Zur Bedeutung rechtsradikaler Einstellungen in der deutschen Gesellschaft

Dieses Thema im Forum "BRD | DDR" wurde erstellt von thanepower, 13. Oktober 2010.

  1. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Ein kurzer unkommentierter Exkurs in die aktuellen Befunde der Friedrich Ebert Stiftung, auch weil es direkte Bezüge hat zum historischen Weltbild.

    Und auch, weil das Forum auf der Grundlage des GG agiert, das es zu schützen gilt.

    Spiegel
    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/friedrich-ebert-stiftung-afd-rueckt-nach-rechts-ihre-anhaenger-ruecken-mit-a-1121845.html

    FES Studie
    http://www.fes-gegen-rechtsextremismus.de/pdf_16/Gespaltene%20Mitte_Feindselige%20Zust%C3%A4nde.pdf
     
  2. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Mein Beitrag stammt aus dem Jahr 2011!

    Dass sich die Situation bekanntlich geändert hat, ist eine Binsenweisheit.
     
  3. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Man muss da nichts mit geänderten Situationen verharmlosen. Die rechtsradikalen Ansichten werden seit Jahrzehnten gemessen und sind schon Thema vor über 30 Jahren. Siehe links im Themeneinstieg.

    Die Relativierung auf einen angeblichen Bodensatz und seine angebliche Bedeutungslosigkeit hat ebenfalls eine jahrzehntelange Historie.

    Die Situation der Einstellungen hat sich im Gesamtumfang nicht wesentlich geändert. Die parteibezogenen Verschiebungen bzw. Konzentrationen gegenüber früher sind lediglich Ausdruck von Sammlungsbewegungen, wie den Analysen zu entnehmen ist.
     
  4. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Man muss links- und rechtspopulistische Tendenzen weder verharmlosen noch unnötig aufpusten.

    Mentalitäten und die Empfänglichkeit für bestimmte Ideologien und Weltbilder verändern sich über die Jahrzehnte. Was noch vor zwanzig Jahren als inakzeptabel galt, kann Jahre später breitere Bevölkerungsschichten erfassen. In dieser Hinsicht haben aich die genannten "Analysen" leider allzu häufig geirrt,
     
    1 Person gefällt das.
  5. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die bpb hat eine neue Publikation aufgelegt, die für Frankreich versucht zu erklären, wieso die traditionellen Milieus aus denen sich die Parteien rekrutierten, nicht mehr die gleiche Bindungskraft aufweisen.

    Und macht auch deutlich, wie kompliziert es mittlerweile ist, Politik nach dem traditionellen links-rechts-Schema vorzunehmen und dass vor allem auf der Rechten ein Prozess der Ausdifferenzierung von Milieus und Positionen eingesetzt hat.

    Wen es interessiert, der findet in den Thesen von Eribon sicherlich nachdenkenswerte Thesen.

    Rückkehr nach Reims | bpb
     
  6. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    In seinem Buch "Vom Wesen und Wert der Demokratie" hat sich Kelsen, als einer der demokratischen Vertreter der Staatslehre in der Weimarer Republik mit der Form und dem Wesen der Demokratie auseinander gesetzt.

    Und den freien Wettbewerb der aufgeklärten und informierten Bürger als Garanten der Demokratie benannt.

    Auch wenn er einschränkt, dass die Demokratie die "schlechteste" Form der Regierung sei, weil sie den radikalen Gegner der Demokratie durch ihre offenen demokratischen Regeln, Popper spricht von der "Offenen Gesellschaft", eine Plattform für ihre extreme Ideologie bietet. Und diesen Kreisen auch die Möglichkeit zur Organisation bietet, also die "Gelegenheits-Struktur" bereitstellt, die erst eine gewaltorientierte Politik möglich macht (vgl. Literatur im Thread zu Straßenschlachten in der Weimarer Republik)

    In diesem Sinne ist es richtig, radikale extreme und teilweise auch zynische und inhumane politische Standpunkte nicht durch Gerichte etc. zu verbieten. Es sind die aufgeklärten und couragierten Bürger einer Demokratie, die die Marginalität dieser Sichtweise verdeutlichen sollten. Und auch müssen, damit Radikale eine Minderheit in der demokratischen Gesellschaft bleiben.

    So zumindest die Sicht eines der bedeutendsten Staatsrechtler der Weimarer Republik.

    vgl. zum Demokratieverständnis von Kelsen:

    https://www.jura.uni-wuerzburg.de/fileadmin/02160100/Elektronische_Texte/Kelsen.pdf

    http://www.kj.nomos.de/fileadmin/kj/doc/2007/20073Gross_S_306.pdf
     
    Zuletzt bearbeitet: 17. Januar 2017
  7. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Ein neues Buch von Volker Weiss "Die autoritäre Revolte" beschäftigt sich mit den intellektuellen Wurzeln extremer nationalistischer Ideologien in Deutschland.

    Ein interessantes Buch, weil es die Tiefenstruktur dieser Ideologie beleuchtet, die deutlich über das Sujet "Pöbelnde Nazis" hinausgeht. Und eher in die Richtung des "Instituts für Staatspolitik" weist.

    Und im Rahmen seines Buches auch die historische Dimension, die Kontinuitäten und die Brüche einer sich als "revolutionär" definierenden rechtsextremen Ideologie ausleuchtet.

    Vertreter dieser Sichtweise haben auch hin und wieder im GF "Gastspiele" gegeben und ihre Vorstellungen präsentiert.

    „Wünschen wir uns die Krise!“ | Literatur - Frankfurter Rundschau

    Die historischen Wurzeln dieser Sichtweise hat Weiss bereits vor Jahren in seiner Studien "Moderne Antimoderne" näher betrachtet.

    SEHEPUNKTE - Rezension von: Moderne Antimoderne - Ausgabe 13 (2013), Nr. 9
     
    Zuletzt bearbeitet: 6. April 2017
  8. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Ein französischer Soziologe, der die neue Rechts undercover untersucht hatte, kam zum Ergebnis, dass das einzige innovative an dieser Bewegung ist, ihr Verständnis der Medien. Die Fähigkeit "Buzz" zu generieren und die Aufmerksamkeit der Medien zu erhalten. Das Äquivalent von Green Peace für den Schutz des "Völkischen" zu sein.

    Das Anliegen der neuen Rechten im Bereich der medialen Öffentlichkeit ist, den Bereich der ideologischen Diskussion so zu erweitern, dass schrittweise eine Akzeptanz der Ideologie der extremen Rechten erreicht wird. Inklusive der ideologischen Gehalte, die die Voraussetzung für den Holocaust gebildet haben.

    Relevant für ein Geschichtsforum ist dabei aber das "Agenda-Setting", das in den letzten Jahren auch das Geschichts-Forum betroffen hatte.

    Auf das hervorragende Buch von Volker Weiss wurde hingewiesen und als informative Ergänzung zwei Links mit guten Beiträgen zu dem Thema.

    Sie sind zu empfehlen, wenn man die Positionen und Meinung mancher Teilnehmer im GF - auch und vor allem zwischen den Zeilen - lesen möchte.

    Das Agenda-Setting wird dann deutlich transparenter und es wird erklärlicher, warum bestimmte Konfliktlinien im GF so konträr diskutiert worden sind. Und dann mag jeder seine eigenen Schlußfolgerungen ziehen.


    Politische Mythologie: Im Geisterreich des Völkischen | ZEIT ONLINE

    Identitäre Bewegung: Die Scheinriesen | ZEIT ONLINE
     
  9. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

  10. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    "Was lernen wir aus der Geschichte?" Sicherlich viel, aber auch, dass die politische Sozialisation die Weitergabe von "Werten" bedeutet. Und damit ist es auch wahrscheinlich, dass sich Werte über die Generationen tradieren. So prägt das "NS-Erbe" noch heute die politische Kultur in Deutschland wie es eine neue Studie von Davide Cantoni nahelegt.

    https://www.zeit.de/politik/deutsch...D8jk9H1l_2E1VQzcHAwyRSpKmSjL5SxlGxaLrNRVHWKyQ
     
  11. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Selbst in Erziehungsratgebern. Johanna Haarer erfuhr im der Bundesrepublik Neuauflagen, ihre Pädagogik war für Jahrzehnte prägend.
     
  12. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Ein neues Magazin von "Aus Politik und Zeitgeschichte" zum Rechtsterrorismus und zur Einordnung dieses Phänomens.

    https://www.bpb.de/apuz/301126/rechtsterrorismus

    Und ein interessanter Beitrag von einem renomierten Wahlsoziologen - Güllner - zur Persistenz rechtsextremer Einstellungen vom 3. Reich, über die NPD zu neueren "populistischen Gruppierungen".

    https://www.deutschlandfunk.de/afd-parteitag-meinungsforscher-die-afd-ist-keine.694.de.html?dram:article_id=464736&fbclid=IwAR3FqcEKbbe3eFJ7cYjOy402JjAZ9dezKTC_c0mdLKnOVRq6JTk51CsVA-I

    Wenn die Vergangenheit zur Zukunft werden soll. Und legt die Vermutung nahe, dass manche aus Geschichte nichts gelernt haben.
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. Dezember 2019 um 13:39 Uhr
  13. -muck-

    -muck- Aktives Mitglied

    Postfaktische Politik wird in allen Lagern betrieben, und dies nicht erst seit der "neuen Rechten". Ich halte es für wenig zweckdienlich, dieses Phänomen auf die Rechte verengend zu betrachten, oder auch nur als Neuerung zu begreifen. Neu ist nur, dass der Siegeszug der Emotionen über die Fakten die gesellschaftliche Mitte erreicht.

    Überhaupt zeigt sich, wie auch in dem ferner zitierten Beitrag Herrn Güllners, die zunehmende Untauglichkeit bisheriger Deutungsansätze. Wenn z.B. Positionen der AfD in Teilen der Linken Beifall finden (siehe Frau Wagenknecht), wirft dies Fragen auf, deren Antworten im Einzelnen miteinander unvereinbar sind.

    Sie zeigt sich auch in der Koalition zwischen Fünf Sterne und Lega in Italien. Sie zeigt sich in der Unterstützung, die der Brexit im linken Flügel der Labour Party erfährt, sie zeigt sich in der Anzahl der Counties, die 2012 für Herrn Obama votierten, 2016 aber für Herrn Trump.

    Gerade im Wechselwählerverhalten, das sämtlichen konventionellen Denkmustern spottet, zeigt sie sich mit voller Wucht.

    Letzthin kommentierte SPD-Urgestein Christian Ude, seine Partei könne ihren Verlusten immerhin dies abgewinnen, dass sie Wähler verloren habe, die sie ohnehin nie hätte haben wollen (gemeint waren Wähler der AfD).

    Herr Ude, regelmäßig mit Zweidrittelmehrheiten im Bürgermeisteramt bestätigt, offenbarte damit, einem Trugschluss unterlegen zu sein, dem m.E.n. viele politische Menschen unterliegen, besonders solche, die einer Ideologie zuneigen: Sie überschätzen die Bedeutung der Politik und der Ideologie für den öffentlichen Diskurs und die öffentlichen Entscheidungsprozesse.

    Die o.g. Widersprüche bestehen, so behaupte ich, schon lange. Die gegenwärtige politische Krise der liberalen westlichen Demokratien rührt nicht zuletzt daher, dass die Widersprüche die Grenzen dessen gesprengt haben, was der Politikbetrieb, der nun einmal von politischen Menschen und Ideologen dominiert wird, ertragen kann, ohne in seiner Arbeitsfähigkeit behindert zu werden.

    Es mag politisch nützlich sein, der AfD das Prädikat der "bürgerlichen Partei" abzusprechen; erhellend ist es nicht. Vielmehr ist ihr Beharren erhellend, das zweifelsohne einer Überzeugung entspringt. Die Gemeinsamkeit nämlich, die all die vorgenannten politischen Gegner aufweisen, die am Ende irgendwie doch zusammenfinden, ist ihr Politikstil: der Populismus.

    Der Populismus stellt jedoch keine Ideologie im engeren Sinne dar, sondern eine Haltung dazu, wie die drängenden Fragen der Zeit zu beantworten seien, nicht womit. Dies erlaubt Populisten Kompromisse, die lupenreinen Ideologen unmöglich wären.

    Ihm entgegengesetzt ist, was man meist den Mainstream nennt, das Establishment, oder welchen Begriff auch immer man dafür verwenden will.

    Obwohl ebenfalls ein politisch aufgeladener Begriff, würde ich den Antagonisten des Populisten aber als Elitisten bezeichnen. Denn erstens zielt er auf den Erhalt der bestehenden Ordnung ab, zweitens (und dies ist das Entscheidende) wird er vom Populisten der Vereinnahmung der Auslegungshoheit darüber beschuldigt, was für das Land gut sei, d.h. weg von der Masse und hin zu den Partikularinteressen der bestehenden Ordnung.

    Infolgedessen versteht sich der Siegeszug des Populismus leicht (der wohl noch lange andauern wird), denn taktisch nimmt er die weitaus günstigere Ausgangsstellung ein. Der Elitismus hat dies zuerst nicht erkannt (und erkennt es vielleicht immer noch nicht), ist aber wohl aufgrund der Verhärtung der Fronten gar nicht länger frei in der Wahl seiner Mittel, um den Vorteil zunichtezumachen.

    Der Schauspieler und Aktivist Stephen Fry hat dieses Problem einmal sehr pointiert zum Ausdruck gebracht, indem er (Gedächtniszitat, der genaue Wortlaut ist mir entfallen) Regierungen und Medien mit einem lange erfolgreichen Athleten verglich, der, als seine Leistungen nachlassen, seinen gefährlichsten Rivalen des Dopings beschuldigt. In den Augen des Publikums, so Fry weiter, komme es gar nicht darauf an, ob die Anschuldigungen wahr seien. Wichtig sei nur, in welchem (v.a.) zeitlichen Kontext sie gefallen seien.

    Ich denke, und man erlaube mir hier einen politischen Einwurf, dass der vielfach gescholtene Sebastian Kurz Frys These nicht nur bestätigt, sondern auch das Handbuch schlechthin verfasst hat, wie der Populismus bekämpft werden kann. Leider hat keiner seiner Kollegen zugehört.

    Kurz erkannte, dass der Populismus seine Kraft aus der Bekämpfung durch die Eliten bezieht, und erhob ihn kurzerhand selber in den Kreis der Eliten. Mit dem Resultat, dass die FPÖ entzaubert und nunmehr ein Schatten ihrer Selbst ist.

    Im Übrigen sei auch daran erinnert, dass das Phänomen der postfaktischen Politik durch ein tiefgreifenderes gesellschaftliches Problem befeuert, vielleicht sogar hervorgerufen wird, nämlich dem Mangel eines normativen Konsenses insgesamt. Ich spreche hier nicht von einem sittlichen Verfall, sondern von einem Verlust grundlegenderer Übereinkünfte, die den gesellschaftlichen Diskurs ermöglichen.

    Man mag von Jordan Peterson halten, was immer man da will, aber er hat viele dieser Widersprüche in seinen Büchern und Vorlesungen in einer nicht von der Hand zu weisenden Deutlichkeit herausgearbeitet.

    Wie kann es z.B. sein, dass (so sein Beispiel) in Kanada über ein Drittel der Menschen, die in einer Umfrage die Leugnung des Klimawandels verurteilten, auch antworteten, dass die Sterne Macht über ihr Schicksal hätten – wo doch der Klimawandel ebenso sehr wissenschaftlich belegt ist wie die Astrologie widerlegt?

    Das Problem ist, dass die Reduktion dieser Phänomene auf ideologische Gesichtspunkte die Ursachen unangetastet lässt.

    Ja, sie wird sogar selbst zur Ursache, indem sie das Rad des Teufelskreises antreibend die Diskussion in ideologische Bahnen lenkt, wo sie im Niemandsland zwischen unvereinbaren Positionen versandet und ebendie Verbitterung erzeugen muss, deren reichliches Vorhandensein künftigen Diskurs immer nur noch mehr erschwert. Auch zwingt sie die Teilnehmer am Diskurs, also die Bürger, sich für eine Seite zu entscheiden, da sie keinen Platz lässt für vermittelnde Positionen.

    Kurz gesagt, wir werden in Deutschland und im Westen allgemein wahrscheinlich solange unter den verderblichen Einflüssen radikaler Einflüsterungen leiden, wie wir uns nicht dazu aufraffen, den Radikalismus nicht länger mit Prädikaten zu versehen, die eher der Selbstversicherung im Sinne einer Lagerbildung dienen als der Gefahrenabwehr oder gar den Opfern, denen es herzlich egal ist, warum sie jemand bedroht.

    Überhaupt weiß die Verhaltenspsychologie seit über fünfzig Jahren, dass die politische Einstellung eines Menschen, und in letzter Konsequenz seine Bereitschaft zur Radikalisierung, durch seine Charaktereigenschaften ganz entscheidend geprägt wird (es folgen das familiäre beziehungsweise soziale Umfeld, und, weit abgeschlagen, Alter und Besitzstand). Mit anderen Worten, es ist ein Kampf gegen Windmühlen.
     
  14. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Ob Fr. Wagenknecht Positionen der AfD angeblich teilt, ist für die Diskussion hier völlig Banane. Es geht um die Frage der historischen Kontinuität, bzw. die Vitalität bzw. Revitalisierung von zentralen Inhalten rechtsextremer Ideologie. Das ist das Anliegen des Threads und es wäre freundlich, wenn man beim Thema bleiben könnte, was man normalerweise jedem Threadersteller zugesteht.

    Sollte Interesse an einer Diskussion über die Konstanz bzw. Brüche von "Cleavages" im Sinne der politikwissenschaftlichen Forschung vorhanden sein, könnte man über die Thesen von Güllner diskutieren. Denn darauf bezieht er sich. Und er ordnet seine Analyse in die von Klingemann (1978) und anderen ausgearbeitete Links-Rechts-Dimension ein. Und sieht zudem eine Konstanz zu den wahlsoziologischen Arbeiten aus den Siebzigern als die NPD vor allem in Länderparlamenten stark waren (Klingemann und Pappi 1972)

    Die wohl weniger. Eher die Sozialpsychologie bzw. im engeren Sinne die politische Psychologie bzw. Soziologie. In diesem Kontext sind die frühen Studien zum "autoritären Charakter" der "Frankfurter" einzuordnen. Während Reich sich dieser Einordnung im Kontext seiner Faschismusstudien entzieht und eine Kombination aus Marx`scher Gesellschaftsanalyse und Freud`scher Thesen zur "Triebsublimierung" anbietet.

    Während sich die "analytical sociology" (vgl. z.B. Hedström & Bearman: Oxford Handbook of Analytical Sociology) primär mit der Frage der Operationalisierung und Messung von menschlichem Verhalten beschäftigt und damit die methodischen Voraussetzungen für die empirische Analyse politischer Einstellungen und Verhaltensweisen anbietet

    Klingemann, Hans-Dieter; Pappi, Franz Urban (1972): Politischer Radikalismus. Theoretische und methodische Probleme der Radikalismusforschung, dargestellt am Beispie einer Studie anlässlich der Landtagswahl 1970 in Hessen. München: Oldenbourg.
    Klingemann, Hans-Dieter (1978): Ideologisches Denken in der Bevölkerung westlicher Industriegesellschaften. Habilitationsschrift, Mannheim: Universität Mannheim.
     
    Zuletzt bearbeitet: 9. Dezember 2019 um 08:45 Uhr
  15. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Wendet man sich aktuellen Ergebnissen der Extremismusforschung zu, dann beschreibt Miliopoulus die unterschiedlichen Ansätze zur Erklärung von Extremismus.

    Und faßt die bisherigen Sichtweisen als "Idealtypus" für ein "totalitäres" Denken folgendermaßen zusammen (S. 207)

    - holistischer Anspruch, der die Gesellschaft nach einem rigiden Freund-Feind-Muster organisiert
    - Utopismus und Integrismus, verbunden mit einer Totalkritik am Status quo
    - Fanatismus, Aktivismus und Mitleidslosigkeit
    - Egozentrik als Unfähigkeit zur inneren Selbstprüfung und als rein instrumentele Haltung zu Mitmenschen
    - Konspirationsgläubigkeit
    - latenten oder manifestem Bellizismus, der Kampf als "inneres Erleben" begreift
    - einen ausgeprägten Wertepessimismus vertritt
    - sich entfremdet fühlt gegenüber den Mechanismen demokratischer Entscheidungsfindung.

    Diese Deskription kann man ganz oder teilweise über extreme bzw. terroristische Gruppen - auch die RAF oder die NSU etc. - legen und wird einen relativ hohen Anteil der idealtypischen Kriterien in der Realität wiederfinden.

    Ansonsten sind es eine Reihe von Ansätzen, die herangezogen werden rechtsextreme Einstellungen und Verhalten zu erklären. Im Einzelnen unterscheidet Miliopoulos - wie auch ähnlich Salzborn (S. 91 ff) - resümierend die bereits vorliegende Forschung dahingehend (S. 210 ff):

    - als Ergebnis von bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen, wie dem "autoritären Charakter"
    - als Folge einer bestimmten familiären Sozialisation
    - als Erfahrung von relativer Deprivation, die in einen Radikalisierungsprozess mündet
    - als Ergebnis von gruppenbezogenen - Peers etc. - Prozessen, in denen dynamisierende Prozesse, als "Erlösungsrituale" etc. ablaufen
    - als Ergebnis von bestimmen sozioökonomischen Faktoren wie Arbeitslosigkeit, Bildung oder Schichtenzugehörigkeit etc.
    - Wahrnehung von Prozessen des sozialen Wandels und der Modernisierung und der radikalen Ablehnung
    - Vermutung von Legitimationsdefiziten als politische Grund
    - ideologische Faktoren, die die Grundlage als "wertebasierte Radikalisierung" bieten

    Diese kurze Darstellung vermittelt einen Eindruck, wie vielfältig mittlerweile das Thema Extremismus im Allgemeinen und Rechtsextremismus als konkretes Problem untersucht wird.

    Da kann man die relative Deprivation und die Problematik der Globalisierung in den Darstellungen von Loch und Heitmeyer (Schattenseiten der Globalisierung) als aktuelle Studien anführen. Das Entstehen von "Rechtsextremen Erlebniswelten" erkennen, die die Beiträge in Glaser und Pfeiffer beschreiben. Oder auch das zentrale - Carl Schmitt`sche - Freund-Feind-Denken, das Holtmann mit den "Völkischen Feindbildern" thematisiert.

    Insgesamt eine breite und vielschichtige Diskussion, die zusätzlich Verschwörungstheorien mit einbezieht, wie bei Butter (Nichts ist, wie es scheint) und ebenfalls die sozialen Wirkungen der Globalisierung auf traditionelle Arbeitermilieus aufgreift, wie Eribon es mit "Rückkehr nach Reims" zutreffend beschrieben hat.

    Miliopoulos, Lazaros: Ursachen für politischen Radikalismus. In: Eckhard Jesse und Tom Mannewitz (Hg.): Extremismusforschung. Handbuch für Wissenschaft und Praxis. Baden-Baden: Nomos, S. 205–243.
    Salzborn, Samuel (2014): Rechtsextremismus. Erscheinungsformen und Erklärungsansätze. Baden-Baden: Nomos
     
    Zuletzt bearbeitet: 9. Dezember 2019 um 11:06 Uhr
  16. corto

    corto Aktives Mitglied

    Die neue rechte ist heutzutage auch weitaus subtiler und "cooler" unterwegs als noch in meiner Jugend.
    neulich hat mich der youtube algorithmus zu deutschem hiphop gelenkt und das war weder (rap)technisch noch textlich irgendwie plump oder direkt zu erkennen - war aber "rechtsrap" und führt dann in den weiteren "recommendations" direkt zu ziemlich widerlichem kram. In dem text ging es um widerstand gegen den mainstream - das hätte durchaus auch was alternatives/linkes sein können.
     
  17. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Das Lied Lug & Trug (1994) würde Wizo nach 2015 sicher nicht mehr so geschrieben haben. Das war aber schon immer so, dass die extremen Ränder alles andere als Mainstream definiert haben (einen Mainstream an sich gibt es ohne Frage, nur versuchen halt die Splittergruppen am Rand immer zu definieren, was der Mainstream sei), man muss halt zusehen, dass man das Re-Framing als solches erkennt und benennt und damit entlarvt. Es gibt ja Menschen, die es für völlig normal halten, öffentlich und im politischen Kontext zu sagen, dass man andere Menschen erschießen solle und das für sich unter "Meinungsfreiheit" verbuchen, wohingegen dieselben dann die Kritik an diesen Äußerungen als "Hetze" begreifen wollen und sich als Opfer der Gesellschaft oder des Mainstreams sehen. Das ist Re-Framing par excellence! Die Frage ist halt, ob man es zulässt, dass gewisse gesellschaftliche Gruppen Wording betreiben und damit Worte oder Symbole (z.B. schwarz-rot-gold) ent- und rekontextualisieren.
     
  18. corto

    corto Aktives Mitglied

    Nunja Wizo hatte schon immer teilweise fragwürdige Texte (Bad kleinen, Kein Gerede z.b.).
    Ich musste jetzt zweimal den text von Lug und Trug lesen um zu merken was du meinst. den Kontext der "Lügenpresse" hab ich da nie gesehen, wohl weil ich das lied seit 1994 kenne ;)

    Aber stimmt schon, heute müsste man da etwas mehr Kontext mitgeben, sonst würde man wieder von den Braunen instrumentalisiert. Ich erinnere nur daran das die NPD das lied "gekommen um zu bleiben" von wir sind Helden auf ihren Demos spielt.
     
  19. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Die NP-wer? ;)
     
  20. hatl

    hatl Premiummitglied

    Danke thane für den interessanten Faden.

    Ein Gedanke dazu:
    Wäre es nun so, dass der Mensch an sich unentschlossen sei, ob er sich dem Guten oder Bösen zuwendet, dann hätte dieser Aspekt die höchste Potenz der Gestaltungsmacht.

    (Es ist uns ja eine vertraute Story, dass die Nationalsozialisten im Wirbel der Weltwirtschaftskrise emporstiegen.
    Das muss aber nicht so sein, und es erstaunt, dass sich auch in sehr zuträglichen Umständen ähnliche Muster herausbilden können.)
     

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