Völkerwanderung in der Neuzeit bzw. gesellschaftliche Verschiebungen

Dieses Thema im Forum "Sonstiges in der Neuzeit" wurde erstellt von Köbis17, 29. August 2015.

  1. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Einwanderung und Migration ist ein normales, historisches Phänomen. In Schleswig Holstein bin ich - bei eher zufälliger Betrachtung - auf zwei Beispiele gestoßen. An Stellen, an denen ich es nicht vermutet hätte.

    In Friedrichstadt in Schleswig-Holstein befindet sich eine niederländisch geprägte Gemeinde der Remonstranten.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Remonstranten

    Betrachtet man die Grabsteine vor der protestantischen Kirchen in Friedrichstadt, dann findet man entsprechende Spuren der problemlosen Assimilation von Niederländern und Friedrichstädtern, die sich verheiratet haben (vgl. Bild 1)

    Auf Nordstrand - !!!!! - findet man neben der Kirche der altkatholischen Gemeinde (vgl. Bild 2) ebenfalls ein Erinnerungsstein an die Einwanderer aus Belgien und Holland seit 1662 (vgl. Bild 3). Für mich erstaunlich, da diese Inseln / Halligen etc. stark dörflich geprägt waren und es nur wenige dominante Familiennamen auf dem Friedhof gibt. Dennoch gab es offensichtlich eine Form von Integration in diese dörflichen Gemeinschaften mit ihren klar definierten Normen und Werten.

    Neben den Beispielen zur politisch gewünschten Einwanderung der Hugenotten nach Preußen gab es offensichtlich einen problemlosen Zuzug aus Belgien und aus Holland nach Schleswig-Holstein. Und eine ausreichende Toleranz diese Zuwanderung problemlos zu integrieren.


    OT an: Was man so, bei den "sturen, wortkargen" Schleswig-Holsteinern - die Dithmarscher sind besonders schlimm, so das Image - auch nicht erwarten würde.:)
     

    Anhänge:

  2. Neddy

    Neddy Aktives Mitglied

    Ganz so einfach war es mit Friedrichstadt dann doch nicht. Zum ersten wurde der Ort eigens für die anzuwerbenden Holländer gegründet. Es gab also keine "Bio-Friedrichstädter", die sich hätten gegen den Zuzug wehren sollen. Zum anderen gab es scheints doch nicht unerhebliche Widerstände - sowohl seitens der Kaufmannnschaft der Stadt Tönning, die die Konkurrenz fürchtete, als auch seitens der Frau Mama, die keine Wiaschtgläibige in Sohnemanns Land haben wollte. https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrichstadt#Ehrgeizige_Gründungspläne_1620/1624
    Friedrichstadt war halt ein merkantilistisches Projekt, ähnlich wie Glückstadt und m. W. Mannheim.

    Ähnliches gilt übrigens auch für die Geest, also im Prinzip den Teil des Herzogtums Schleswig westlich der A7: Kolonistenland mit vier jeweils fürchterlich gescheiterten Versuchen der Urbarmachung durch Anwerbung Süddeutscher im 18. Jh.
    http://www.geschichte-s-h.de/heide-und-moorkolonisation/
    (Und - mit Verlaub - die Geest ist auch kein schöner Land in unsrer Zeit.)

    Könnte der Zuzug von Niederländern auf Nordstrand und den Halligen mit Seefahrt, insbesondere Walfang zu tun haben? Die seefahrende Gemeinde ist in der Regel bis heute durch Erfahrung weltoffener als das eine oder andere Völkchen im tiefen Binnenland.

    [Und, @ maulfaule, sture und kontaktscheue Schleswig-Holsteiner: Stimmt nicht, die tun nicht mal nur so. Das gilt übrigens auch für das zunächst eingesprengselte und weiter im Norden dominierende Völkchen mit der heißen Kartoffel im Mund und beider gemeinsame Kulturleistung, den Grenzfrieden.
    Nach dem WKII sind scheints viele vormals Deutsche über Nacht zu Dänen geworden, quasi eine Völkerwanderung auf der Stelle. Man konnte das wohl durch Selbstdeklaration (=Bekenntnisfreiheit) tun. https://www.schleswig-holstein.de/DE/Fachinhalte/M/minderheiten/minderheiten_daenen.html
    Allerdings behaupten böse Zungen, dass der Auslöser hierfür häufig keine vaterländischen oder gar Reuegefühle gewesen seien, sondern die Dänen in D seitens des Königreichs Dänemark zugebilligten Carepakete gewesen sein. Vaterlandsliebe geht halt unter anderem auch durch den Magen. Wes Lied ich sing, des Brot ich ess.]
     
    Zuletzt bearbeitet: 4. September 2018
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  3. Ingeborg

    Ingeborg Moderator Mitarbeiter

    Ja, Neddy, aber es gab nicht nur die sogen Speckdänen nach WKII. Nach 1864 gab es zuvor die "Kartoffeltysker", die es ökonomisch gesehen günstiger fanden, als Deutsche durchzugehen (es gab einen Mittelstand, der offenbar mehrheitlich beim größeren Markt, also Deutschland, bleiben wollte). Als -äh: gutnachbarliches -äh: Kompliment war es zwischen 1864 und 1920 in Gebrauch.
     
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  4. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Hatten wir eigentlich schon die (erzwungenen) Wanderungsbewegungen in der ehemaligen Sowjetunion erwähnt?
    In den 1920er Jahren gab es wohl sogar mal eine wolgadeutsche Sowjetrepublik, in den späten 1930er Jahren wurden die Wolgadeutschen vielfach nach Kasachstan umgesiedelt. Eine Ex-Freundin von mir ist in Kaschstan geboren, und sie erzählte mir, dass sie in einem Dorf in Kaschstan geboren wurde, dessen Bewohner zur Hälfte aus Wolgadeutschen bestand, die nach Kasachstan deportiert wurden, die andere Hälfte des Dorfes waren Polen aus Galizien und Weißrussland, deren Heimat nach dem Hitler/Stalin-Pakt von der Sowjetunion besetzt wurde und die ebenfalls wie die Wolgadeutschen als "unsichere" Kantonisten galten und in den 1940er Jahren zwangsweise nach Kasachstan umgesiedelt wurden. Ein Großteil der Bewohner kam als Spätaussiedler in den 1990er Jahren in die Bundesrepublik.

    Israel hatte seit den 1990er Jahren eine zahlenmäßige Einwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion. In ihren Verwerfungen und ihren kulturellen, wirtschaftlichen und demographischen Auswirkungen ist diese Migration vergleichbar mit der deutschen Wiedervereinigung und dem Zuzug von Spätaussiedlern in den 1990ern. Etwa seit der Jahrtausendwende haben Kassel und andere deutsche Städte seit den späten 1930er und 1940er Jahren wieder jüdische Gemeinden, deren Mitglieder statt Deutsch, Jiddisch und Neuhebräisch Russisch als Muttersprache sprechen.
     
  5. Stilicho

    Stilicho Aktives Mitglied

    1944 wurden nahezu sämtliche Krimtataren nach Asien verfrachtet, erst während der Perestroika konnte ein Teil zurückkehren.
    Auch sollte man nicht die Tschetschenen und andere Kaukasusvölker vergessen, welche unter Stalin zu Hunderttausenden nach Kasachstan oder Sibirien deportiert worden waren.
     

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