Goebbels in der KPD. Wäre das möglich gewesen?

Dieses Thema im Forum "Das Dritte Reich" wurde erstellt von Friesengeist, 19. Dezember 2009.

  1. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Und da wäre sie ohne die Große Rezession auch geblieben. Sollte uns auch heutzutage wieder nachdenklich machen.
     
  2. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Ich finde diese Diskussion auch sehr spannend, obwohl ich sonst das 3. Reich eher meide.
    Die Arbeiterschaft müsste zahlenmäßig in den 20er Jahren doch die größte Wählergruppe gewesen sein und es herrschte noch ein stärkeres Klassenbewußtsein als heute, was im Thread schon anklang, Kiezwahlverhalten, "Arbeiter wählt KPD oder SPD".
    Für einen Populisten, so sehe ich Hitler noch immer, muß es in den 20ern entscheidend gewesen sein, Antworten auf die wirtschaftlichen und sozialen Probleme der einfachen Leute zu finden, wenn er eine Chance auf einen Wahlsieg haben wollte.
    Diese Antworten hat er sich bei anderen Parteien geliehen und wenn Göbbels eine gewisse KPD-Nähe mitbrachte und die sozialistischen Ideen als Propaganda-Spezialist auch noch gut verkaufen konnte, war er für Hitler extrem nützlich.
    Kann man das so zusammenfassen und bedeutet das dann nicht auch, dass letzlich die Stammtisch/Bildzeitungsseele des Volkes sich seinen Leitwolf samt Gefolgschaft selbst gewählt hat, natürlich ohne es zu wollen?
     
  3. iamNex

    iamNex Aktives Mitglied

    Das stimmt.
    Aber diese "Antworten auf die wirtsch. und soz. Probleme der einfachen Leute" hat er noch weitergespickt mit Zeitgeist - Hass gegen Versailles + Antisemitismus, gepaart mit ein paar sozialistisch klingenden Aussagen klingt schon fast nach Erfolgskonzept in den späten 1920er Jahren.

    Zum Thema:

    Ich finde der Fachbegriff der "Querfront" sollte hier noch fallen.

    Ich hab gerade ein Zitat von Otto Strasser von 1930 gefunden:

    „Die Sozialisten verlassen die NSDAP“

    Aber zu dieser Zeit gehörte Goebbels schon lange nicht mehr zum linken Flügel der NSDAP (falls er das jemals wirklich tat).
     
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  4. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Die Flügelkämpfe gibt/gab es vermutlich überall.
    Bemerkenswert jedoch wer nicht schon von Anfang an "treu zu seinem Führer" stand.
    Wenn der Spruch zum Parteiausschluß Hitlers tatsächlich von Goebbels gekommen wäre, :devil:hähä.
    Aber da er anscheinend von Rust kam, und dieser ebenfalls im engeren Machtkreis blieb, ebenfalls bemerkenswert.
     
  5. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Die Nazis haben 1932 ihre Wähler anscheinend relativ gleichmäßig verteilt aus allen Bevölkerungsschichten rekrutiert. Waren wohl die erste echte "Volkspartei".
    Vermutlich nicht zuletzt eine Folge des recht "unscharfen" Parteiprogramms.
     
  6. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Ich zitiere mich gleich selber:

    Das Buch behandelt die Wählerschaft der NSDAP im Detail. Kann ich wärmstens empfehlen.
     
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  7. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Und?
    Stimmt doch hoffentlich was ich schreibe:grübel:
     
  8. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Denke schon ;)

    Muss aber auch zuerst wieder mal ins Buch schauen und nachlesen.
     
  9. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    In dieser Unschärfe hat Repo nichts falsches gesagt.

    Ich habe eben Ursis Links quergelesen, danach ist die Arbeiterschaft gar nicht die stärkste Bevölkerungsgruppe, sondern die Mittelschicht und diese wiederum ist schwierig zu definieren: alte und neue Mittelschicht mit "proletaroiden" Anteilen, höchst interessant das ganze.
    Erstaunlicherweise haben nicht die Arbeitslosen mehrheitlich NSDAP gewählt. Wäre die Arbeiterschaft homogener gewesen, also nicht gespalten in KPD- und SPD- Anhänger und hätte die proletaroide untere Mittelschicht mehr Klassenbewußtsein besessen, hätte doch ein anderer mit der Kanzlerschaft beauftragt werden müssen, oder? :fs:
     
  10. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Das Problem in der Weimarer Zeit war, dass sich KPD- und SPD bekämpft haben. Dies stärkte dann unter anderm auch die NSDAP. Du sagst es richtig, die Arbeiterschaft war nicht homogen, und die beiden Parteien die eigentlich für die Arbieterschaft eintreten sollten bekämpften sich. Beide ob SPD oder KPD sahen nicht in der NSDAP den "Hauptfeind", sondern jeweilig in der andern "linken" Partei.

    Aus diesem Grund konnte sich auch kein homogener Widerstand aus der Arbeiterschaft entwickeln.
     
    Zuletzt bearbeitet: 22. Dezember 2009
  11. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Unabhängig von Falters "Hitlers Wähler" dazu eine Ergänzung, stark verkürzt:

    - der rasante Stimmenanstieg 1930 war das Schlüsselereignis für Hitlers "Marsch in das Bewußtsein der Wähler" (Döscher). Zuvor war die NSDAP eine Randgruppe des Spektrums.

    - die krisenhaften Entwicklungen der Wirtschaft standen in dieser Phase am Anfang (es gab einen saisonalen Sprung im Winter wie in den Vorjahren, allerdings ca. 1,5 Mio. höher). Im Zentrum der Wahlauseinandersetzungen stand der Young-Plan um die Reparationen, den inhaltlich kaum jemand verstand. Umso mehr eignete er sich zur Prropaganda gegen die Republik.

    - der Stimmenanstieg der NSDAP resultiert aus dem Lager rechts der Mitte (DNVP, DVP). Die SPD verlor an den linken Rand (KPD).
    Reichstagswahl 1930 ? Wikipedia
    Deutschland: Wahl zum 5. Reichstag 1930
    Deutschland: Wahl zum 4. Reichstag 1928

    - In Zahlen gewann die NSDAP rd. 4,6 Mio. Stimmen gegen 1928. DNVP und DVP verloren rd. 4 Mio. Stimmen (sehr wahrscheinlich auch an Nichtwähler, zB ehemalige DVP-Wähler, die Verluste der DNVP dürften überwiegend als Gewinne der NSDAP zugeschlagen werden), das erklärt bereits die Masse der Veränderungen. Die Verluste der SPD betrugen rd. 0,6 Mio., die Gewinne der KPD rd. 1,4 Mio. Die Bewegungen "links->recht" von den Rändern ist vermutlich vernachlässigbar, was für die Bewertung der Vermutung "programmatischer Nähe" nicht unwesentlich sein dürfte.

    - beiden extremen Lagern ist es gelungen, außerordentlich Wähler zu mobilisieren. Während 1928 noch rd. 30,7 Mio. gültige Stimmen gezählt wurden, werden 1930 fast 35 Mio. Stimmen abgegeben. Die Mobilisierung kann man KPD und NSDAP zusschlagen.


    Dieses Bild der Wahl 1930 wird in Regionalanalysen bestätigt, die sich mit dem Arbeiter-Wählerverhalten beschäftigt, also typische Arbeiterregionen behandeln. Bewegungen der SPD (noch weniger der KPD) sind danach weniger mit dem Anstieg der NSDAP als mit Nichtwählern und Abwanderungen zur KPD erklärbar. Die überraschenden Initialgewinne der NSDAP 1930 resultieren aus dem Mitte-Rechts-Spektrum und aus mobilisierten früheren Nichtwählern. Krise und Young-Plan/Reparationen (-> hier instrumentalisiert für "Verschulden" der republiktragenden Parteien) waren dabei ein wichtiges Thema. Völlig konträr dazu die Übertritte von Schlägertrupps zur SA: hier spielte die "Versorgung", siehe oben, eine wichtige Rolle.

    Dieser Beginn kann natürlich nicht auf die weiteren Wahlen übertragen werden.
     
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  12. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Von 2,6 auf 18,3 %. Allerdings ist Döscher nur teilweise überzeugend. Sicher von 1930 bis 1932 verdoppelte sich der Stimmanteil der NSDAP noch eimal, insofern kann man von einem Marsch ins Bewusstsein der Wahler sprechen. Aber wie marschierte die NSDAP ins Bewusstsein der 18,3 % 1930?!
     
  13. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Das war nur eine Übertragung des Titels, Döscher behandelt die spätere Entwicklung 1932/33.

    Die Wahl 1930 schaffte mE das eigentliche Sprungbrett (deshalb "Schlüsselereignis") das dann bei Verschärfung der Krise ausgenutzt wurde.

    Es gibt hier viele Facetten:

    - Öffnung von Finanzierungskanälen durch den Erfolg der NSDAP
    - politischer Radau der 107 Abgeordneten anstelle von 12
    - den Eindruck auf weitere wechselwillige Wähler
    - die Paralyse bzgl. denkbarer Koalitionen links des rechten Spektrums (obwohl eine solche noch rechenbar gewesen wäre)
    - Ausbreitung/Stärkung der NSDAP-Organisation in der Fläche.
    usw.

    Das führt aber etwas vom Thema weg. Wenn man der Wertung als Schlüssel zum weiteren Aufsteig 193032 folgt, wollte ich nur auf die Wählerbewegung dieser Wahl hinweisen. Diese ist nicht auf den Einbruch der NSDAP in linke Spektrum oder in die Arbeiterschaft zurückzuführen.
     
  14. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Aus den letzten Beiträgen (danke @repo, @silesia und @ursi) schlußfolgere ich, dass die Nazis um 1930 ihre Wähler also mehr aus der "unteren Mittelschicht" rekrutierten, richtig? Das kann nicht verwundern. Im Gegensatz zu den Industriearbeitern, die eh schon "unten waren", hatten diese Leute allerhand durch die Rezession verloren und noch zu verlieren. Proletarier wollten sie nicht werden, dünkten sie sich doch immer noch als etwas Besseres. Das mag eine Erklärung sein, warum kleine Bauern, Beamte und Angestellte massenhaft zu den braunen Rattenfängern überliefen.
     
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  15. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Das ist im wesentlichen die alte marxistische These vom Kleinbürgertum als Klientel der Nazis, womit ich nichts über deren Wert gesagt haben will.
     
  16. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Vor der Machtergreifung kann es durchaus so gewesen sein. Dass Hitler und seine Paladine dann später, bis vielleicht 1936 dauerte es, die meisten Arbeiter auch auf ihre Seite ziehen konnten oder sie zumindest zu passiven Mitläufern machten, ist eine andere Geschichte.
     
    Zuletzt bearbeitet: 22. Dezember 2009
  17. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Das Kleinbürgertum hat die Inflation bezahlt! (Großbürgertum wusste wie mans macht, Arbeiterschaft hatte vorher so wenig wie nachher)

    War von dem her ganz klar Republikfeindlich eingestellt.

    Ich kenne jetzt die empfohlenen Werke (noch) nicht.
    Bin mir aber fast sicher, dass, Stand 1932, die NSDAP ihre Wähler quer durch alle Schichten hatte. (Mal überlegen woher ich das habe. Kershaw?)
    Auch keine Schwerpunkte in diesem oder jenem Spektrum hatte.
     
  18. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Und dort dürften bei der beginnenden globalen Krise die Ängste sehr groß gewesen sein. Das kollektive Erlebnis der Hyperinflation lag nur wenige Jahre zurück.

    Es gibt auch Studien zu den angesprochenen Gruppen, zB
    Speier, Hans: Die Angestellten vor dem Nationalsozialismus, Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 26
     
  19. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Wusste doch, dass ich mir dies nicht aus den Fingern gezogen habe:

    hieraus:

    Hervorhebungen von mir
     
  20. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Noch im Nachtrag zwei Regionalstudien:

    Strauß, Heinrich: Fürth in der Weltwirtschaftskrise und nationalsozialistischen Machtergreifun, Nürnberger Werkstücke 29
    Hüls, Hans: Wähler und Wählerverhalten in Lippe während der Weimarer Republik, Sonderveröffentlichungen Lippe 22

    Die Studien betreffen eine industriell/proletarisch geprägte sowie eine landwirtschaftlich geprägte Region. Beiden ist Folgendes für die Wahl 1930 gemeinsam:

    - die NSDAP hatte ihre größten Stimmenzuwächse in den 1924/1928 bürgerlich geprägten Wahlkreisen

    - die stärkste Korrelation des NSDAP-Stimmenzuwachses bestand in Bezug auf Wählerbewegungen bzw. Stimmenverluste der DNVP bzw. DVP im Vergleich der Wahlergebnisse einzelner Wahlkreise

    - das Verhalten der Nichtwähler 1928/bzw. Erstwähler 1930 ergab nach den konfessionellen und sozialen Zusammensetzungen kein eindeutiges Bild: je nach den einzelnen Wahlkreisen profitierte die NSDAP nur in den für sie "günstigen" (=bürgerlichen) Gebieten, während sich ähnliche positive Korrelationen auch für Zentrum und SPD bzw. KPD ergaben (Gebiete, in denen diese auch zuvor hohe Ergebnisse erzielen konnten, bzw. zuvor "NSDAP-ungünstige" Gebiete).

    Von diesem Wahlergebnis 1930, bei dem sich die NSDAP von der Splitterpartei weg entwickelte, sind die Bewegungen bei folgenden Wahlen zu unterscheiden.
     

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