Völkerwanderung in der Neuzeit bzw. gesellschaftliche Verschiebungen

Dieses Thema im Forum "Sonstiges in der Neuzeit" wurde erstellt von Köbis17, 29. August 2015.

  1. Augusto

    Augusto Neues Mitglied

    @thanepower: Du vernachlässigst in Deiner Analyse weitere Aspekte, die Menschen, die vor und nach dem Mauerfall die DDR verliessen,mit Unternehmern gemeinsam haben: Unternehmungsgeist, Risikofreude, Vermeidung von Bevormundung, das Schicksal in die eigene Hand nehmen, Suche nach (und Lust auf) neue Herausforderungen, den Horizont erweitern...
    Gerüchteweise soll es auch den einen oder anderen Schwaben geben/ gegeben haben, den es nach Berlin (manchmal sogar Ost-Berlin!) zog (ich kenne allerdings v.a. Hannoveraner, die sich dorthin auf den Weg machten). Rational und egoistisch, weil in Berlin ja bekanntermaßen das Geld auf der Straße liegt, während es in Schwaben während der Kehrwoche wieder aufgefegt wird...
    Die Rostocker und Greifswalder, die wir 89/90 regelmäßig auf dem Hamburger Kiez aufsammelten (das Gute an WGs ist, daß eigentlich immer ein Mitbewohner aushäusig ist und so Gästezimmer verfügbar sind), haben "zweckorientiert und utilitaristisch" ihr Begrüßungsgeld schon vorher für Sprit verballert, und die bekannt günstigen Hamburger Bierpreise in solchem Maß ausgekostet, daß sie gar nicht mehr zum Bananenkauf auf dem Fischmarkt kamen.Nicht wirklich "individuell", schon eher zu viert oder fünft im Trabbi. Die "Systemrivalität" entschied sich dadurch, daß es (a) überhaupt eine größere Anzahl von Restaurants, Clubs und Kneipen gab, in die man (b) ohne vorherige Reservierung hineinkam, wo (c) andere und (gefühlt) deutlich bessere Musik als zu Hause lief, und (d) notfalls auch noch billiges Bier an der (jetzt leider abgerissenen) durchgängig offenen Tanke zu kriegen war. Ähnliche Kriterien (Ausnahme: Punkt b) legten übrigens auch, ebenfalls "zweckorientiert und utilitaristisch", Soltauer, Itzehoer, Segeberger etc. zugrunde. Es soll sogar mal ein paar Jungs aus Liverpool gegeben haben, die sich "zweckorientiert und utilitaristisch", jedoch als Band, in der Gegend herumgetrieben haben, um anschließend mit ihrer Musik die "Systemrivalität" anzustacheln (Help!).
    Kann es sein, daß Du damals noch nicht dabei warst, und nicht wirklich weißt, wovon Du gerade redest?
     
    Zuletzt bearbeitet: 4. September 2015
  2. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Die letzten Beiträge wurden gelöscht.

    Ein Blick in die Zeitungen von heute zeigt, dass die Begrifflichkeiten tagespolitisch umstritten sind. Zum Verweis auch die europäische oder sogar internationale Diskussion zur Begrifflichkeit "illegal" und "irregular migration".

    Siehe auch zu den auch vorhandenen negativen Konnotationen:
    DGs - Migration and Home Affairs - What we do - Policies - Irregular-migration-return-policy
    Einwanderungspolitik in der Europischen Union – eine schwierige Debatte | bpb
     
  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Das ist gleichzeitig richtig und falsch. Die Leute, die hier klandestin einwandern und den Schleppern tausende, z.T. zehntausende € für ihre schlechte Betreuung bei der Durchquerung der Wüste und Überquerung des Meeres bezahlen, sind verzweifelt, auch wenn sie vielleicht Geld aufbringen können. Viel wichtiger ist aber, dass das Geld sehr, sehr häufig auf Pump ist. Sprich: Die Leute, die nach Europa kommen wollen, müssen sich verdingen. Die 50.000 € die Nigerianerinnen vor ein paar Jahren noch an Schlepper zahlen mussten, um durch die Wüste und über das Mittelmeer nach Europa gebracht zu werden, mussten sie erst in Europa erarbeiten, meist als Prostituierte. Tun sie das nicht, müssen sie mit Repressalien (etwa Folter) für ihre Familienangehörigen rechnen.

    Das ist jetzt aber geschönt. Reem, die du hier ja offenbar ansprichst, mag ein intelligentes und fleißiges Mädchen sein, dass sie sich mit Merkel auseinandersetzte, lag aber an Merkels Terminkalender und nicht an Reems Leistungen (die damit in keiner Hinsicht geschmälert sein sollen). Und in vier Jahren kann man genug Deutsch lernen, um das zu machen, v.a., wenn man in D wohnt.


    Du hast im Satz zuvor noch vom Brain Drain gesprochen. Für die Herkunftsländer ist es immer ein Fluch, wenn ausgerechnet die gebildete Elite abwandert. Denn von wem, wenn nicht von dieser, sind Innovationen zu erwarten, die eine darniederliegende Wirtschaft wieder in Gang bringt? Dem einzelnen Auswanderer kann man das natürlich nicht vorwerfen, der muss erst mal zusehen, dass er sein eigenes Auskommen hat. Das ist eben ein Teufelskreis.

    Ach, hör doch bitte auf mit deinem - nun wiederholten - Gutmenschengebashe auf! Es geht im Moment einfach mal darum, dass die Leute nicht mehr im Mittelmeer ersaufen und sich auf fragwürdige Schleuserbanden einlassen müssen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. September 2015
  4. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied


    Grundsätzlich sehe ich das genauso, denn die Emigrations- und Immigrationsbewegungen in der Neuzeit sind äußerst heterogen, und man müsste zumindest das Thema eingrenzen, damit wir wissen, worüber wir überhaupt reden.

    Bei tagesaktuellen Problemen sollte man die Sprache und Terminologie sorgfältig beobachten, nicht zuletzt, weil Sprache verräterisch ist. Vieles, was so mancher Zeitgenosse, manche Zeitgenossin von sich gibt, ist latent rassistisch, man denke nur an Gloria von Thurn und Taxis, die Afrikas Probleme darauf zurückführt, dass "der Schwarze eben gerne schnackselt." Man spricht so oft von Bevölkerungsexplosion, von einer Flut, von einer Schwemme von Asylanten, und wenn von Menschen die Rede ist, von denen es zuviele gibt, die das ökologische Gleichgewicht durcheinander bringen, sind niemals "Weiße" gemeint. Dabei sind die Niederlande dichter besiedelt, als Nigeria, das bevölkerungsreichste Land Afrikas und Monaco dichter als Indien. Die Empörung über Steuerflüchtlinge wie Uli Hoeneß und Alice Schwarzer hält sich doch sehr in Grenzen. Als Michael Schuhmacher, um den sich einige so sehr sorgen, die Steuern in der BRD zu hoch waren, verdiente er 80 Millionen im Jahr. Als er bei der Oderflut 1 Millionen spendete huldigten ihm Boulevardblätter, die so gerne gegen "Wirtschaftsflüchtlinge" hetzen.

    Doch zum Thema!

    Emigrations- und Immigrationsbewegungen gab und gibt es etliche seit Beginn der frühen Neuzeit. Die Gründe waren teils religiöse Intoleranz: Angefangen mit der Vertreibung der Juden aus Spanien nach der Reconquista 1492, über die Puritaner 1620, die Hugenotten nach Aufhebung des Edikts von Nantes und die Salzburger Emigranten in den 1720er Jahren.

    Ob man die zwangsweise Verschleppung von ca 10 Millionen Afrikanern in die Neue Welt in diese Kategorie einordnen will, ist Definitionssache. Gleiches gilt für verurteilte Straftäter und Oppositionelle die zwangsweise in die Verbannung nach Australien, Sibirien und Französisch Guayana geschickt wurden.

    Schließlich die Wanderungsbewegungen während des Pauperismus und der industriellen Revolution. Irland verlor im 19. Jahrhundert fast 1/3 seiner Bewohner durch die Great Famine und dadurch bedingt Auswanderung in die USA undnach Kanada.

    Soziale Perspektivlosigkeit und Pogrome und Verfolgungen trugen dazu bei, dass Juden überdurchschnittlich häufig die Heimat verlassen mussten. Die Vertreibung aus Spanien habe ich schon erwähnt, zahlenmäßig bedeutender war aber die Emigrationsbewegung aus Gebieten der heutigen Ukraine im Zuge eines Kosakenaufstands unter Bogdan Sczelmnicki 1648. Obwohl es anfangs auch jüdische Kosaken gab, wurden die Juden als Händler beneidet und als Makler zwischen katholischen Magnaten und orthodoxen Kosaken gehasst. Die Zahl der Opfer, die Pogromen zum Opfer fielen, war sehr hoch, Schätzungen gehen von bis zu 100.000 Opfern aus, und noch größer war die Zahl der Vertriebenen, die ihre Heimat verlassen mussten und u. a. in Territorien des Heiligen Römischen Reichs Schutz suchen mussten.

    Im 15. Jahrhundert gelangten die ersten Roma ins Reich, und wenn Juden, sofern sie Schutzgeld bezahlen konnten zumindest geduldet wurden, mussten Zigeuner schlimmstenfalls damit rechnen, getötet oder gelyncht zu werden. Zigeunerstöcke an den Landesgrenzen illustrierten, was ihnen blühte. Mancherorts wurden sie zwangsweise sesshaft gemacht. In der staatlichen Tabakmanufaktur in Sevilla arbeiteten zwangsrekrutierte Zigeunerinnen, die dort Zigarren drehen mussten, das ist der Hintergrund der Handlung von Bizets Carmen.

    Unter dem Eindruck der Dreyfusaffäre veröffentlichte Theodor Herzl seine Schrift "Der Judenstaat". Alija heißt ursprünglich Wallfahrt nach Palästina, und die ersten Aljoten kamen nach den Vertreibungen 1492 aus Spanien nach Palästina. Mit Alija ist die Wiedereinwanderung der Juden nach Palästina gemeint. Die erste Alija dauerte von 1882-1903. Ähnliche Verwerfungen wie die Wende in Deutschland war in Israel mit der Einwanderung von Juden aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion verbunden und aktuell mit der Einwanderung von äthiopischen Juden nach Israel.


    Schließlich die Wanderungsbewegungen von "Gastarbeitern" nach dem 2. Weltkrieg. Das Phänomen billige Arbeitskräfte anzuwerben, existiert seit dem 19. Jhd. Nach dem Ende des Bürgerkrieges setzte die Erschließung des Westens ein. Da die Sklaverei nunmehr verboten war, heuerten die Western und Unionpacific Hunderttausende von Kulis in China für den Eisenbahnbau an. Die Arbeit war hart, gefährlich und für nicht wenige tödlich.

    Um noch einmal auf den Alten Fritz zurückzukommen. Der schrieb zwar, er wolle Einwanderern (die zahlten) Moscheen bauen, was damals nicht ernst gemeint war. In Punkto Einwanderungspolitik war sein knauseriger Vater, der Soldatenkönig wesentlich generöser, der den Salzburger Emigranten Asyl gewährte. Nicht ganz uneigennützig, denn die meisten waren Fachkräfte wie auch die Hugenotten, die sein Großvater ins Land holte. Auch Karl von Hessen-Kassel gewährte Hugenotten Asyl. Im heutigen Schwalm-Eder gibt es heute noch ein Dorf Frankenhain, das von Hugenotten besiedelt wurde, und denen haben wir auch viele der bekanntesten Märchen der Gebrüder Grimm zu verdanken. Wie die Iren und Italiener in den USA und eigentlich alle Fremden stießen die nicht nur auf Begeisterung bei den Ureinwohnern. Das lag nicht nur an Xenophobie, sondern auch an Privilegien, die die Landgrafen den Hugenotten gewährten. Sie wurden von Einquartierungen befreit und durften nicht zwangsweise zum Militär eingezogen werden. Unter dem Offizierskorps, das Karls Enkel Priedrich II. 1776 nach Amerika schickte, waren allerdings etliche Nachkommen von Hugenotten.

    Der preußische Friedrich II. ließ nur Juden nach Preußen, die einen Schutzbrief zahlen konnten und gestattete nur einem Sohn den Aufenthalt in Berlin. Moses Mendelsohn, einem der bedeutendsten Vertreter der Haskala, der jüdischen Aufklärung blieb trotz seiner Verdienste und der Fürsprache des Präsidenten die Aufnahme in die Preußische Akademie der Wissenschaften verwehrt.
     
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  5. Augusto

    Augusto Neues Mitglied

    Zum Beispiel! Es geht auch darum, das Schleuserwesen durch die Sahara stillzulegen, weil sich dadurch der regionale Islamismus (plus, für Routen aus Syrien/ Afghanistan, organisierte Kriminalität auf dem Balkan) finanziert. Und es geht darum, daß, wenn es schon einen massiven "brain drain" gibt (heute aus Afrika, in den 1990ern aus Osteuropa einschließlich der ehemaligen DDR), diesen als eben nicht nur aus Verzweiflung, sondern auch und vor allem aus Abenteuerlust, Neugier, meinetwegen auch "Utilitarismus" gespeistes Phänomen zu akzeptieren, und anschließend das Beste daraus zu machen. Einen Einstieg in die hierzu seit über 20 Jahren geführte Fachdebatte bietet u.a.
    Fachexpertise. Migration und Entwicklung
    Hierbei - übrigens kein "Gebashe" - bleibe ich. Die Dimension des deutschen demographischen Wandels rückt ab und zu mal in den Blickpunkt der öffentlichen Debatte. Die Tatsache, daß die wirtschaftliche Weltmacht Deutschland (plus A/CH, Benelux, Skandinavien und weitere angrenzende Regionen) ihrer Verantwortung für die Welt, von der man ansonsten sehr gut lebt, auf vielen Ebenen gerecht werden muß und kann, und Umgang mit Migration eine dieser Ebenen ist, noch viel zu wenig.

    P.S: Mit dem stellvertretenden Präsidenten der IHK Mazar-al-Sharif habe ich mich länger darüber unterhalten, was er aus seiner Hamburger Schulzeit mitgenommen hat. Ähnliche Diskussion führte ich mit einem äthiopischen Lackhersteller, dessen Familie in den 1980ern nach England emigrierte, und der heute bei Daimler-Benz als Zulieferer für deren Montage in Djibouti akkreditiert ist, weil er früh auf lösungsmittelfreie Lacke umstellte.
    Die Frage, warum Indonesien, anders als z.B. Ägypten, eine relativ friedliche Transformation vom Suharto-Regime in eine halbwegs ordentlich funktionierende Demokratie (schlechter als in Singapur, aber deutlich besser als in Thailand oder den Phillipinen) gelang, lohnt sicher detaillierte Vertiefung und differenzierte Betrachtung. Hier nur der Hinweis, daß der Architekt des Übergangs, Bacharuddin Jusuf Habibie, von 1954-74 in Deutschland studierte und arbeitete. Zeitweise bestand sein halbes Kabinett aus in Deutschland ausgebildeten Ministern. Über ein anderes politisches und wirtschaftliches "Musterland" mit ebenfalls stark deutsch geprägter Elite, Ghana, hatte ich schon weiter oben berichtet. Costa Rica und Chile lohnen hier vielleicht ebenfalls Erwähnung - allerdings ging dort die Migration in die umgekehrte Richtung. Ich will die komplexen sozio-kulturellen Prozesse in den vorgenannten Ländern keinesfalls auf Erfahrung Einzelner mit/in deutscher Nachkriegskultur reduzieren, aber der Entwicklung schädlich scheint diese Erfahrung nicht gewesen zu sein.
     
    Zuletzt bearbeitet: 6. September 2015
  6. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied


    Armut, politische Unruhen, Kriege, Diskriminierung und Verfolgung sind auch heute noch die Hauptgründe für Emigration/Imigration. Zu ergänzen wären nur noch die Hoffnung auf Verbesserung der persönlichen Lebensverhältnisse, wenn nicht für sich selbst, so doch wenigstens für die Nachkommen und Anreize wie Steuererleichterung, Befreiung von Militärdienst/Einquartierung. Im Grunde genommen waren und sind es die immer gleichen Motive, die als Push and Pull- Faktoren Emigration und Imigration dynamisieren

    Das trifft auf Bauern im Mittelalter zu, die in die Städte flüchteten (Stadtluft macht frei nach Jahr und Tag) wie für ehemalige Sklaven die nach dem Bürgerkrieg oder während der Reconstruction-Ära aus den Südstaaten abwanderten, um in den Industriezentren des Nordens oder im Westen ihr Glück suchten.

    In unseren säkularisierten Zeiten hat ein weiteres Motiv für Auswanderung an Gewicht verloren, nämlich die freie Religionsausübung. Die Einwanderungswelle Ende des 17. und in den ersten Dekaden des 18. Jhds während der Zeit des "Great Awakenings" war die größte nicht angelsächsische auf dem Gebiet der heutigen USA. Pietisten wie jakob Spener und Samuel Urlsperger standen in engem Kontakt mit William Penn, und zur Zeit der Amerikanischen Revolution gab es vor allem in der Kolonie Pennsylvania Dörfer und Städte. Einen Tag nach der Unabhängigkeitserklärung, also am 5. Juli 1776 erschien im Pennsylvanischen Landboten, einer deutschsprachigen Gazette die in Philadelphia erschien, die erste deutsche Übersetzung der Unabhängigkeitserklärung.


    Religionsfreiheit gehörte auch zu den Privilegien, mit denen die Zaren Einwanderer aus Westeuropa zu gewinnen versuchten. Die Nemezkaja Sloboda, die deutsche Vorstadt faszinierte schon als Jugendlichen Peter den Großen, der dort Impulse aufnahm für die Europäisierung des Zarenreichs. Während der Großen Gesandschaft rekrutierte der Zar aus ganz Europa Fachkräfte. Religionsfreiheit, Befreiung vom Militärdienst und mehrjährige Steuerbefreiung gehörten zu den Privilegien, mit denen Katharina II. deutsche Kolonisten anwarb, um Gebiete an der Wolga zu besiedeln.
     
  7. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    Also Wirtschaftsflüchtlinge?
     
  8. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Und in der Regel finden diese Prozesse vor dem Hintergrund sehr gezielter politischer Initiativen statt, wobei eine Initiative auch in Inaktivität bestehen kann.

    Zu den gezielten politischen Initiativen würde ich das Beispiel Japans zählen und das Beispiel macht deutlich, dass "Völkerwanderung" und politisch inspirierte Expansion Hand in Hand gehen können, aber nicht zwangsweise gehen müssen.

    Japan ist vermutlich das Land, das im zwanzigsten Jahrhundert seine Bevölkerungsentwicklung versucht hat zu kombinieren mit einer imperialistischen politischen Strategie. Diese politische intendierte und geplante Migration von japanischer Bevölkerung bildete an zwei Punkten die strukturelle Ursache für den Konflikt Japans mit den USA und der UdSSR.

    Im Jahr 1875 wurde durch den amerikanisch-hawaiiansichen Handelsvertrag ein nur "notdürftig verborgenes Protektorat über Hawaii" durch die USA errichtet, wie Dülffer u.a (S. 457) in Anlehnung an Wehler konstatieren.

    Um den Zuckeranbau auf der Insel zu betrieben war die kleine weisse Elite des Landes darauf angewiesen, "Kontraktarbeiter", im wesentlichen Japaner zu beschäftigen. Im Jahr 1896 erreichte der Anteil der Japaner an der gesamten Bevölkerung Hawaiis mit 25 % seinen höchsten Stand und erzeugte einen hohen politischen Druck auf die lokalen politischen - pro- amerikanischen - Eliten und die USA, die Annektion der Insel zu beschleunigen.

    In dieser Situation eskalierte der Konflikt zwischen Japan und den USA, da Japan die Interessen seiner Bürger auf Hawaii schützen wollte. Eine "Eindämmung" des Konflikts, ausgelöst durch die Zuwanderung von Japanern nach Hawai, wurde durch zwei Aspekte begünstigt.

    "Der aggressive Expansionismus Deutschlands und Russlands in Ostasien führte der japanischen Regierung deutlich vor Augen, dass die USA nicht der Hauptgegner [um 1900 !!] waren, sondern vielmehr das US-Kapital für Investitionen .... dringend benötigt wurde." (S. 472).

    Dieses Beispiel zeigt einerseits, dass durch Migration eine Region destabilisiert werden kann, aber das nicht zwangsläufig in einen Krieg einmünden muss. Nicht die Migration ist das Problem, sondern die die Gesamtlage der unterschiedlichen politischen Otionen.

    Dennoch bleiben die strukturellen Probleme für Japan nach dem WW1 erhalten, da es als Wirtschafts- und Militärmacht in der Region sich gegen die westlichen Großmächte (dazu zählt auch die Sowjetunion) behaupten wollte.

    Die Konfliktlinie zu den USA war nur vorübergehend entschärft, aber der Bedarf nach rohstoffreichen Gebieten und dem Ansiedeln des japanischen Bevölkerungs-Überschusses hielt die Option für eine staatlich gelenkte Migration offen.

    In den dreißiger Jahren orientierte sich dann Japan in Richtung der Mandschurei und versuchte dort, wie Young es eindrucksvoll aufzeigt, seine strukturellen Probleme zu lösen.

    Ab 1936 wurde die "Migration Machine" (S. 352) in Richtung der Mandschurei durch das Hirota-Kabinett zu einer der zentralen politischen Anliegen Japans.

    Nur durch die Realisierung der imperialen Expansion, indem im großen Umfang japanische Siedler in der Mandschurei angesiedelt worden sind, schuf Japan sich eine Basis, um zunächst in den dreißiger Jahren die UdSSR massiv zu bedrohen und dann in der Folge den "Südschwenk" zu vollziehen, der die Ausrichtung der imperialen Expansion in Richtung Pazifik lenkte.

    Der Ausgang des Krieges hat weitere japanische Migrationswellen dann verhindert.


    Dülffer, Jost; Kröger, Martin; Wippich, Rolf-Harald (Hg.) (1997): Vermiedene Kriege. Deeskalation von Konflikten der Grossmächte zwischen Krimkrieg und Erstem Weltkrieg (1865-1914). München: R. Oldenbourg. S. 457-474

    Young, Louise (1998): Japan's total empire. Manchuria and the culture of wartime imperialism. Berkeley: University of California Press
     
    Zuletzt bearbeitet: 6. September 2015
  9. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    Ohne gleich wieder als Nörgler oder sonst was abgestempelt zu werden, aber ich verstehe den Zusammenhang nicht zwischen dem Zitat und deine Antwort nicht und ich hoffe, du kannst das etwas näher erläutern ...

    Es geht um das hier:

    Ich wäre dankbar, wenn Du den Zusammenhang zum japanischen Imperialismus darlegen könntest, also wenn es dir nichts ausmacht, weil ich würde es auch gern verstehen.
     
  10. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Es geht um die unerschiedlichen Facetten von "Bevölkerungsexplosion" und welche unterschiedlichen Strategien damit zusammen hängen können.

    Und mein Beitrag ergänzte den von Scorpio um weitere Möglichkeiten der Interpretation.

    Und es ist der Versuch, und da folge ich auch Scorpio, die historische Dimension des Themas wieder in den Vordergrund zu stellen.
     
  11. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    Dein Beispiel würde ich aber weniger mit Flüchtlingswelle interpretieren, sondern mehr wie ab den 60iger Jahren in der BRD stattfinden Gastarbeiterwelle.
    Du schreibst ja auch selbst von einer: "... gezielten politischen Initiativen...". Dass kann doch nicht mit einer von Scorpio genannten: ... Bevölkerungsexplosion, von einer Flut, von einer Schwemme von Asylanten ..." vergleichen, wenn es eine Initiative der Japaner selbst darstellte, oder habe ich da was falsch verstanden?
     
  12. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Vielleicht habe ich mich nicht präzise ausgedrückt.

    Ich rede nicht über Flüchtlinge etc., sondern über einen demographischen Druck auf eine Regierung bzw. eine Nation, die durch staatliches Handeln gezielt kanalisiert werden kann und zu dem damaligen Zeitpunkt für imperiale Zwecke instrumentalisiert wurde.
     
  13. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    Na dann habe ich dich doch richtig verstanden, aber in welchem Zusammenhang steht eine gezielte "Aussiedlung" der eigenen Bevölkerung mit einer aus Not flüchtenden Bevölkerung bzw. einer wie, Scorpio schrieb, Schwemme von Asylanten?
     
  14. Augusto

    Augusto Neues Mitglied

    Ich habe Scorpio und thanepower so verstanden, daß sie den "pull" etwas differenzierter darstellen wollten. Da gibt es ein Kontinuum mit teilweise fließenden Übergängen, das mit erzwungener Ansiedlung (Sklaverei) beginnt. Irgendwo danach auf der Skala kommt gezielte Ansiedlungsförderung, sei sie machtpolitisch gesteuert (Japan), mit Privilegien verbunden (Deutsche Ostsiedlung, Religions-, Gewerbe- und Steuerfreiheit für Immigranten in die Altonaer Große und Kleine Freiheit), oder Anwerbung von Arbeitskräften (Gastarbeiter, hawaiiianische Plantagen, US Eisenbahnbau etc.). Am unteren Ende der Skala werden die Prozesse einfach "laufen" bzw. interessierten Parteien (Reedereien, Schlepper) überlassen, und der "pull" resultiert aus attraktiveren Rahmenbedingungen (Religionsfreiheit, Landverfügbarkeit etc.) des Ziellands.
     
  15. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Ich würde eher von Armutsflüchtlingen sprechen, aber ganz genau das, was im Bürokratendeutsch mit "Wirtschaftsflüchtlingen" gemeint ist, waren die Iren, die während der "Great Famine" die Heimat verließen, um zu versuchen, sich in den USA eine Existenz aufzubauen. "Wirtschaftsflüchtlinge" waren im Grunde fast alle aufgezählten Emigranten/Immigranten. Als politisch Verfolgte würden jedenfalls die wenigsten heute anerkannt werden.

    Die Begeisterung über die Ankunft der Paddies und "Micks" hielt sich bei vielen Zeitgenossen in Grenzen. Vielerorts wurden sie z. B von alteingesessenen Hafenarbeitern als unerwünschte Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt in New York oder Boston wahrgenommen.
     
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  16. Lafayette II.

    Lafayette II. Aktives Mitglied


    Du meintest doch den "push", oder?
     
  17. Heine

    Heine Aktives Mitglied

    Letztens habe ich eine Doku über das erschütternde Schicksal der irischen Eisenbahnarbeiter von Duffy's Cut gesehen. Im Jahr 1832 heuerte ein amerikanischer Unternehmer 57 irische Arbeiter an, um eine 30-Meilen-Eisenbahnstrecke durch schwieriges Gelände zu bauen. Weniger als 2 Monate nach ihrer Ankunft waren die Einwanderer alle tot. Bislang war man davon ausgegangen, dass sie an Cholera starben, aber einige im Jahr 2009 ausgegrabene Skelette und Schädel zeigten Verletzungen, die auf Mord schließen lassen.

    https://en.wikipedia.org/wiki/Duffy's_Cut
     
  18. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied


    Trotz Vorurteilen gegenüber Iren erweckte die Hungerkatastrophe der 1840er Jahre Mitgefühl, und es verbreitete sich eine gewisse Irenbegeisterung in den USA, ähnlich der Sympathien für den Freiheitskampf der Griechen in den 1820er Jahren oder der Polenbegeisterung um die Mitte des 19. Jhds in Europa. Die Iren hatten den Ruf, sehr rauflustig und trinkfreudig zu sein, galten aber als tüchtige, fleißige Arbeiter, und besonders irische Kindermädchen waren sehr begehrt. In den USA geborene Nachkommen europäischer Immigranten erhielten die amerikanische Staatsbürgerschaft, und innerhalb von nur 1-2 Generationen hatten irischstämmige Amerikaner auch im Staatsdienst Fuß fassen können, vor allem bei der Polizei in den atlantischen Staaten. New York City und Boston waren geradezu eine Domäne irischstämmiher Cops.

    Wesentlich schwieriger war die Lage der Chinesen, von denen seit dem kalifornischen Goldrausch etwa 300.000 Menschen in die USA eingewandert waren. Chinesen musten eigene Steuern zahlen, Eheschließungen mit europäischstämmigen Amerikanern waren ihnen verboten, und auch die amerikanische Staatsbürgerschaft blieb ihnen versagt. 1882 machten die USA mit dem Chinese Exclusion Act die Grenzen dicht für chinesische Einwanderer und zwar für mehr als 60 Jahre bis 1943.
    Das bedeutete, dass nicht nur jede weitere Einwanderung verboten, sondern auch Familienzusammenführung blockiert wurde.

    In Clint Eastwoods Western "Erbarmungslos" wird kurz erwähnt, dass der Revolverheld English Bob, dem ein Groschenromanautor den Beinamen Duke (Duck) of Death (Richard Harris) verleiht, Chinesen liquidiert, deren Arbeitskraft für den Eisenbahnbau nicht mehr benötigt wird. Diese Anspielung basiert auf ´Tatsachen. In den 1870er Jahren wurden Chinesen immer wieder zu Opfern von Pogromen wie man sie in diesem Zeitraum nur aus dem zaristischen Russland kennt.
     
  19. Augusto

    Augusto Neues Mitglied

    Nein, ich meinte "pull", wie in "Land, wo Milch und Honig fließt", "Land der unbegrenzten Möglichkeiten", oder auch "Lebensraum im Osten".
     

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  20. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied


    Das war problematisch, denn im 17. und 18. Jahrhundert war in den meisten deutschen Territorien wegen der Peuplierungspolitik der Fürsten Auswanderung verboten, jedenfalls hätte man ohne Einwilligung der Obrigkeiten kaum offen Auswanderer anwerben können. Die größeren organisierten Auswanderungsbewegungen im 17. und 18. Jahrhundert, die Salzburger Protestanten, Mennoniten, Hutterer zeichneten sich dadurch aus, dass es keine armen Schlucker waren und die Kolonisten ein Handwerk gelernt oder über landwirtschaftliche Erfahrungen verfügten, und das traf auch auf die Kolonisten zu, die sich in den ersten Jahrzehnten des 18. Jhds im Banat und Siebenbürgen niederließen oder später von Katherina II. an der Wolga angesiedelt wurden. Dass ganze pauperisierte Dörfer geschlossen nach Amerika auswanderten, war eher ein Phänomen der 1820er Jahre, und dabei ging die Iniative oft von den deutschen Gemeinden aus. Seit regelmäßig Schiffe mit Passagieren zwischen den deutschen Häfen verkehrten, kam es manche Gemeinde billiger, die einmaligen Kosten für eine Passage zu übernehmen und Arme damit für immer loszuwerden.

    Natürlich gab es aber auch im 17. und 18. Jhd die Praxis, dass Auswanderer, die eine Passage nicht bezahlen konnten, mit Kapitänen oder Reedereien Kontrakte unterzeichneten, in denen sie sich verpflichteten ihre Arbeitskraft für einige Jahre in der Regel 4-7 Jahre als Indentured Servants bereitzustellen, um damit die Kosten für die Überfahrt zurückzuzahlen. Im günstigsten Fall war das eine milde Lehrzeit, an deren Ende ein Schuldknecht eine Parzelle Land erhielt, im schlimmeren Fall war es Ausbeutung, und es zirkulierten Warnungen die vor Schleppern warnten. Viele Kapitäne arbeiten mit Agenten zusammen, die Arbeitskräfte für Landwirtschaft etc vermieteten. Dazu aber hätten die Holländer, Schweden und Engländer nicht in den deutschen Ländern werben müssen, arme Schlucker gab es im eigenen Land genug. Schließlich exportierten Franzosen, Holländer, Briten, Dänen, Portugiesen allein im letzen Drittel des 18. Jahrhunderts ca 3 Millionen Afrikaner als Sklaven nach Nordamerika, in die Karibik und nach Brasilien.
     

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