Die Außenpolitik im Kaiserreich: Vergleich Bismarck u. Wilhelm II

Dieses Thema im Forum "Das Deutsche Kaiserreich" wurde erstellt von Kuhni Kühnast, 24. Juni 2006.

  1. zeckenskater

    zeckenskater Neues Mitglied

    Ehm also war grade in der Bücherei und die hatten echt verdammt wenig Bücher..von denen wonach ich gefragt hab gabs lkeider keins..hab jetzt von Sebastian Haffner "VOn Bismarck zu Hitler"..von Hans-Ulrich Wehler "Das Deutsche Kaiserreich 1871-1918" und von Erich Eyck "Bismarck und das deutsche Reich"...taugen die was?
     
  2. Gandolf

    Gandolf Neues Mitglied

    Mein Tip: Klaus Hildebrand, Deutsche Außenpolitik 1871-1918, 2. Auflage, 1996. Das Buch gehört zur Reihe "Enzyklopädie deutscher Geschichte", die von Lothar Gall hrsg. wird.
     
  3. zeckenskater

    zeckenskater Neues Mitglied

    Bismarck hatte ja dann 1887 den Rückversicherungsvertrag mit Russland gemacht...und das war ja wegen den Streitigkeiten mit Österreich..aber wieso wollte Russland denn mit Deutschland noch ein Bündniss haben? Weil es war doch so, dass auf wirtschaftlicher Basis durch die Zollerhöhungen gegen Russische Importe doch auch gewisse "Streitigkeiten" entstanden...??hatte Russland auch Angst vor einem Krieg mit Deutschland oder wiese? Und wenn das so gewesen ist, warum hat sich Russland dann nicht einfach mit Frankreich zusammengetan also direkt...?
     
    Zuletzt bearbeitet: 2. März 2007
  4. Pope

    Pope Neues Mitglied

    Ich denke, dass - sofern sie nach 1960 geschrieben wurden - durchaus etwas taugen. Jetzt musst Du mal "querlesen", wer wo für Dich die interessanten Kapitel versteckt hat.

    Dann fasst Du die wichtigen Daten und Erkenntnisse zusammen, setzt ein paar Grafiken und Bilder aus dem Internet rein (Quellenangabe nicht vergessen!), und fertig ist die Facharbeit ;)
     
  5. Pope

    Pope Neues Mitglied

    Die einzige europäische Macht, die es sich erlauben konnte, allein zu handeln war Großbritannien. Aber auch die mussten aufpassen, dass sie nicht irgendwann alle gegen sich aufgebracht haben.

    Der Balkan war seit jeher Zankapfel Russlands, Osmaniens und Österreichs (und später noch Italiens). Russland hatte im Krimkrieg schon ziemlich plump gehandelt und ist von den anderen Mächten verdroschen worden. Also brauchte Russland Partner, wollte es seine Ansprüche durchsetzen. Bismarck unterstützte insgeheim Russlands Anbitionen auf dem Balkan, im Gegenzug sicherte Russland Neutralität zu.
     
  6. Kunifer

    Kunifer Neues Mitglied

    Mit den drei Autoren hast Du meiner Meinung nach einen guten Griff getan. Hans-Ulrich Wehler ist Sozialhistoriker der Bielefelder Schule, was bedeutet, dass er weniger auf Jahreszahlen und Personen fixiert ist, wie viele ältere Historiker, sondern auch das Leben und Wirtschaften der Menschen beschreibt. Er geht stark auf die zeitgleich stattfindende Industrialisierung in Deutschland ein.

    Haffner war Journalist und Essayist, was seine Bücher gut lesbar macht. Er schrieb sehr preußenfreundlich, begründet dies aber fundiert. Das muss man wissen, wenn man seine Bücher liest.

    Erich Eyck war liberaler Historiker alter Schule. Er galt seinerzeit als einer der besten Bismarck-Experten, sah diesen aber durchaus sehr kritisch.

    Insgesamt hast Du also eine interessante Mischung: Einen eher modernen Historiker, eine Journalisten und exzellenten Quereinsteiger und einen klassischen Historiker aus der Mitte des letzten Jahrhunderts. Nun lies deren Bücher und schaue auch nach Widersprüchen und Gegensätzlichkeiten in ihren Darstellungen. Wenn du diese dann noch in Deiner Facharbeit herausarbeitest, hast Du Dir in meinen Augen schon das halbe Fleißkärtchen erarbeitet.
     
  7. zeckenskater

    zeckenskater Neues Mitglied

    joa super..danke für die Informationen.
     
  8. zeckenskater

    zeckenskater Neues Mitglied

    Also versteh ich das dann richtig, dass Deutschland dann im ersten Weltkrieg ganz allein mit ÖU allen anderen Großmächten gegenüberstand? Also Frankreich Großbritannien und Russland??
     
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  9. Pope

    Pope Neues Mitglied

    Nicht ganz, aber grob gesehen stimmt das.

    Hier eine Karte: http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Schieramenti_WWI.png

    Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Erster_Weltkrieg
     
  10. Köbis17

    Köbis17 Gast

    Aber nicht nur S.M., denn im Bereich Marinepolitik, war nicht S.M. der treibende Keil, sondern Staatsekretär des Reichsmarineamtes Tirpitz. Er gab ab 1897 durch die "politische Flotte", so deren neue taktische Ausrichtung, einen schwergewichtigen außenpolitischen "Stützpunkt" der Isolation.
     
  11. tejason

    tejason Aktives Mitglied

    Richtig, doch ohne Rückendeckung des Kaisers hätten die Ideen des Tirpitz keine Chance auf Erfüllung gehabt. Insofern war Kaiser Wilhelm für den Keil zwischen England und Deutschland mit verantwortlich. Solange seine Großmutter (Königin Victoria) noch lebte, war sie sein Lieblingsenkel, mit seinem Cousin König Edward verstand er sich gar nicht. Dessen Hang zu Frankreich löste Trotzreaktionen bei Wilhelm aus. Bekannt ist Wilhelms Ausspruch bei heftigen Nasenblutungen, wonach er sich wünsche dabei wenigstens den letzten Rest englischen Blutes zu verlieren...
    Anekdoten am Rande der Weltgeschichte... Es gab mehr und wichtigere Punkte als Wilhelms Befindlichkeiten.

    @Topic: Tekker vermisst deine eigenen Gedanken zur Ausgangslage und wohl eine präzisere Fragestellung. Die Frage zu beantworten könnte man Bibliotheken füllen! Der Grundzug des französichen Revanchismus war eine dauernde Belastung vor 1914 und der sicherste Anker im damaligen Machtgefüge. Das hatte Bismarck erkannt und beherzigt. Seit Wilhelm glaubte man sich mächtig genug trotz dieser explosiven Konstante eine sehr freie Außenpolitik zu treiben, wozu die tirpitzsche Flotte ein Mittel sein sollte...
    Welche Großmächte gab es denn damals in Europa und was waren ihre Hauptmotivationen. Nur vor diesem Hintergrund ist die deutsche Politik zu verstehen. Hier solltest du gezielt fragen.
     
  12. raisevoice

    raisevoice Neues Mitglied

    Diverse Fragen fürs Abi

    Liebe Geschichtsforennutzer,

    mein mündliches Abitur rückt immer näher und einige kleine Fragen bereiten mir Kopfschmerzen. Wäre wirklich super wenn ihr mir die ein oder andere beantworten könntet.

    Meine Themen sind die Bündnispolitik vor Weltkrieg I (Bismark'sche Bündnispolitik - Wilhelm II) und der Vergleich zur Blockbildung im Kalten Krieg.

    Fragen:

    1.) Weshalb tritt Russland der Triple Entente bei. Das einzige was ich dazu gefunden habe war, dass "Russland sich aufgrund seiner Niederlage gegen Japan Großbritannien annähert." Warum?

    2.) Wie will Deutschland die Entente Cordial durch ein Intervenieren gegen Frankreich in Marokko sprengen?

    3.) Warum entsteht kein Bündnis zwischen Deutschland und England, wie Wilhelm II es wollte. Hier steht, dass es wegen der deutschen Flottenpolitik nicht funktionierte? Die deutsche Flotte war der englischen zu dieser Zeit überlegen, weshalb also kein Bündnis?

    Kalter Krieg:

    4.) Sinngemäß steht in einem Geschichtsbuch von mir: "Die außenpolitische Handelsfreiheit, die [...] Integration in Europa und die deutsche Wiedervereinigung ließen sich nicht unter einen Hut bringen, weshalb Adenauer zunächst den Weg der Westintegration vorzog."
    Wollte Adenauer nicht die Souveränität der BRD? Westintegration würde doch Abhängigkeit von den Westmächten bedeuten. Und eigentlich beabsichtigte er doch gar keine Wiedervereinigung, oder?

    5.) Was bedeutet die "formelle Beendigung des Kriegszustands" (Juni 1951) für das Besatzungsland genau?
     
    Zuletzt bearbeitet: 1. Juni 2008
  13. TGDarmstadt

    TGDarmstadt Neues Mitglied

    Antworten zu deinen Fragen

    Japan war mit Großbritannien verbündet. Durch den Sieg über Russland erwies Japana seinem Verbündeten einen Bärendienst:
    1. brauchte GB nun keine große Flotte mehr im Fernen Osten unterhalten und konnte seine Flotte in der Nordsee konzentrieren (schlecht für D)
    2. Russland hatte einen großen Rückschlag im imperialen Wettlauf um Asien erlitten. Daher suchte Russland nun eine Einigung mit Britannien über die Besitzungen in Asien, was zum Beitritt zu Triple Entente führte.

    D schätzte die Situation falsch ein: Wenn F Marokko zu einem Protektorat machen würde, rechnete D damit, dass GB und die USA auf den freien Handel in Marokko pochen und sich somit gegen Frankreich stellen würde.

    Nur in den Träumen von Kaiser Wilhelm II.! Tatsache ist, dass die Briten der Deutschen Flotte immer Paroli bieten konnten. Besonders deutlich wird dies nach der Erfindung der Dreadnough-Klasse, die mit einem Schlag alle älteren Modelle veralten ließ. Nach dem Sieg der Japaner über Russland konnt GB wie erwähnt seine Flotte in der Nordsee konzentrieren.
    Am Vorabend des 1. WK. war die Royal Navy der Dt. Flotte im Verhältnis 3:2 überlegen. Technisch waren beide Flotten etwa auf gleichem Stand (auch wenn Körbis sich in diesem Punkt wohl besser auskennt). Tatsache ist, dass der Plan, GB durch die Größe und Schlagkraft der dt. Flotte zum Eingeständnis imperialer Forderungen seitens des DR zu zwingen, gescheitert ist.
    GB währe wohl zu Beginn der Herrschaft Wilhelms II. bereit gewesen, D als Juniorpartner zu akzeptieren. Damit wollte sich aber Wilhelm II. nicht zufrieden geben, da er Deutschland zur Weltmacht machen wollte.

    Das Ziel der Adenauerregierung war die außenpolitische Isolierung der DDR. Die BRD erhob den Alleinvertretungsanspruch für alle Deutschen. Folglich konnte Adenauer primär nichts an der Souveränität der DDR gelegen sein. (s. Hallstein-Doktrin)
    Adenauer hatte aber erkannt, dass eine Wiedervereinigung nur zu einem sehr hohen Preis zu bekommen war: Die UdSSR hätte einer Wiedervereinigung nur zugestimmt, wenn das vereinte Deutschland neutral geworden wäre. (s. Stalinnote.) Vor allem hätte D kein Bündnis mit einem ehemaligen Kriegsgener aus dem 2. WK abschließen dürfen. Für Adenauer waren diese Forderungen unannehmbar, da sie das Ende der Westintegration bedeutet hätten (und wahrscheinlich Deutschland ohne westliche Verbündete das nächste Opfer der Sowjetunion geworden wäre.)
     
  14. raisevoice

    raisevoice Neues Mitglied

    Hallo und vielen Dank für die ausführlichen Antworten. Aber was genau meinst du damit, dass GB und USA in Marokko auf "freien Handel pochen würden"? Würde der Handel mit den anderen Großmächten Frankreich schaden, wenn es dort seine Kolonien betreibt?

    Das mit der "Souveränität der DDR" im letzten Abschnitt war auch Blödsinn, ich meinte eigentlich die BRD.
     
  15. TGDarmstadt

    TGDarmstadt Neues Mitglied

    Wenn Marokko eine Kolonie Frankreichs wird, dann kann es als Landesherr z.B. die Zollgesetze ändern oder französischen Firmen Vorteile vor der Konkurrenz verschaffen. Denke nur mal an die lukrativen Geschäfte, die z.B. der Bau von Eisenbahnen oder Telegraphenleitungen in dem Land verspricht. In einer französischen Kolonie werden diese Geschäfte bestimmt nicht an deutsche oder britische Unternehmen vergeben.
     
  16. admiral

    admiral Neues Mitglied

    Ich wäre interessiert an einem Meinungsaustausch über Bethmann-Hollwegs Außenpolitik. Folgende Darstellung ist als Ausgangspunkt gedacht:
    Als industriell erstarkte Reich wandte es sich der „Weltpolitik“ zu („Wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne“, so der damalige Staatssekretär im Auswärtigen Amt Bülow 1897 im Reichstag). Die Weltpolitik wurde kombiniert mit der Flottenpolitik. Dabei verfolgte man – im Hinblick auf den für Unvereinbar gehaltenen Gegensatz von England und Russland – die „Politik der freien Hand“, also kein Bündnis mit einem der großen Mächte, letztlich auch um nicht ungewollt in ihre Verwicklungen hineingezogen zu werden. Diese Politik war meines Erachtens auch richtig, da das Reich weder mit England noch Russland größere Interessenskonflikte hatte (wohl mit Frankreich, das aber doch schwächer wie die beiden anderen Staaten war). Die Politik des Reiches war ähnlich wie die Englands („Splendid isolation“), allerdings hatte das Empire Konfliktpotential mit Frankreich und Russland (die englisch-japanische Allianz von 1902 war gegen Russland gerichtet), glaubte aber allein stark genug zu sein. Der relative Abstieg Englands (Zweite industrielle Revolution) änderte diese Annahme und führte zur 1904 Entente Cordiale und 1907 zur Triple Entente („Einkreisung“, ein Begriff, den Bülow bereits 1906 benutzte). Dieser veränderten Situation musste die deutsche Politik angepasst werden. Das Konzept, das meines Erachtens Bülow verfolgt hätte, wäre zum einen der Versuch Russland aus der Triple Entente herauszulösen und zum anderen eine Stärkung des Dreibundes, insbesondere der Beziehung zu Italien. Bülow stürzte nicht über diese außenpolitische Frage, sondern verlor das Vertrauen des Kaisers in der Daily-Telegraph-Affäre 1908 und trat im Zuge der Finanzreform 1909 zurück.

    Hat jemand Kenntnisse darüber wer 1909 als Nachfolger Bülows in Frage kam und warum er es nicht geworden ist?

    Nach heutigem Wissensstand, aber auch nach damaliger Auffassung war die außenpolitische Situation des Reiches prekär. Berufen wurde aber mit Bethmann-Hollweg ein Innenpolitiker, der sich in der Außenpolitik sichtlich unwohl fühlte und Kiderlen-Wächter freie Hand wies. Der wiederum verfolgte eine Politik, die den 1909 formulierten Grundsätzen des Kaisers („friedliche und freundliche Beziehungen zu anderen Mächten“) nicht gerecht wurde (Zweite Marokkokrise). Bethmann-Hollweg persönlich wichtig war ein Ausgleich mit England (Geheimverhandlungen bereits 1909, Haldane-Mission 1912). Ein solcher Ausgleich wäre aus deutscher Sicht gewünscht gewesen, aber der Ansatzpunkt war nicht erfolgsversprechend, da er nicht den Interessen Englands entsprach. England war immer noch die Weltmacht und diese beruhte auf ihrem Kolonialreich und ihren weltweiten Finanz- und Handelsnetz und dem Gleichgewicht der Kräfte in Europa. Dabei befand sich England relativen Rückgang (der auch nicht dadurch aufzuhalten war, dass England in zwei Weltkriegen auf der Siegerseite stand). Industrielle Macht, nicht mehr die koloniale Macht war entscheidend. Das Gleichgewicht der Kräfte in Europa war entscheidend dafür, dass England sich eine riesige Flotte leisten konnte (mit der weiteren Folge, dass sie eine schwache Landarmee hatte, Zitat Lord Fisher „Die Armee ist nur ein Geschoß, das durch die Flotte abgefeuert wird“). Da eine Flotte allein nur wenig Wirkung hat, brauchte England immer einen Festlandsverbündeten („Festlandsdegen“). Das konnte nicht die stärkste Festlandsmacht sein (da England sonst selbst seine Machtposition ausgehebelt hätte). Jede Vereinbarung Englands mit Deutschland, das dem Reich freie Hand auf dem Festland gegeben hätte (die von Bethmann-Hollweg verlangte Neutralität Englands gegen eine Reduktion der Bauten bei der Marine wäre eine solche Vereinbarung gewesen), konnte meines Erachtens von England nie angenommen werden. Im Gegenteil hierzu war die Entente Cordiale für England genau das Richtige (und die Verbindung mit dem alten, aber eben doch geschwächten Feind Frankreich und sich über zwei Weltkriege bewährt). Diese „Wahrung des Gleichgewichts“, so ausdrücklich Lord Haldane im Dezember 1912, war für England das Entscheidende. Die allgemein in der Vordergrund gestellte Flottenpolitik war eine Nebensache. Das Reich als zweitgrößte Handelsnation musste ihre Interessen auch auf den Seewegen schütze. Die Flotte war von der Schiffszahl deutlich schwächer als die englische. Auch nach dem ersten Weltkrieg hat sich England gegen Deutschland gestellt, ohne dass Flottenfragen überhaupt virulent wurden. Bei der Haldane-Mission zur Regelung der Flottenstreitigkeit kann ich kein konkretes Angebot Englands erkennen.

    Die außenpolitischen Aktivitäten der Regierung Bethmann brachten nur Scheinerfolge (Bagdadbahn-Abkommen, das kurz vor dem Abschluss stand) sie zeigten keine Wirkung und konnten den Krieg in keinerlei Weise verhindern.

    Diese aussichtslose politische Initiative erweckte den Eindruck der Schwäche und Alternativlosigkeit und gab Kriegsparteien (in Frankreich und Russland) erst das nötige politische Gewicht.

    Kurioserweise hat Bethmann diese Politik im Krieg weitergeführt. Er vertrat möglicherweise den Gedanken, dass ein Sieg der Entente England automatisch auf die Seite der Deutschen bringen würde, da Russland und Frankreich zu sehr gestärkt würden. Warum dann aber mitten im Krieg eine Politik der Schwäche verfolgt wird (z.B. kein Einsatz der Flotte „um England nicht zu reizen“), ist mir völlig unerklärlich.

    Ich sehe keine aktive, nach vorne gerichtete Politik bei Bethmann (womit ich eine Bündnispolitik meine, damit das Reich aus einer Position der Stärke verhandeln kann). Russland gegenüber war er nicht positiv gestimmt. Ich kann nicht erkennen, dass er Japan oder die USA in Erwägung gezogen hat. Er konnte zwar die Mittelmeerkonvention von 1913 (einheitliche Verwendung der Streitkräfte von Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien im Mittelmeer) abschließen, aber, wie bekannt, ohne praktische Wirkung (da die Disharmonien im Dreibund wurden nicht gelöst wurden – ganz im Gegensatz zur Triple Entente).

    Wer hat eine positive Meinung über Bethmanns Außenpolitik?
     
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  17. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Anton Graf von Monts, Botho Eulenburg und General Colmar Freiherr von der Goltz waren als Nachfolger von Bülow im Gespräch. Bethmann war eigentlich nicht der Kandidat des Kaisers, weil dieser immer alles besser wissen wolle oder so gern doziere. Aber Bülow hat Bethmann nachdrücklich empfohlen, weil gerade jetzt, gemäß Bülow, es nun darauf ankäme einen Kanzler zu haben, der bestens mit dem innpolitischen Parkett vertraut sei. (1)

    Was die Verständigung mit England angeht, muss man fairerweise aber anerkennen, das Bethmann in Tirpitz einen mächtigen Gegenspieler hatte, der die Auffassung vertrat, die Briten könnten ja mit entsprechenden Vorschlägen kommen. Schon Bülow war durchaus bereit gewisse rüstungspolitische Konzessionen gegenüber England zu machen, die aber von Tirpitz erfolgreich torpediert worden.

    Des Weiteren war die außenpolitische Situation beim Amtsantritt von Bethmann als Reichskanzler auch nicht gerade als optimal für das Deutsche Reich zu bezeichnen. Welche großen Möglichkeiten hat er denn schon gehabt? Der außenpolitische Spielraum war zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr besonders groß.

    Bekanntermaßen hatte sich England 1902 mit Japan, 1904 mit Frankreich und 1907 mit Russland über die wesentlichen außenpolitischen Streipunkte geeinigt. Deutschland war hingegen nur mit einer, und dann auch mitder "schwächsten" ,der fünf europäischen Großmächte verbunden. Das war genau die Situation, die Bismarck immer vermieden wissen wollte. Er wußte schon ganz genau, weshalb er immer die Verbindung zu Russland sorgfältig gepflegt hat.

    Sein Ansatz mit England ins Gepräch zu kommen, um aus der unvorteilhaften außenpolitischen Lage herauszukommen, war doch eigentlich nicht falsch. Die Allianz zwischen Frankreich und Russland verfestigte sich immer mehr, so das dort nur geringe bis gar keine Aussichten auf Erfolg bestanden. Nur wären eben hier ein Entgegenkommen hinsichtlich des Flottenbaus geboten gewesen und da gab es Gegenspieler, die mächtiger als Bethmann waren. Dies kann man ihm aber nicht unbedingt anlasten.

    Auch war das Zusammenwirken mit England nach den Balkankriegen von 1912 und 1913 ja nicht ganz ohne Erfolg geblieben oder? Berchthold hat sich sogar über die "laue" Unterstützung Deutschlands beschwert, da Deutschland eben nicht bereit war, einseitige österreichische Aktivitäten zu decken. Die Hoffnung der deutschen auswärtigen Politik, das aufgrund dieser konstruktiven und erfolgreichen Zusammenarbeit mit England, sich auch anderen Gebieten positive Folgen haben würde, erfüllten sich aber nicht.

    (1) Mommsen, Bürgerstolz und Weltmachtstreben, S.369, Berlin 1995
     
    Zuletzt bearbeitet: 18. September 2008
  18. Köbis17

    Köbis17 Gast

    Wichtig ist hier zu sehen, daß der Zeitabschnitt ab Ende der 1880iger Jahre mit dem erscheinen der Mahanschen Therorie über die Seemacht von vielen Seemächten falsch Interpretiert worden ist. Aber allen voran von Tirpitz.
    Zwar öffnete sich auch schon unter Bismarck der Drang nach Kolonien im Deutschen Reich, doch war man in Marinedingen nur soweit gewillt, etwas aufzubauen, so das es für den Handelschutz in übersee sowie zur Küstenverteidigung diente. Doch mit dem Flottenbegeisterten Kaiser und Tirpitz wurde ein Instrument geschaffen, das als außenpolitische Waffe dienen sollte. Das Streben nach Seemacht als wichtigster Faktor im weltweiten Ringen der Großmächte, wurde von Deutschland falsch eingeschätzt.
    Das die deutsche Marine eine stumpfe Waffe war, zeigte sich erst nach dem 1.WK, doch war Ihr Aufbau nach dem Gedanken der Riskoflotte falsch außenpolitisch eingesetzt worden und drängte den größten Wiedersacher im Bezug auf Seemacht aus der Isolation in Bündnise mit anderen Großmächten, um sein modernstes Kampfpotensial im Bereich Seemacht gegen den Rivalen zu stellen. Dabei sollte die Flotte der Garant sein, gerade zur See keinen Gegner zur erhalten.
    Umschrieben könnte man sagen:"Wenn ich mir ein Messer zulege, es aber in der Tasche behalte, bin ich gerüstet, ohne jemanden auf den Slips zu treten, fuchtel ich aber wie wild mit dem Messer herum, mache ich mir nur Feinde."
    Was man in Deutschland wohl auch zu spät erkannte, war die enorme Abhängigkeit auf Importe im Bereich der Lebensmittel und das durch die geographisch schlechte Lage in der Nordsee kaum zu schützender Handelsweg schlimmere Auswirkung in einem Krieg haben könnte, als die gewonnene oder verlorene große Seeschlacht mit Schlachtschiffen.
     
  19. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Es ist auch 1910, bei einem Besuch des Zaren und Sasonows in Deutschland, gelungen, die schweren Verstimmungen, resultierend aus der bosnischen Annektionskrise 1908, weitesgehend auszuräumen. Ich glaube, das der Reichsleitung nach dieser Krise so langsam klar geworden war, wie gefährlich ein Krieg zu diesem Zeitpunkt für Deutschland hätte sein können, denn die Flotte war beispielsweise nicht für den Krieg fertig. Auch waren dei Russen fortan bereit die Deutschen beim Bau der Bagdadbahn keine Hindernisse mehr in dem weg zu legen. Die russische Seite war aber nicht bereit, dies in ein Abkommen zu gießen geschweige denn öffentlich zu machen; wohl weil sie negative Auswirkungen beim französischen Bündnispartner fürchteten.

    Die Berufung von Alfred Kiderlen-Wächter zum Staatssekretär des AA, ebenfalls im Jahre 1910, war allerdings kein guter Griff.
     
  20. Köbis17

    Köbis17 Gast

    Interessant sind in diesen Zusammenhang auch die Erkenntnise der einzelnen Staaten Europas, was der Unterschied zwischen den Kabinettkriegen und einem modernen Volkskrieg bedeutet und das sich daraus entwickelnde Verständnis Außenpolitik zu betreiben. Sowie die Auswirkungen der durch die Industriealisierung möglich gewordenen Wettrüstung als Mittel des Friedenserhaltes.

    Wenn man das alles so betrachtet, war der 1.WK unvermeidlich. Da trifft niemanden allein die Schuld, aber das gehört glaube ich in ein anderes Thema...
     

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