Zur Bedeutung rechtsradikaler Einstellungen in der deutschen Gesellschaft

Dieses Thema im Forum "BRD | DDR" wurde erstellt von thanepower, 13. Oktober 2010.

  1. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    zu 1. Im wesentlichen die Studien in der konstanz zu den Arbeiten von Adorno und anderen, basierend auf den Studien aus den dreißiger Jahren zur Autorität und Familie.

    zu 2. Die Studie, die ich als relevantes Ergebnis anführen würde ist unter folgendem Link zu ersehen, ca Seite 144 ff.

    http://library.fes.de/pdf-files/do/07504.pdf
     
  2. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Oh, mit Adorno und Fromm wäre ich vorsichtig, die zugrunde liegenden Erhebungen waren nicht repräsentativ, die Auswertungen und Interpretationen sind teilweise pauschalierend und einseitig (als Kontrastprogramm beitet sich hier bspw. Rokeach an). Selbst an der Skalierung an sich lassen sich einige Schnitzer finden. Zumindest Adorno war ja mit seiner Studie "The Authoritarian Personality" durchaus breitenwirksam (es soll ja böse Zungen geben, die allein daran schon eine gewisse qualitative Einfachheit festmachen, aber soweit wollen wir ja nicht gehen ;)), dementsprechend bekannt ist sein Werk nach wie vor, trotz einer Vielzahl qualitativ besserer Untersuchungen, die dabei auch zu bei weitem dezidierteren Ergebnissen kommen. Ich persönlich finde die Veröffentlichungen von Detlev Oesterreich zum Thema sehr lesenswert. Der aktuelle Forschungsstand ist in Kindervater et al. "Autoritarismus. Kontroversen und Ansätze der aktuellen Autoritarismusforschung" ganz gut zusammengefasst.

    :D Die gleiche meinte ich auch, ich sehe da aber keine Bestätigung der Deprivationsthese. Ich zitiere mal:
    Die Deprivationsthese besagt allerdings, dass ausschließlich Menschen, die sozial benachteiligt sind, politische Extrempositionen einnehmen. Der Deprivationsthese folgend, dürfte die "mittlere Mittelschicht" also nicht rechtsextremer sein, als die Gruppe mit dem kleinsten Einkommen.
     
  3. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    zu 1. Als relevante Studie aus dem Frankfurter Umfeld ist sicherlich die Untersuchung von M. v. Freyhold: Autoritarismus und politische Apathie, 1971 anzusehen. Sie übertragt im wesentlichen das ursprüngliche Konzept auf den deutschen Kontext, das im Rahmen der US-Studien zum autoritären Charakter von Adorno erweitert wurde.

    zu 2. In der Tat eine interessante Studie. Auf die jedoch auch Deine Kritikpunkte zutreffen. N = 298 ehemalige Absolventen einer Ausbildungsstelle in West-Berlin, die zudem von einer 20 prozentigen Panelmortalität betroffen sind, bilden durchaus eine hervorragende Grundgesamtheit für die Entwicklung von Skalen, im Sinne eines Pretests, aber nicht für eine Generalisierungsfähigkeit seiner Ergebnisse.

    Wobei Ansätze zum "Theoretical Sampling" das durchaus methodisch anders sehen.

    zu 3. Die zitierte Passage belegt Deinen Standpunkt, durchaus, dennoch wird vielschichtiger argumentiert und im Rahmen einer multivariaten Regressionsanalyse auch die Wahrnehmung der kollektiven Deprivation als im kausalen Sinne relevant unterstellt.

    Ansonsten wollte ich das Thema nicht einfach durch die These von Lipset zum Unterschichts-Autoritarismus simplifizieren. Und meine bisherigen Ausführungen lediglich auf diese Zitate zu reduzieren, würde den restlichen Thesen bzw. Argumenten nicht gerecht werden.
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. Oktober 2010
  4. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Inwieweit die Studie oder besser die Frankfurter Version der F-Skala relevant ist, lässt sich mit Sicherheit diskutieren (haben aber bereits andere getan, Rolf Wiggershaus bspw.). Hier fehlen eben - insbesondere aufgrund der durchaus umfassenden Kürzung - vorrangig die erneute Überprüfung von Validität und Reliabilität.

    Ich bezog mich mit einem Hinweis auf die Arbeiten von Oesterreich eigentlich nicht auf eine konkrete Studie, sondern vielmehr auf sei Gesamtwerk zum Thema. Ich persönlich habe nämlich ein Grundsatzproblem damit, wenn jemand behauptet, dass Autoritarismus und daraus resultierender Faschismus, so wie das Fromm, Adorno oder Freyhold behaupten, im Grunde eine Prädisposition wäre. Der lerntheoretische Ansatz eines Oesterreich, aber auch die Auführungen von Lederer und Stone gefallen mir in diesem Zusammenhang einfach besser und sind für mich schlicht nachvollziehbarer und logischer. Ich bin zwar grundsätzlich kein festgläubiger Anhänger irgendeiner psychologischen Schule, ich wehre mich allerdings dagegen, wenn die zu Grunde liegende Erklärung (wie so häufig bei den Psychoanalytikern) "kann man nix machen, ist halt angeboren" ist. Für meinen Geschmack ist das zum einen zu simpel gedacht und zum anderen lassen sich entsprechende Studien gemessen an den einschlägigen Kriterien eben auch leicht widerlegen. Im Grunde ist das aber - zumindest beim Thema Autoritrismus - eine Glaubensfrage, von daher können wir hier noch lange diskutieren. :D

    Ich weiß, ich habe den Forschungsbericht gelesen. Deine Behauptung war allerdings, die Deprivationstheorie wäre durch die Studie bestätigt worden. Dem ist nicht so. Die kollektive Deprivation hingegen ist ein anderes paar Schuhe. Aber solange es nur an einer begrifflichen Unsauberkeit scheitert, passts ja.

    Das waren aber die einzigen beiden Aussagen zu denen ich noch was zu sagen hatte. Was deine übrigen Ausführungen betrifft: Zustimmung :winke:
     
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  5. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    Mit dem User vonLevinski haben wir ein schönes Beispiel, über eine revanchistische Grundhaltung, die sehr stark in einen Nationalismus reicht, der immernoch auf Grundlagen des 3.Reiches aufgebaut ist.

    Mit dieser Aussage wird ein längst verstaubtes Gedankengut hervorgeholt, aber warum beruft sich der User auf die Vergangeheit? Immerhin haben wir uns Menschen weiterentwickelt, was dann ja bedeuten würde, daß hier mit dem rückschrittlichen Gedankengut keine Weiterentwicklung dieser ideologischen Ansichten stattgefunden hat?

    Genauso ist daß Verhalten zu Grenzfragen zu bewerten, denn der User hier schreibt:
    Somit haben diese Neonazis eine verlorenen Identität, gepaart mit keiner historischen geschichtswissenschaftlichen Weiterentwicklung?:grübel:

    Es werden auf jeden Fall alle Erkenntisse über die Zeitabschnitte des 3.Reiches ausgeblendet, ja gar negiert oder als Lüge dargestellt, um den revanchistischen Gedanken eine Rechtfertigung zu geben.

    Somit leben Neonazis in der Vergangenheit bzw. in einer Scheinwelt, praktisch analog zu Sekten?
     
  6. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Kurz und knapp: ja zur Scheinwelt. :winke:

    Anders als mit Schönreden, Negieren und Ignorieren kann man doch wohl kaum eine derartige Einstellung haben. Und so manche Sekte könnte sich an der Glatzenszene ein Scheibchen abschneiden, wie die mit ihren Aussteigern umgehen, aber ich werd tagespolitisch, ich bin besser still.
     
  7. FoxP2gen

    FoxP2gen Neues Mitglied

    "die Schweinereien, die uns widerfahren sind..." ?

    Mir fehlen die Worte ...

    Wie kann man dann noch hergehen und behaupten, man interessiere sich für Geschichte?
     
  8. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die Herrschaften interessieren sich sehr stark für Geschichte. Und sie verscuhen, sich die Geschichte im Sinne ihrer revisionistischen Sichtweise anzueignen.

    Diese Aneigenung erfolgt via Deutungshoheit. Diese wird in starkem Maße durch publizierte Meinung hergestellt.

    Voraussetzung dafür ist die massenhafte Verbreitung rechtsextremen Gedankenguts.

    Der Distributionsweg für diese Verteilung sind im wesentlichen die online-Bücherdienste, wie amazone etc..

    Das Instrument ist eine beachtliche Menge an Bücher mit rechtsextremen, revisionistischen Weltbild, ergänzt durch entsprechende Internetauftritte. In letzter Zeit vor allem durch die rechtsextreme Variante von Wiki.

    Bedrohlich empfinde ich persönlich die Situation zudem, da via Ranking bei amazon ein sehr breites Unterstützer- bzw. Multiplikatorenpotential vorhanden ist. Gerade rechtsextreme Rezensienten bei amazon sind nicht selten unter den Top 1000 bzw. 500 zu finden.

    Und im Rahmen von amazon können, da keinerlei !!!!!! Moderation vorgenommen wird, nahezu alle Formen von rechtsextremer Ideologie verbreitet werden.

    Und mein Eindruck ist, es wird zunehmend dreister vorgenommen.

    Vor diesem Hintergrund sind sicherlich auch die Versuche zu interpretieren, das GF zu destruieren und in einem anderen Thread hatte ich auf die Gefahr hingewiesen, dass wir uns via Suchmaschinen auf den Weg zu abnehmender Seriösität bewegen, wie FOXP2gen es in Bezug auf Illig m.E. richtig angemerkt hat.
     
    Zuletzt bearbeitet: 19. November 2010
  9. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied


    Das ist gut beobachtet. Ich möchte noch anmerken, dass es nicht wenige Rechtsextreme gibt, die das Pferd von hinten aufzäumen und erst ein revisionistisches Geschichtsbild etablieren wollen, dass dann im zweiten Schritt zur Etablierung eines neuen Nationalsozialismus dienen soll.
     
  10. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Dann würde ich gerne noch anfügen, dass in diesen "Ecken" die Geschichtswissenschaft und ihre Arbeiten den Status des Staatsfeinds besitzt und entsprechend (inkl. ihrer Vertreter) bekämpft wird.
     
  11. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Es ist zwar aktuell und insofern habe ich meine Bauschschmerzen mit dem Thema. Und will es auch gar nicht zur Dikussion stellen, sondern nur zur "Wahrnehmung".

    Es ist aber eigentlich auch ein dringendes Playdoyer, dass Aufklärung über das NS-Regime weiterhin dringend notwendig ist.

    Rechtsextreme Erziehung: Kindheit am rechten Rand - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik

    Und zeigt, wie wichtig ein kritisches Widersprechen und Hinterfragen von NS-Mythen ist. Andernfalls werden diese Klischees wieder gesellschaftsfähig gemacht.
     
  12. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Hysterie ist fehl am Platz, denn als "bedrohlich" kann man die Situation des Rechtsextremismus in Deutschland nicht einstufen. Bei nahezu allen Landtagswahlen (von Bundestagswahlen gar nicht zu reden) erzielen rechtsextreme Parteien stets weit unter 5% der Stimmen und wo sie in Einzelfällen (!) knapp über diese Hürde kommen (Bremen, Sachsen, Sachsen-Anhalt) fliegen sie mit traumhafter Sicherheit zur nächsten Landtagswahl wieder raus, da die Wähler die konfus- und konturlose, an mangelnder Intelligenz scheiternde Präsenz rechtsextremer Kräfte in Landtagen nicht goutieren.

    Einen bestimmten rechtsextremen Bodensatz werden wir immer haben, damit muss man sich in allen europäischen Staaten abfinden. Aber im Gegensatz zur Front National, die bis zu 15% der Wählerstimmen in Frankreich erreicht, ist bei uns der Rechtsextremismus zwar eine ärgerliche und zuweilen beängstigende Erscheinung (insbesondere in manchen ostdeutsche Regionen), doch macht sich das bei den Wählerstimmen in Land und Bund nicht oder kaum bemerkbar.
     
  13. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

  14. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die Ergebnisse, obwohl aktuell, vielmehr weil sie aktuell sind, zeigen die hohe Bedeutung für die weiterhin notwendige neutrale und mythenfreie Darstellung und Analyse des 3. Reichs und seiner Fortsetzung in der "Aufarbeitung" in der Bundesrepublik respektive in der DDR.

    Und zeigen auch, warum Geschichtsforen wie dieses, für die neutrale Meinungsbildung einen wichtigen Stellenwert haben.

    Antisemitismus: Studie untersucht Erfahrungen europäischer Juden - SPIEGEL ONLINE
     
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  15. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Ein kurzer unkommentierter Exkurs in die aktuellen Befunde der Friedrich Ebert Stiftung, auch weil es direkte Bezüge hat zum historischen Weltbild.

    Und auch, weil das Forum auf der Grundlage des GG agiert, das es zu schützen gilt.

    Spiegel
    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/friedrich-ebert-stiftung-afd-rueckt-nach-rechts-ihre-anhaenger-ruecken-mit-a-1121845.html

    FES Studie
    http://www.fes-gegen-rechtsextremismus.de/pdf_16/Gespaltene%20Mitte_Feindselige%20Zust%C3%A4nde.pdf
     
  16. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Mein Beitrag stammt aus dem Jahr 2011!

    Dass sich die Situation bekanntlich geändert hat, ist eine Binsenweisheit.
     
  17. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Man muss da nichts mit geänderten Situationen verharmlosen. Die rechtsradikalen Ansichten werden seit Jahrzehnten gemessen und sind schon Thema vor über 30 Jahren. Siehe links im Themeneinstieg.

    Die Relativierung auf einen angeblichen Bodensatz und seine angebliche Bedeutungslosigkeit hat ebenfalls eine jahrzehntelange Historie.

    Die Situation der Einstellungen hat sich im Gesamtumfang nicht wesentlich geändert. Die parteibezogenen Verschiebungen bzw. Konzentrationen gegenüber früher sind lediglich Ausdruck von Sammlungsbewegungen, wie den Analysen zu entnehmen ist.
     
  18. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Man muss links- und rechtspopulistische Tendenzen weder verharmlosen noch unnötig aufpusten.

    Mentalitäten und die Empfänglichkeit für bestimmte Ideologien und Weltbilder verändern sich über die Jahrzehnte. Was noch vor zwanzig Jahren als inakzeptabel galt, kann Jahre später breitere Bevölkerungsschichten erfassen. In dieser Hinsicht haben aich die genannten "Analysen" leider allzu häufig geirrt,
     
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  19. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die bpb hat eine neue Publikation aufgelegt, die für Frankreich versucht zu erklären, wieso die traditionellen Milieus aus denen sich die Parteien rekrutierten, nicht mehr die gleiche Bindungskraft aufweisen.

    Und macht auch deutlich, wie kompliziert es mittlerweile ist, Politik nach dem traditionellen links-rechts-Schema vorzunehmen und dass vor allem auf der Rechten ein Prozess der Ausdifferenzierung von Milieus und Positionen eingesetzt hat.

    Wen es interessiert, der findet in den Thesen von Eribon sicherlich nachdenkenswerte Thesen.

    Rückkehr nach Reims | bpb
     
  20. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    In seinem Buch "Vom Wesen und Wert der Demokratie" hat sich Kelsen, als einer der demokratischen Vertreter der Staatslehre in der Weimarer Republik mit der Form und dem Wesen der Demokratie auseinander gesetzt.

    Und den freien Wettbewerb der aufgeklärten und informierten Bürger als Garanten der Demokratie benannt.

    Auch wenn er einschränkt, dass die Demokratie die "schlechteste" Form der Regierung sei, weil sie den radikalen Gegner der Demokratie durch ihre offenen demokratischen Regeln, Popper spricht von der "Offenen Gesellschaft", eine Plattform für ihre extreme Ideologie bietet. Und diesen Kreisen auch die Möglichkeit zur Organisation bietet, also die "Gelegenheits-Struktur" bereitstellt, die erst eine gewaltorientierte Politik möglich macht (vgl. Literatur im Thread zu Straßenschlachten in der Weimarer Republik)

    In diesem Sinne ist es richtig, radikale extreme und teilweise auch zynische und inhumane politische Standpunkte nicht durch Gerichte etc. zu verbieten. Es sind die aufgeklärten und couragierten Bürger einer Demokratie, die die Marginalität dieser Sichtweise verdeutlichen sollten. Und auch müssen, damit Radikale eine Minderheit in der demokratischen Gesellschaft bleiben.

    So zumindest die Sicht eines der bedeutendsten Staatsrechtler der Weimarer Republik.

    vgl. zum Demokratieverständnis von Kelsen:

    https://www.jura.uni-wuerzburg.de/fileadmin/02160100/Elektronische_Texte/Kelsen.pdf

    http://www.kj.nomos.de/fileadmin/kj/doc/2007/20073Gross_S_306.pdf
     
    Zuletzt bearbeitet: 17. Januar 2017

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