Kommen wir zum erwähnten Artikel von Kehne: der Artikel ist einmal ein riesiger Rundumschlag gegen alle möglichen Leute, denen er die wissenschaftliche Fähigkeit abspricht, u.a. spricht er Archäologen die wissenschaftliche Eigenständigkeit ab, erklärt die Archäologie zur reinen Hilfswissenschaft der Geschichtswissenschaft (ich sehe das nicht vollkommen anders, aber reziprok, also die Archäologie ist eine historische Wissenschaft und kann sowohl von der textorientierten Geschichtswissenschaft als Hilfswissenschaft verwendet werden, aber - das meine ich mit Reziprozität - kann ihrerseits die Geschichtswissenschaft als Hilfswissenschaft verwenden. Da die meisten Archäologen in Dtld. eine althistorische Ausbildung haben, ist sein Vorwurf absurd, die Archäologen hätten alle keine altphilologischen Kompetenzen. Das ist zwar in der Tat ein Problem, dass den jüngeren Generationen (worunter ich auch diejenigen, die in den Neunzigern ihr Studium begannen, also auch mich selbst, zähle) deutliche Defizite in den Altphilologien haben, aber das ist ja kein auf Archäologen beschränktes Problem, sondern gilt für Historiker gleichermaßen (ich bin Historiker, nur zur Anmerkung, gehöre also nicht zu der der Unkenntnis bezichtigten Gruppe).
Ist das nicht ein eigenes Thema? Auch mir ist Kehnes Bissigkeit aufgefallen, in
Kontaktzone Lahn Studien zum Kulturkontakt zwischen Römern und germanischen Stämmen - einer Veröffentlichung der Referate einer kleinen Tagung (O-Ton Einleitung) in Marburg an der Philipps-Universität 2006 lässt es sich Peter Kehne nicht nehmen, einen Beitrag des Archäologen Matthias Seidel in einem methodischen Nachtrag zu kritisieren. Die Kritik erscheint mir nicht unberechtigt (Kritik an der Verwendung eines verallgemeinerten "die Germanen", Kritik an von Seidel postulierten pauschalisierten friedlichen Verhältnissen in Hessen - gegen dies die Feldzüge Drusus gegen Chatten 9 v.Chr. und Germanicus 15 und 16 n.Chr. - Vorwurf, Aussagen stützen sich auf einen spärlichen archäologischen Befund) - der Unterton ist jedoch tatsächlich so, dass Matthias Seidel stellvertretend für eine konkurrierende Zunft abgestraft werden, während die "
Alte Geschichte immerhin (weiß), dass "die Germanen" dort in augusteiischer Zeit politisch nicht existierten und dem entsprechend nicht kollektiv handeln oder sich verhalten konnten" (Kehne,S.64).
In Fußnoten wird weiterhin D.Baatz stellvertretend kritisiert: für "
diesbezüglich überhand nehmende Publikationsredundanz"(S.34), "
dass Baatz offenbar nicht einmal in der Lage ist, das aus Cäsar (Gall.4,16,1) verabsolutierte Zitat richtig zu übersetzen, ist hier zu beobachten, was in etlichen archäologischen Arbeiten immer häufiger vorkommt - wichtige Forschungspositionen der Alten Geschichte überhaupt nicht mehr zur Kenntnis genommen werden" , im Vortrag Kehnes Heinrichs und die Klientenstaatstheorie. So gewinne ich als Lesender den Eindruck, dass Kehne die Tagung genutz hat, um seinen Zorn gegen die mehrheitliche Archäologie (es werden einzelne gelobt) zu richten. Matthias Seidel, dessen Referat (dass er eines hielt interpretiere ich aus Kehnes Nachtrag) allerdings nicht im Tagungsband erschienen ist (vielleicht als Reaktion auf Kehnes Kritik?) scheint Peter Kehne schon vorher im Visier gehabt zu haben. Zu einer Veröffentlichung von Seidel schreibt er, dass Seidel/Kneipp "
eine lediglich populärwissenschaftliche Darstellung bieten"(S.32) (Die Chatten, ein germanischer Stamm im Spiegel der archäologischen Funde 2006) und dann "
Symptomatisch für das höchst bedauerliche und wissenschaftlich schädliche Auseinanderklaffen von Provinzialrömischer Archäologie und Alter Geschichte ist der Abriss "Frührömische Truppenbewegungen in der hessischen Senke und die einheimische Bevölkerung" von Seidel, Wetterau, 108ff, der (für Historiker übrigens terminologisch irreführend keineswegs Ereignisse unter Romulus oder Ancus Marcius meint) nur noch Beiträge anderer Archäologen zitiert und die eigentlich hierfür relevante althistorische Forschung durchgängig ignoriert, was konsequenterweise zu grotesken Fehleinschätzungen römischer Außenpolitik führt (Kehne, S.41) und folgend ebenfalls in einer Fußnote "
Seidel, Latènezeit, plädiert für deren (der Mattiacer, Anm. Bitu) "in spätaugusteiischer Zeit ...von Rom initiierte, wohl eher noch sanktionierte Ausbreitung"in der Wetterau und darum herum, ohne auch nur den mindesten Beweis für die darin enthaltenen politischen Implikationen beibringen zu können. Gemäß der Communis opinio nimmt Seidel ein durchgängig gutes Verhältnis zu Rom an (ebd. 124,145) und postuliert in völliger Unkenntnis der völkerrechtlichen Verhältnisse sogar einen Vertragsabschluss, d.h. ein förmliches foedus um 7. v.Chr. (ebd 1116 u 145), ohne sich auch nur im Mindesten des immanenten Widerspruchs mit seiner gleichfalls geäußerten Ansicht, "dass die Gründung Bad Nauheims (des augusteischen Kastells) im Gefolge des postulierten Vertragsabschlusses mit den Mattiacern um das Jahr 7 v.Chr erfolgte" bewußt zu werden, der in der prizipiellen Unvereinbarkeit der dauerhaften Stationierungen römischer Truppen im Territorium enes formal souveränen Völkerrechtssubjekts (in diesem Fall der gens foederata matiacorum) besteht" (Kehne, S.49)
Mir fällt da übrigens gerade der Widerspruch auf, dass Kehne für die Cherusker ein foedus annimmt, obwohl das Sommerlager des Varus tief im cheruskischen Gebiets stationiert war. Nur nebenbei.
Wenn Kehnes verabsolutierende Begriffe wie
symptomatisch (charakteristisch/kennzeichnend für archäologische Veröffentlichungen)
völlige Unkenntnis (römischer Rechtsbegriffe),
Publikationsredundanz (überflüssige Veröffentlichungen),
Kenntnislosigkeit (der Historischen Forschung, von Latein, der richtigen Terminologie),
groteske Fehleinschätzungen (römischer Außenpolitik) summiert werden, wird seine Stoßrichtung klar: die Achäologie hat sich aus dem Gebiet der Alten Geschichte herauszuhalten, weil ihr dazu jede Kompetenz fehlt, beziehungsweise in erweiterter Interpretation, wenn ich EQ folge, soll sich der Althistorik unterzuordnen, Hilfswissenschaft zu bleiben.
Allerdings muss ich sagen, dass ich zum Beispiel in einem textilarchäologischen Werk über den abwertenden, desinteressierten und einseitig partiellen Umgang der Autorin mit den historischen Quellen zur Kleidung und Textilien erstaunt war (Johanna Banck-Burgess, Mittel der Macht. Textilien bei den Kelten, 2012). Johanna Banc-Burgess ist eine hervorragende Kennerin der Textilarchäologie, der Handwerkskunst des Webens, und dies ist die Stärke der Veröffentlichung. Aber: In ihrem Buch werden völlig unkritisch die Swastiken auf den frühlatènezeitlichen Stoffen der Hochdorfer Kelten als Symbole der Macht gedeutet (das stelle ich übrigens infrage, sie bleibt einen Beleg schuldig), und Banck-Burgess hält es nicht als erforderlich, dazu wenigstens kritisch die Forschungsliteratur zur Ideologiegeschichte des Swastikas zu erwähnen.
Ich kann daher manchen Kritikpunkt Kehnes nachvollziehen, seine Pauschalisierung und Verabsolutierung der Kritik teile ich nicht.
Zum Konflikt um Kalkriese zwischen Kehne und die Ausgrabungsleitungen von Kalkriese empfinde ich Stefan Burmeister (Hermeneutik des Konflikts) erhellend:
"
Der Wert der Schriftquellen steht damit nicht in Frage, sie erfordern in jedem Falle aber einen kritischen Umgang. Nur: wer kann und wer darf kritisieren? Die historischen Informationen bilden vielfach das ›Koordinatensystem‹ archäologischer Deutungen, was mitunter zu dem Vorwurf einer Tyrannei der Schriftquellen geführt hat (z. B. Champion 1990, S. 91). Die oben beschriebenen Diskrepanzen zwischen archäologischem Befund und literarischer Überlieferung werden von Nicht-HistorikerInnen in einem Akt der disziplinären Selbstermächtigung durch eine Korrektur der historischen Texte aufgelöst (z.B. Rost 2003; Speier und Dieckmann 2005).
Aber auch der Althistoriker Reinhard Wolters betont: »Die unzweifelhafte Identifikation der Schlachtstätte wird es erst erlauben, die Gültigkeit der bisherigen Interpretationen zu überprüfen und den Wert der Berichte sowie den Darstellungsstil der einzelnen Autoren, ihre Wirklichkeitstreue und ihren Umgang mit topischen Elementen, dann von diesem gesicherten Punkt aus neu zu bestimmen« (Wolters 1993, S. 177). Zu solchen Revisionen sieht der Althistoriker Peter Kehne jedoch nur die philologisch Kundigen und geschichtswissenschaftlich Geschulten befähigt; den in Kalkriese tätigen ArchäologInnen und NaturwissenschaftlerInnen spricht er dies explizit ab (Kehne 2018, S. 59–60). Das ist zunächst ein Akt der disziplinären Grenzziehung und Demarkation akademischer Deutungshoheiten (siehe Gieryn 1983), doch auch nachvollziehbar in Anbetracht mitunter sehr leichtfertiger ›Korrekturen‹ der textlichen Überlieferung. In jedem Falle ist hier insbesondere auf Wolters zu verweisen, der herausstellt, dass die Voraussetzung jeglicher Neubestimmungen der antiken Texte in der »unzweifelhaften Identifikation der Schlachtstätte« liegt (Wolters 1993, S. 177) – und diese ist bislang eben nicht unzweifelhaft erfolgt." Hermeneutik des Konflikts: Kalkriese als Ort der Varusschlacht , 2022, S.105