Aztlán - mythischer Herkunftsort der Azteken

Dieses Thema im Forum "Lateinamerika | Altamerikanische Kulturen" wurde erstellt von El Quijote, 10. August 2020.

  1. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Dass Santiago Ixcuintla erst 1917 gegründet wurde, ist aber trotzdem ein Fehler. Da habe ich irgendwo etwas fehlinterpretiert.
     
    Erich gefällt das.
  2. Erich

    Erich Aktives Mitglied

    wir reden anscheinend ständig aneinander vorbei:
    ich spreche ständig von der Region, die durch das Mündungsdelta (= Insel) des Rio San Pedro markiert ist und in der die beiden genannten Ortschaften liegen
    Du redest ausschließlich von Mexcaltitán

    Du hast in #24 als Entgegnung zu meiner Aussage in #10 argumentiert, dass Nawa (= Nahua) "bereits über 1000 Jahre vor der mythischen aztekischen Wanderung in der Region um den Texcoco-See gesprochen worden" sei. Dem habe ich in #26 mit Bezug auf das Teotihuacan-'Thema widersprochen. Dort hatte ich ausgeführt, dass diese Zivilisation etwa um 750 n.Chr. zusammengebrochen ist, dieser Zusammenbruch wohl im Kontext mit der ersten Welle von Uto-Aztekischen (konkreter Nawat, den späteren Pipil) sprechenden Volksgruppen im zentralen Hochland steht und danach mehrere weitere Wellen dieser Volksgruppen, insbesondere die Nahuatl-sprechenden Tolteken und zuletzt die Azteken in das zentrale Hochland vorgestoßen sind.
    und ich finde es unerquicklich, immer wieder dieselben Zitate von Dir bringen zu sollen.
    Der von Dir in #27 zitierte Text aus Mexiko benutzt ausdrücklich das Wort "identificación" und nicht "identidad"
    Und das ist Dir auch klar, weil Du in Deinem Posting später genau auf diesen Text eingehst.

    und ich hatte einen argentinischen Austauschschüler im Haus, dessen Muttersprache spanisch ist, während eines meiner Kinder für Monate in Argentinien war. Wenn die mir einen spanischen Text übersetzen gehe ich mal davon aus, dass die wissen, was sie übersetzen.
    Du hast recht. Die rein philologische Interpretation führt unter Umständen zu anderen Ergebnissen als das, was tatsächlich gemeint ist.
    Daher würde ich etwa die letzte Übersetzung von Dir eher mit "hing von der Gleichsetzung der (afrikanischen) Götter mit den katholischen Heiligen ab" wiedergeben.
    Allerdings gibt das in der Nuance einen etwas anderen Sinn als die von Dir gebrauchte Interpretation.

    Nur bezieht sich der von Dir in #27 zitierte Text aus Mexiko nur in einem einzigen Satz auf die originäre Aussage von Chavero:
    - die anderen Textpassagen sind (wertende) Auseinandersetzungen mit dieser These nach dem (wohl längst überholten) Tenor, dass mündliche geschichtliche Überlieferungen historisch den Wert von Märchen haben.
    Das ist der Kern meiner Kritik an dem von Dir wiedergegebenen Text unbekannter mexikanischer Autoren, von denen Du nicht mal angibst, wann dieser Text erstellt wurde.

    Dass der Kern meiner Kritik von Dir übergangen wird und Du wieder einmal in Nebenthemen reüssieren willst, finde ich dann doch bemerkenswert.

    Um die Diskussion um Aztlan weiter zu bringen mach ich hier Schluss und nütze eine weitere Antwort:
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. September 2020
  3. Erich

    Erich Aktives Mitglied

    Zu Diskussion um Aztlan erst einmal ein etwas dünnes Büchlein: Mexiko: das zentrale Hochland und Yucatan (S. 40):
    Dazu gibt es aber auch einen bemerkenswerten Text von Hanns J. Prem, Uni Heidelberg, im Internet, der einmal die Ursprungslegende(n) wiedergibt und diese dann auch analysiert:
    So was in der Art hätte ich mir als Gegenargumentation gewünscht.
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. September 2020
  4. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Ich hatte einen Link zum kompletten Text gesetzt, den hast Du wahrscheinlich übersehen:

    Der Text stammt von Jean Meyer und basiert auf den Vorarbeiten von Everardo Peña Navarro.
     
  5. Erich

    Erich Aktives Mitglied

  6. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter


    Da die Diskussion ausufert und immmer unübersichtlicher wird, beziehe ich mich nur auf diesen Absatz.

    Also: Ursprungslegende der Azteken war, dass sie aufgrund interner Konflikte auf ihrer Herkunftsinsel sich getrennt haben von der erfolgreicheren, aber friedlichen Hälfte ihres Volkes, die Menschenopfer ablehnte, sie seien dann, von ihrer Insel im See (Aztlán) zunächst in ein Gebiet gezogen, in dem es sieben Höhlen gab, in dem sie lebten (wie die sieben Höhlen zu interpretieren sind oder auch nicht, das schiebe ich hier beiseite, weil das zunächst einmal keine Bedeutung hat, worauf ich gleich noch komme).
    Schließlich seien sie weitergezogen bis sie einen Adler auf einem Kaktus sitzen sahen, der eine Schlange in den Krallen hielt. Dort siedelten sie sich entgegen allen topographischen Widrigkeiten an, weil es ihnen so befohlen war.

    So nun haben Leute in geradezu evangelikaler Manier versucht, anhand dieser Angaben einen realen Ort zu finden, von dem die Azteken aus losgewandert seien.
    Sie haben dazu offenbar Landkarten herangezogen und dabei das Inselchen Mexcaltitán entdeckt, gerade mal 350 x 400 m. Una isla realmente chiquísima.

    Schon der Name bot pseudoetymologische Anknüpfungspunkte: Steckt in Mexcaltitán nicht Meschika? (Nein, tut es nicht. Aber gegen einmal liebgewonnene Erkenntnisse ist es immer schwer anzuargumentieren, so falsch die auch sein mögen.) Hypothese 1 also pseudoetymologisch = falsch

    Und dann war da ja noch das sich östlich anschließende höhlenreiche Gebirge, da gab es genug Höhlen, um für die sieben Höhlen des Aztekenmythos herzuhalten.

    Eine zweite Hypothese musste herangezogen werden, also nahm man den Namen Aztlán und erklärte: da in Mexcaltitán gibt es viele Reiher, also ist Aztlán eigentlich ein kontrahiertes Aztatlán. Hypothese 2: möglich aber nict beweisbar und selbst wenn sie stimmt, fühtr sie nicht zwingend nach Mexcaltitán sondern an jedweden Ort in Mesoamerika, wo Reiher leben und der grob westlich von Tencohtitlán/Texcoco/México D.F. liegt.

    So, das ist der Ausgangspunkt der These.

    Hingewiesen wurde darauf, dass es keinerlei archäologische Funde auf Mexcaltitán gibt.

    Nun argumentierst du: "Ha, ha! Ich meine ja gar nicht das Inselchen selber, sondern die ganze Region drumherum, denn dort gibt es natürlich archäologische Funde etc.

    Und Reiher."

    Das Problem an dieser Argumentation ist aber, dass sie keineswegs unabhängig von der Gleichsetzung Mexcaltitán/Aztlán ist, sondern eine Adaption dieser ursprünglichen These an ihre Widerlegung. Also auch wenn du nun sagst, natürlich ist mit der Herkunftsregion nicht dieses kleine Inselchen gemeint, fällt doch die ganze These wieder auf genau dieses kleine Inselchen zurück. Wissenschaftstheoretisch gesehen ist die Adaption der Ursprungshypothese nichts weiter als eine Hilfshypothese die dazu dient, die These gegen Kritik zu immunisieren.
    ______________
    Zur zitierten Literatur:

    Es hilft nichts, hunderttausend Büchlein zitieren, die Mexcaltitán für Aztlán ausgeben, das macht die These zunächst nicht richtiger. Gerade populäre Thesen werden häufig nicht hinterfragt. Interessanter wäre Literatur, die sich speziell mit dieser Frage beschäftigt und die Argumente für und wider wiedergibt und vor allem ausführlich diskutiert.

    _______________
    Ich möchte noch einmal auf die Dubletten-Hypothese hinweisen, wonach Aztlán und seine Gestalt nichts weiter ist, als eine Dublette des realexistierenden Tenochtitlán.
    Das würde die Wanderung der Azteken nicht gänzlich in Frage stellen, nur eben die Wahl ihres Siedlungsplatzes. Es wäre demnach nicht göttlicher Befehl, der sie in Tenochtitlán hat siedeln lassen, sondern der Umstand (der ja im Mythos selbst sogar erwähnt wird), dass die Aztken nur die vorerst letzten Ankömmmlinge in der Region waren, für die sich eben zunächst, bevor sie sich alle Nachbarn Untertan machten, mit dem unattraktivsten Siedelplatz zufriedengeben mussten.
     
  7. Erich

    Erich Aktives Mitglied

    Mit der "keine Bedeutung" ignorierst Du eines der wichtigsten Argumente, die für eine regionale Herkunft sprechen, die sowohl den Ort Aztlan auf einer Insel wie auch die (wohl mehrere) benachbarte Höhle(n) als Ursprungsort der gesamten, zusammen gewürfelten Wandergruppe von mehreren Volksteilen bezeichnet. Das ist kein Ort alleine - das ist eine Region, die da beschrieben wird.
    Prem (woa) hat das ganze etwas besser dargestellt. Wir sollten uns vor einer Diskussion auf die Fassung einigen, über die wir diskutieren. Ich zitiere:
    (Anm.: die meisten Interpreten gehen von sieben Höhlen, also Ursprungsorten, aus)

    Hier das Bild aus dem Codex Boturine, das Du in #1 nun halb wiedergegeben hast:
    [​IMG]
    Auszug der Azteken aus Aztlan. Auf der Insel eine Siedlung mit kleiner Pyramide und vermutlich Schriftzeichen "Aztlan". Sie überqueren den See und treffen in Colhua'can acht andere Stämme. In einer Höhe das Kultbild des Gottes Huitzilopochtli. (Codex Boturini, Museo Nacional de Antropologfa, Mexico).

    zu lange daher zwei Antworten
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. September 2020
  8. Erich

    Erich Aktives Mitglied


    offensichtlich hast Du weder das von mir wiedergegebene Zitat noch das Original des Berichts gelesen.

    Denn Prem argumentiert genau in Deine Richtung (Dubletten-Hypothese), was Du offensichtlich nicht realisiert hast.

    Und dazu muss ich doch die Präambel zur Interpretation von Prem wiedergeben:
    Du polemisierst also um des Widerspruchs wegen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. September 2020
  9. Erich

    Erich Aktives Mitglied

    Und damit Du jetzt wenigstens wirklich etwas zu Widersprechen findest, zitiere ich nochmals Prem:
    Konkret also:
    • Die Azteken sind (im Kern) "die Leute aus Aztlan". Und damit nicht aus Tenochitlan, der späteren Hauptstadt des Reiches. Diese konkrete Bezeichnung muss einen realen Hintergrund haben. (Und nebenbei bemerkt: auch andere Gruppen wie die Chalca oder die Totolimpaneca und die Tecuanipa von den Mixteken geben als "Herkunftsland" Aztlan bzw. das genauso "mythische" Chicomoztoc an - Mary G. Hodge in "Aztec City-states, Ausgabe 18 S. 39, Tabelle 3.2)
    • Das Schriftzeichen für Aztlan lässt sich nicht nach den Regeln des Nahuatl lesen. Das wäre aber der Fall, wenn es sich um eine nachträgliche mytohologische Erfindung handeln würde.
    • Ein Schriftzeichen für die Mexi'co gibt es offenbar nicht. Auch das wäre der Fall, wenn es sich um eine nachträgliche mythologische Erfindung handeln würde.
    Alleine aus diesen drei von Prem selbst formulierten Zeilen - einem Verfechter der auch von Dir bevorzugten "Dubletten-Hypothese" - ergibt sich, dass es sich hier um keine Dublette handeln kann, sondern dass es einen anderen (nicht dublizierten) Hintergrund geben muss.
    Und wenn es dann heißt:
    dann ist der Kern dieser Aussage doch, dass dieses Aztlan nicht im Bereich des aztekischen Herrschaftsgebietes lag.
    Es muss sich also um eine Region handeln, die ausserhalb des aztekischen Machtbereiches lag (weit außerhalb, sonst wäre der Kontakt nicht "längst abgerissen" gewesen), die aber immer noch von dem Nachkommen der gemeinsamen Vorfahren bewohnt war, also von Uto-Azteken bzw. konkret den Sprechern einer relativ nah verwandten Nahua(tl) Sprache.
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. September 2020
  10. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Der einzige feststellbare "Hintergrund" ist der nicht mehr deutbare Namen Aztlán, der - wie bereits mehrfach angedeutet - möglicherweise aus einer nicht mit dem Nahuatl verwandten Sprache stammt.

    Gibt es eigentlich stichhaltige Argumente für die verbreitete Annahme, wonach die Einwanderer, die mit dem Aztlán-Mythos zu verbinden sind, eine mit dem Nahuatl verwandte Sprache gesprochen haben müssen?
     
  11. Erich

    Erich Aktives Mitglied

    Ja. Es gibt auch (wenige) nicht Nahuatl-Sprecher, die wohl den gleiche legendären Ursprungsort beanspruchen. Bei diesen wenigen Ausnahmen könnte es sich aber um eine Übertragung handeln. Die wesentlichen (d.h. nahezu alle) Aztlan-Migranten gehören zur Nahuatl-Sprachgruppe.

    Dazu ein Literaturhinweis: Michael E. Smith (Loyola University of Chicago) in "THE AZTLAN MIGRATIONS OF THE NAHUATL CHRONICLES: MYTH OR HISTORY" in "Ethnohistory 31(3):153-186 (1984)" S. 153 ff

    Smith listet u.a. die unterschiedlichen "Nahuatl-Migranten Gruppen" auf, die ihre Herkunft auf die Region von Aztlan zurück führen. Das sind auch - aber nicht nur - die Azteken. Smith (S. 165) nennt drei große Gruppierungen:
    1. Chichimeca (zu denen auch nicht Nahuatl-Sprecher wie Otomi gehören sollen) als "Sammelbezeichnung" für alle "unzivilisierten" Völker
    2. Culhua (Nahuatl Sprecher in Kontext mit den "ziviliserten Tolteken")
    3. Mexica (als letzte der Nahuatl-Sprecher)
    Eine andere mehr nach der Örtlichkeit tendierende Aufteilung von Smith (S. 166) ist
    • Nicht Nahuatl sprechende Chichimeken
    • Gruppen im späteren Basin von Mexiko
    • Gruppen aus den umschließenden Tälern und
    • Mexica (die wohl den Kern der Gruppe um die Azteken bilden).
    Und jetzt komme ich zu den Volksteilen, die nach der aztekischen Sage oder Legende nach zunächst mit den Azteken gezogen sein sollen.
    [​IMG]
    Prem schreibt dazu:
    Das ist in der Tat eine mögliche Erklärung.
    Eine mehr historisierende Erklärung wäre, dass diese Volksstämme tatsächlich Teil einer ursprünglich gemeinsamen "Völkerwanderung" waren, die sich im Laufe dieser Wanderung geteilt haben. Das kennen wir doch von der germanischen Völkerwanderung auch.

    Dazu:
    Archäologische Funde können eine Besiedlung Tulas bis ins 11. Jahrhundert hinein bestätigen. In das mit dem Niedergang entstehende Machtvakuum stoßen "Chichimeken" vor.

    Mary G. Hodge (a.a.O.) schreibt auf S. 42: 1073: Chichmekische Gruppen verlassen das legendäre Aztlan und datiert damit den Beginn der Wanderung(en).

    In der Reihenfolge von Smith (a.a.O.) mit dessen Angaben (S. 168 fff) erfolgte nach Smith dann Ankunft der
    - Xochimila: 1182 / 1240 im Südlichen Tal von Mexiko, 1240
    - Chalca: 1195
    - Tepaneca: 1184 Gründung von Ixtilxóchitl
    - Acolhua, Otomi und Tepanec erreichen 1226 das Tal von Mexiko
    - Chichmeken gründen 1149 Chicomoztoc
    - Chichmeken erreichen 1197 Acolhuacan
    - Tlaxcala 1120 von Chichimken mit dem Ursprung aus "Aztlan" gegründet
    - 12. Jhd. Nahuatl sprechende Chichmeken aus Colhuacan bei Aztlan erreichen die nördl. Puebla-Provinz
    -- 1200 Xonotla
    -- 1215 San Esteban
    -- 1219 Tetela und Zuzumba
    -- 1241 Capulapan
    -- 1281 Tutula
    - 1211 / 1220: Mexika erreichen Chapultepec

    Diese Angaben korrespondieren nach Smith (S. 175) sowohl mit linguistischen wie auch mit (S. 176) archäologischen Belegen. Smith weist besonders darauf hin, dass die "Aztlan-Migration" mit einem neuen Keramik-Stil in Zentral-Mexiko einhergeht (S. 177 f.).

    Wie weiter?
    Mich interessiert vor allem, welche Ursprungssagen die weiter südlich bis Nicaragua ziehenden Nahua-Völker hatten. Ich denke da etwa an die Nicarao, und der "Geschwistervolk", die Pipil people, die sich in Kontext mit dem Kollaps der Tolteken sehen und nicht Nahuatl (wie die Mexiko) sondern eine nah verwandte Abwandlung (Nawat) sprechen.
    Haben diese Gruppierungen ebenfalls die Legende von Aztlan bewahrt oder beschränkt sich diese legendäre Herkunft auf das zentrale Hochland von Mexiko und die Völker dort, die ja massiv von den Azteken beeinflusst und z.T. unterjocht waren. Eine solche regional begrenzte Verbreitung könnte eine Übertragung der "Aztlan-Legende" auf die "Verwandten und Fremdvölker im ehemaligen Aztekischen Reich" als Ursache haben.
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. September 2020
  12. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter


    Ich schrieb "zunächst keine Bedeutung". Das war v.a. bezogen auf die von dir im Verlaufe der Diskussion eingebrachte Interpretation der Höhlen eben nicht als reale Höhlen, sondern als Ursprungsort:

    Du hattest vor einigen Tagen geschrieben:
    Dass ich also zunächst mich auf diese Diskussion nicht eingelassen habe, ob man die Höhlen als mythische Ursprungsorte, Kivas oder reale Höhlen interpretieren muss, ist keineswegs eine Ignoranz eines der wichtigsten Argumente. Wenn man die Höhlen als reale Höhlen interpretiert, wie das Grundlage der Mexcaltitán-Hypothese ist, sind Kivas und "Ursprungshöhlen" sowieso ausgeschlossen. Wenn man die "Ursprungshöhlen"-These heranzieht, haben die realen Höhlen, die vor 140 Jahren bei der Formulierung der Mexcaltitán=Aztlán-These eine Rolle spielten, keine Relevanz. (Es sei denn, man wüsste von Höhlen in der fraglichen Region, die Spuren entsprechender Kulte trügen.)


    Reden wir noch mal über den Mythos. Angeblich soll ja Huitzilopochtli die Azteken, die sich dann Meschika nannten, von Aztlán aus geführt haben. Huitzilopochtli war aber ursprünglich der 1247 verstorbene Priester Huitziltzín, der post mortem als Huitzilopochtli zum Gott erhoben wurde, und zu einer Art Kyffhäuser-Barbarossa der Azteken wurde. Sein Wirkungsort war Tizayocán, das ist keine 25 km von Teotihuacán und keine 60 km von Tenochtitlán entfernt. Dieser zum Gott Huitzilopochtli erhobene Huitziltzín, der ca. 30 Jahre vor der tatsächlichen Gründung Tenochtitláns und knapp 80 Jahre vor der Gründung Tenochtitláns nach dem Mythos starb, hatte laut Mythos die Wanderung seit Aztlán göttlich geleitet und ihm soll bereits in den Höhlen geopfert worden sein. Das mag ein Theologe so stehen lassen. Ein Historiker muss damit irgendwie umgehen.
     
  13. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Greifen wir noch etwas anderes aus dem Mythos auf: Die "Kulturstufe", die der Mythos schildert. Demnach ernährten sich die Bewohner dieser nördlichen Regionen von rohem Fleisch und trugen allenfalls Felle, wenn sie nicht nackt herumliefen.

    Das hieße: knapp 5-6000 Jahre nachdem die mesoamerikanische Neolithisierung eingesetzt hat, will der aztekische Mythos, dass die Azteken noch wilde Barbaren waren, die nicht einmal in der Lage waren, Feuer zu machen, geschweige denn Anbau zu betreiben, Keramik herzustellen oder Kleidung zu weben?

    Okay, wir müssen das nicht ernst nehmen, zumal ja Archäologie und auch der agroökonomische Wortschatz des Nawa Gegenteiliges beweisen. Aber wie verhält es sich da mit dem vielbeschworenen "wahren Kern" der Mythe? Wie unterscheiden wir den vielbeschworenen "wahren Kern" von dem geschwurbelten Drumherum?
     
  14. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Und wenn wir bei diesem Beispiel bleiben und uns die Sprachen der Goten, Vandalen, Langobarden, Burgunder zwei bis drei Jahrhunderte nach der Wanderung ansehen, werden wir feststellen, dass praktisch alle Migrantengruppen romanisch sprachen.
    Welchen Schluss sollte man also auf die Sprache ihrer "gemeinsamen Vorfahren" ziehen?
     
  15. Erich

    Erich Aktives Mitglied

    Wo steht das?
    Der bereits mehrfach (auch von Dir in Teilen) wiedergegebene Codex Boturini aus dem Museo Nacional de Antropologfa, Mexico zeigt sogar (symbolisch) eine Pyramide auf der "Heimatinsel" und die Bekleidung der Wandergruppen.
    "Unzivilisert" waren die Chichmeken - zu denen auch die Vorfahren der Azteken gehörten - insofern, als sie im Gegensatz zu den staatenbildenden Völkern wie den Tolteken nicht in Städten (Stadtstaaten) wohnten, sondern umherzogen (Jäger, Sammler, Wanderfeldbau) und mit so Dingern wie Pfeil und Bogen umgingen.
    jetzt komm - es ist bei allen einschlägigen Wissenschaftlern unstrittig, dass die Nahua(tl) / Nawa sprechenden Gruppen in mehreren Wellen, im Wesentlichen insbesondere ab ca. 750 (Tolteken) und dann ab dem 11. Jhdt. (Mexika) wieder im zentralen Hochland von Mexiko eingewandert und in einzelnen Gruppen bis Nicaragua vorgestoßen sind. Ein einziger (bisher hier zitierter) Linguist hat die erste Einwanderung auf ~ 500 n. Chr. datiert.

    Chi vuku zik Ah xel roxa ru camay zak yuhuh.
     
    Zuletzt bearbeitet: 11. September 2020
  16. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Gibt es eigentlich einen Grund, warum du in mehreren deiner Beiträge aus meiner Signaturzeile zitierst? Willst du mir damit andeuten, dass du mich trollst? Würde zumindest zu deiner Reaktion auf die "grundsätzlich gemeinsame Lebenswelt" passen.
     
  17. Erich

    Erich Aktives Mitglied

    Es gibt einen Grund - ich trolle Dich nicht, aber manche Deiner Beiträge sind einfach unterirdisch, und das bemerke ich dann auch (siehe #48) - sorry.
     
  18. Erich

    Erich Aktives Mitglied

    Können wir nach dem Ausflug zur Frage, ob das Wort für Kakao (und Schokolade) ein Lehnwort der Nahuatl und/oder der Maya ist, und wo dieses Lehnwort herkommt (mit dem Hintergrund, wann die Nahuatl-Sprecher nach Zentralmexiko gekommen sind) wieder zum originären Thema zurück kommen?
    Ich hatte geschrieben:
    und würde jetzt einfach mal mit einer eingeworfenen Zwischenfrage anfangen:

    Ist es denkbar, dass die Ursprungslegende von Aztlan einen realistischen Hintergrund hat, nachdem diese Ursprungslegende von "Aztlan" u.a. legendären Orten nicht nur auf die Azteken sondern auf mehrere Volksgruppen zurück geht, die größtenteils der Nahuatl-Sprachfamilie angehören?

    Wenn wir da übereinstimmen, können wir versuchen, die Herkunftsregion zu konkretisieren.

    Wenn wir da nicht übereinstimmen, indem wir die Ursprungslegende als einen märchenhaften Mythos ohne realen Hintergrund bezeichnen, hat die Konkretisierung von vorneherein keinen Sinn.
     
  19. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Der Versuch ist sinnlos, unabhängig davon, was jeder von uns für denkbar hält (ich halte sehr viel für denkbar). Schon die alten Azteken, denen sicher noch mehr schriftliche und mündliche Überlieferungen zur Verfügung standen als uns Heutigen, wussten nichts Genaues über ihre mythische Herkunftsregion.

    Wenn Du nach realistischen Hintergründen fragst, dann fällt mir die schöne Geschichte von Motecuhzoma I. ein, der 70 Zauberer ausschickte, um Aztlan zu finden. In dieser Geschichte steckt nämlich eine überaus realistische Auskunft: Um Aztlan zu finden, müsste man schon ein Zauberer sein und die Fähigkeit haben, sich in einen Vogel zu verwandeln.
     
  20. Erich

    Erich Aktives Mitglied

    Du beantwortest die nicht gestellte zweite Frage (wo), die hier im Thread diskutiert wird, als "unlösbar" - und lehnst mit dieser Antwort die Beantwortung der gestellten ersten Frage (ob) ab.
     

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