit im 20. Jh. - gezwungen oder freiwillig - die Balkanstaaten Richtung Türkei verließ.

    Kann man daraus schließen, dass die jahrhundertelange türkische Besatzung als Fremdherrschaft wahrgenommen wurde und die Türken nicht als Förderer von Wirtschaft und Kultur wahrgenommen wurden, sondern ganz im Gegenteil als Hemmschuh und Ausbeuter, denen man sich endlich entledigt hatte? :grübel:
     
  8. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied


    2 Ausnahmen Albanien und BiH.
     
  9. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Jetzt wirftst du aber offenbar Muslims und ethnische Türken durcheinander...
     
  10. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied


    Dann hat Serbien fast garkeine Türken vertrieben. Den das waren alles slawische Muslime.

    Dann haben Albanien, BiH, Serbien und Montenegro keine Türken vertrieben.

    Also so gut wie alle Balkanstaaten.
     
  11. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Kannst du das bitte erläutern?

    Albanien betrachtete demnach die Türken als Freunde? Und was ist bitte "BiH"?
     
  12. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied


    In Albanein gab es keine Vertreibung von türkischer Bevölkerung. Das selbe in Bosnien Herzegovina (BiH) und im weiteren Sinne Serbien, Montenegro und Kosovo.

    In keinem dieser Länder lebten jemals viele ethnische Türken.

    So ist deine Aussage die türkische Bevölkerung wurde überall am Balkan massenhaft vertrieben Schwachsinn.
     
    Zuletzt bearbeitet: 3. Oktober 2009
  13. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    @Zoki, jetzt komme ich nicht mehr mit. Ja, was denn nun?:confused:
     
  14. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied


    Die Aussage von Dieter ist falsch. Wie können Staaten Türken vertreiben wenn auf dem Gebiet fast keine Türken gewohnt haben. Ich zitiere.

    Alle Balkanstaaten haben die Türken vertrieben.
     
  15. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Selbstverständlich haben beträchtliche türkische Minderheiten nach dem Abzug der Türken in vielen Balkanstaaten gelebt. So z.B. in Bulgarien, wie dieser Wiki-Artikel erläutert:

    Wie kannst du da behaupten, dass es nach der Unabhängigkeit der jungen Balkanstaaten im 19. Jh. keine türkischen Minderheiten gegeben hätte? Das Gegenteil ist der Fall!
     
  16. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied


    wo sind sie hin

    Wenigstens in Bosnien müsste es größere türkische Minderheiten geben. Weil dort kein Mensch Türken vertrieben hat. Trotzdem gibt es nur eine winzige türkische Minderheit in Mostar. Wo sind die ganzen Türken die Karadjordje aus dem Belgrader Pashaluk getrieben hat. Die Hauptfluchtrichtung wärend des 1 serbischen Aufstands war Bosnien und nicht die Türkei.

    Ich rede hier von Bosnien, Serbien und Montenegro und du kommst mir mit Bulgarien. Einem Land welches an Anatolien fast angeklebt ist.
     
  17. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Ich glaube, wir verstehen uns falsch. Niemand behauptet, dass es noch heute beträchtliche türkische Minderheiten auf dem Balkan gibt, Bulgarien und Griechenland vielleicht ausgenommen.

    Die Frage war:

    Ganz grundsätzlich muss man festhalten, dass die türkische Minderheit in allen Balkanstaaten keine Freunde fand und somit im 20. Jh. - gezwungen oder freiwillig - die Balkanstaaten Richtung Türkei verließ.

    Kann man daraus schließen, dass die jahrhundertelange türkische Besatzung als Fremdherrschaft wahrgenommen wurde und die Türken nicht als Förderer von Wirtschaft und Kultur wahrgenommen wurden, sondern ganz im Gegenteil als Hemmschuh und Ausbeuter, denen man sich endlich entledigt hatte?


    Damit war die türkische Minderheit zur Zeit ihrer osmanischen Herrschaft vom 14.-19. Jh. gemeint. Das hast du gewiss falsch verstanden!
     
  18. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    Jeder Mensch welcher dem Glauben Mohammeds anhängt fühlt sich und ist ein Türke obwohl nur einer von tausend des Türkischen mächtig ist. Der Rest der Bevölkerung sind türkiche Untertanen Raja genannt.

    Vuk Stefanovic Karadzic, Lingvist, Geschichtenschreiber und Chronist.

    Beschreibt die verhältnisse des westlichen Balkans.
     
  19. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    Ich habe dich verstanden es gab keine türkischen größeren Minderheiten in weiten Teilen des Balkans selbst im 15-17 Jahrhundert.

    Dieter ich bin der deutschen Sprache mächtig obwohl man es nicht immer merkt.

    Meine Aussage war Serbien Bosnien, Albanien und Montenegro waren nie von einer größeren Anzahl von ethnischen Türken besiedelt.
     
  20. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Ich glaube kaum, dass sich die Perser, Indonesier, Marokkaner oder Araber - alles Muslime - als Türken fühlen!
     

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