Über Ansätze zur Heiligen- und Reliquienkritik in Mittelalter und früher Neuzeit schreibt Klaus Schreiner, "Discrimen veri ac falsi" - Ansätze und Formen der Kritik in der Heiligen- und Reliquienverehrung des Mittelalters, in: Archiv für Kulturgeschichte 48/1 (1966)
Der gelehrte Humanistenabt Johannes Trithemius (1462—1516) bekennt resigniert, er könnte seinem ursprünglichen Vorsatz, ein opus breve abzufassen, keinesfalls treu bleiben, wollte er alle Visionen, Wunder und Wallfahrten vollständig aufzählen, die man in Deutschland und Frankreich um des Geldes willen erfunden habe.
Klagen über das zwielichtige Gewerbe von Reliquienfälschern sind nicht minder zahlreich. Augustinus berichtet von umherschweifenden Mönchen, die mit unechtem Heiligengebein Geschäfte machen. Guibert von Nogent (1053—1121) bezichtigt Händler, gewöhnliche Knochen (ossa vulgaria) als pignora sanctorum zum Verkauf anzubieten. Jakob von Vitry (c. 1180—1240) eifert gegen miserabiles homines, die mit Lügengeschichen und gefälschten Reliquien dem ungebildeten Volk das Geld aus der Tasche ziehen. Panormitanus ( = Nicolaus de Tudescis, 1386/89—1445) beschuldigt die questuarii sancti Antonii, daß sie mit besonderem Geschick diese Falschmünzerei betreiben. Johannes Geiler (1445-1510) und Thomas Murner (1469-1537) wettern gegen die „heiltumbführer, stationirer und Betler, die Gott und die Welt betriegen".