Sammelthread - Kurzkritiken über neue Spielfilme mit historischen Inhalten

Dieses Thema im Forum "Dokumentarfilme/Spielfilme" wurde erstellt von lynxxx, 18. Januar 2007.

  1. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    "Emma" Autumn de Wilde (2020)

    Nun also seit 1996 die nächste Emma-Verfilmung mit Starensemble.

    Handlung: Der Film setzt ein mit dem Auszug von Mrs. Weston (Gemma Whelan) aus Hartfield, da die ehemalige Gouvernante von Emma Woodhouse (Anya Taylor-Joy) unterdessen Captain Weston (Rupert Graves) geheiratet hat. Zufrieden mit ihrem Verkuplungsversuch bemüht sich nun Emma auch die junge Harriet Smith (Mia Goth) an den Mann zu bringen. Doch der Versuch mit dem Pfarrer Mr. Elton (Josh O'Connor) scheitert kläglich, da sich dieser überdrehte Zeitgenosse unbedingt in Emma verlieben musste. Dann trifft der heiß erwartete Frank Churchill (Callum Turner) aus Enscome ein, um die beschauliche Gesellschaft von Highbury durcheinander zu wirbeln. Doch wie Emma letztlich feststellen muss, hat Frank es auf Jane Fairfax (Amber Anderson) abgesehen, welche zum Ärgernis Emmas von vielen bewundert wird. Entgegen allen Befürchtungen von Mr. und Mrs. Weston liebt allerdings Emma garnicht Frank und ist daher auch keineswegs enttäuscht. Schlimmer für sie ist, dass sie nun glaubt, Harriet selber auf Mr. Knightley (Johnny Flynn) angesetzt zu haben. Denn endlich merkt Emma, dass sie trotz ihres Stolzes auf ihre Unabhängigkeit in Wahrheit Mr. Knightley liebt. Doch wie soll sie das ihrem Vater (Bill Nighy) beibringen, der Hochzeiten verabscheut und auf keinen Fall allein in Hartfield leben will.

    Erstmal will ich zum Positiven kommen. Die Rollen sind durchweg passend besetzt. Vor allem Anya Taylor-Joy passt einfach vom Alter her sehr gut zu Emma, wenngleich Amber Anderson eher zu alt wirkt, obwohl sie ja gleichalt sein soll wie Emma.
    Sehr schön sind die Drehorte. Da wurde ein feines Gespür für herrliche Landschaften, schmucke Dorfstraßen, Bauernhöfe und prächtige Herrenhäuser bewiesen. Auch die Abstufung von Donwell Abbey, Hartfield, Randalls bis hinab zum Sitz des Pächters Mr. Martin ist klar erkennbar. Man erkennt, dass sich Mr. Knightley praktisch garnicht um die Abbey schert, die nirgends modernisiert scheint, sondern stattdessen mit Barocker Pracht beinahe die verschüchterten Besucher erschlägt.
    Hervorragend auch die Kameraarbeit, welche die Landschaft genial einfängt. Die Gärten rund um Highbury wirken wirklich malerisch, ganz so wie es auch der Roman nahelegt.
    Als besonders positiv ist auch zu erwähnen, dass die Räume neu wirken. In vielen Verfilmungen werden Drehorte gewählt, die einfach heute ein bisschen verfallen sind. Aber sämtliche Anwesen im Roman erscheinen gut in Schuss und die Besitzer wohlhabend bis reich (Woodhouse + Knightley).
    Ähnlich wie in der Verfilmung von Lawrence von 1996 kommen auch hier Dienstboten vor, die wenngleich Statisten ein bisschen Charakter bekommen haben. Die Footmen von Mr. Woodhouse mühen sich deutlich ab seinen immer neuen Einfällen folge zu leisten...
    Sehr schön fand ich auch, dass die Darsteller nicht etwa nach Attraktivität ausgewählt wurden wie man es sonst sieht. Warum Emma allerdings hier als so besonders schön bezeichnet wird, erschließt sich mir nicht, da Harriet nach zeitgen. Maßstäben deutlich besser aussieht. Am elegantesten, das ist Emma vielleicht.

    Der Film soll offenbar wenn man die Kostüme zur Richtschnur nimmt im Entstehungsjahr des Romans 1816 spielen.
    Dabei hat sich m.E. Oscarpreisträgerin Alexandra Byrne weniger Mühe gegeben als für "Persuasion" (1995). Das Kostümbild scheint zwar wie aus einem Guss. Aber es gibt auch zahlreiche Anachronismen, etwa wenn die Figuren viel zu moderne Frisuren haben wie Frank Churchill (der ja angeblich extra nach London zum Frisör geht) oder Mrs. Elton mit einer 1830er (?) Frisur. Dann neben anderen Ausrutschern Mr. Knightley in einer Schlüsselszene mit einfach einer modernen abgeschnittenen Hose (!) - ist da in der Produktion ein Malheur passiert? Oder Mr. Martin mit einem gestreiften Hemd in jeder Szene(?).

    Dennoch eine gelungene Adaption, deutlich besser als McGraths von 96. 7 von 10 Tränchen.
     
  2. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    "Louis van Beethoven" Nikolaus Stein von Kamienski 2020.

    Handlung: Wir erleben wie Beethoven (Tobias Moretti) 1826 bereits vollkommen taub sein Leben Revue passieren lässt, während ihn die Unzulänglichkeit der Musiker ebenso aufbringt wie der Charakter seines Neffen Karl.
    Wir sehen den wohl 8-jährigen Beethoven (Colin Pütz) wie er von seinem Vater zum Wunderkind dressiert werden soll. Er wird maßgeblich von einem Schauspieler namens Pfeiffer beeinflusst, welcher nichts von Rameaus Harmonielehre hält. Schließlich gibt ihn sein Vater in die Lehre beim alten Kapellmeister Neefe (Ulrich Noethen), der bei Hofe in Bonn für die konservative Musik einzustehen scheint.
    In einer anderen Ebene erleben wir den jungen Erwachsenen Louis van Beethoven (Anselm Bresgott) in den späten 1780ern, als er Mozart begegnet und sich in eine Adlige verliebt.

    Positiv will ich hier generell die motiviert wirkenden Schauspieler erwähnen. In ihrer Rolle finde ich alle in sich schlüssig und man merkt, dass der desilusionierte, leicht aufzubringende Beethoven gut zu Tobias Moretti als erfahrener Schauspieler in ähnlich großen Rollen (Erzherzog Johann, Andreas Hofer, alter Casanova) passt.

    Etwas krude finde ich allerdings das Drehbuch und damit meine ich nicht die konsequente Entscheidung nur 3 Lebensabschnitte Beethovens vorzustellen. Denn das finde ich sogar begrüßenswert. Nein, ich finde diese komischen Ideen zu den Charakteren störend. Da wäre Neefe, der als alter konservativer Opa gezeigt wird, obwohl der historische Neefe, als Beethoven 8 war erst in seinen 30ern war. Eigenwillig auch die Figur Pfeiffers, der gleichzeitig Telemann singen kann und dann wieder ein Schauspieler sein soll. Was soll das denn darstellen? Ist er nun Schauspieler oder Opernsänger? Wenn er denn "nur" Schauspieler ist, was maßt er sich dann irgendwelche Abfälligkeiten über Rameau an? Das Ganze wirkt etwas arg konstruiert, um eben auf der einen Seite in Beethovens Kindheit die Bösen (konservative Musiker und Kurfürst) und Guten (Vater?, Rebell Pfeiffer) zu haben.
    Die Filmkritiken v.a. bezüglich des Kostümbildes kann ich mal wieder garnicht nachvollziehen. Es wurde sich doch sehr wenig bis garnicht Mühe gegeben insbesondere bei den Szenen, die im 18. Jh. spielen sollen, wo Beethoven als Kind - typisch für deutsches Fernsehen - einfach ein modernes Hemd trägt.

    Insgesamt eine mäßige Produktion, die vor allem durch die exzellenten Schauspieler überzeugen kann. 4 von 10 Noten.
     
  3. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Da der Film hier in Freiburg leider nicht im Kino lief, will ich ihn mal noch unter neue Filme hier reinstellen. Er lief unlängst auf Arte und ich habe ihn in der Mediathek angeschaut (GEZ hat sich mal gelohnt).

    "Mademoiselle de Joncquières" / "Der Preis der Versuchung" (F 2018) Regie: Emmanuel Mouret

    Handlung: Der etwas herunter gekommene Marquis des Arcis (Édouard Baer) ist ein allgemein bekannter Schürzenjäger. Vor ihm gewarnt will sich Madame de la Pommeraye (Cécile de France) seinem Werben lange nicht ergeben, erliegt ihm dann aber doch. Nach ein paar Jahren hat sich der Marquis ihr entfremdet und ergreift den nächsten sich bietenden Strohhalm sich von ihr zu trennen, da er ihrer überdrüssig ist. Seine vorgebliche Freundin sinnt nun auf Rache und bedient sich dazu der armen Madame de Joncquières (Natalia Dontcheva) und ihrer Tochter (Alice Isaaz), welche als Freudenmädchen leben müssen, obwohl sie adeliger Abstammung sind. Madame de la Pommeraye arrangiert es nun so, dass sich der Marquis Hals über Kopf in die schöne junge Mademoiselle de Joncquières verliebt und alles anstrengt, um sie zu gewinnen. Doch gesteuert von Madame de la Pommeraye lehnen die beiden schönen Damen alle Avancen und Geschenke ab bis er sich dazu gezwungen sieht Mademoiselle de Joncquières einen Heiratsantrag zu machen. Damit ist die Stunde der Vergeltung für Madame de la Pommeraye gekommen. Denn sie glaubt nun den Untreuen vor aller Welt unmöglich machen zu können...

    Bevor ich den Film in ganzer Länge angeschaut habe, hatte ich ihn anhand von Fotos auf Frock Flicks z.B. im Kopf als "Den Film der Bärte" abgestempelt. Tatsächlich ist dieser 7-Tage-Bart des Marquis auf die Dauer sehr störend und man fragt sich, ob er sich nicht wenigstens am Tag seiner Hochzeit mit der Schönen hätte rasieren können. So und dadurch dass er praktisch nie ein geschlossenes Hemd trägt wirkt er inmitten der schönen reichen Damen wie ein "Penner" in Seidenanzügen. Am Anfang dachte ich, dass sein ungepflegt wirkendes Aussehen damit zu tun hat, dass er wegen seines Schmachtens für Madame de la Pommeraye nicht zur Achtung auf sein eigenes Äußeres kommt. Einer seiner Häscher hat auch nen Vollbart...
    Davon abgesehen ist der Film eine sehr lose Verfilmung der Geschichte (Novelle?), welche von der Wirtin in Diderots "Jacques, der Fatalist und sein Herr" erzählt wird - man kann beinahe eher sagen: "nach Motiven von". Aber daraus macht auch der Film garkeinen Hehl.
    Die Handlung des Films scheint manchmal stark in seiner Zeit verhaftet (Mätressen, Adelige mit Standesdünkel, Libertins, Philosophen und Dévotes) dann aber auch wieder in seiner Aussage unglaublich zeitlos (was ist Ehrlichkeit/Wahrheit, was darf gekränkte Liebe?).
    Insgesamt besticht der Film aber auf vielen Ebenen. Mir gefallen beim Kostümbild bspw. die zahlreichen verschiedenen Livreen, die allesamt in den Zeitgeschmack passen. Da sind die schönen Instrumente, Gemälde und Innenräume. Von daher ist es gewiss ein Muss für Fans des 18. Jh. - ja ich würde es beinahe auf eine Stufe mit Frears "Dangerous Liasons" stellen.
    Der Film hat damals trotz exzellenten Set-Design, großartigen Schauspielern bis in die kleinsten Rollen wenig Resonanz bekommen. Es ist schade, dass es ihn nicht in Deutschland in den Kinos gab. Ich wäre mehrfach rein gegangen. Aber der Erfolg in Frankreich war eher bescheiden - vielleicht weil der Film doch auch sehr anspruchsvoll ist und weniger vulgär als Dangerous Liasons.

    8 von 10 feinen Intrigen.
     
    flavius-sterius gefällt das.
  4. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Nun habe ich es endlich mal wieder ins Kino geschafft. Das Kino (Harmonie) hat seit ein paar Tagen wieder offen. 5 Leute in einem riesigen Saal, klimatisiert etc. also alles in Ordnung von daher.

    "Neues aus der Welt" (USA 2020) Regie: Paul Greengrass

    Handlung: Der ehemalige Südstaaten Offizier Captain Kidd (Tom Hanks) reist als Vorleser aus den aktuellsten Zeitungen von Stadt zu Stadt um den Zuhörern das Neuesten aus der Umgegend und auch von der Großen Politik auf Bundesebene zu berichten. Je nach Ort passt er sein Programm an das an, was die Menschen interessiert (erinnert ein bisschen an die Pressesendungen auf den Öffentlich Rechtlichen ;) ). Unterwegs trifft er die junge Johann Leonberger (Helena Zengel), die als deutsche Siedlerin durch Kiowa 1864 entführt worden ist und welche zu ihren Verwandten nach Castroville gebracht werden sollte. Da ihr Begleiter aus politischen Motiven ermordet worden ist und der Indianerbeauftragte in der nächsten Stadt nicht anwesend ist, nimmt sich der Captain des Mädchens an. Ein Problem ist, dass das Mädchen einige Jahre bei den Kiowa aufgewachsen ist und kein Englisch spricht und nur wenig Deutsch, der Capatin aber nicht die Sprache der Kiowa. Unterwegs müssen sie ein Land voller Gefahren und das durch den 5 Jahre zuvor beendeten Bürgerkrieg noch immer gespalten ist durchqueren. Zwar kommen dem Captain teilweise seine Beziehungen als Offizier zugute, aber das nutzt ihm nichts gegen Outlaws, raffgierige Großgrundbesitzer und erst recht nicht gegen die Naturgewalten. Nach zahlreichen Gefahren erreichen beides Castroville. Doch sind sie damit am Ende ihrer Odyssee durch den Westen? Denn nicht nur Johanna sondern auch der Captain müssen sich endlich ihrer schweren Vergangenheit stellen.

    Was hat mir an dem Film gefallen? Na so ziemlich alles. Die Ausstattung fand ich sehr schön. Die zahlreichen Westernstädte fühlten sich echt an. Auch toll, wenn einem die Ausrüstung des Captains schonmal sehr eindrücklich vorgeführt wird. Dieser ruhige Film transportiert soviele Aspekte der Zeitepoche - nicht zuletzt durch die ganz unterschiedlichen Inhalte aus den Zeitungen, die Kidd erwähnt.
    Tom Hanks und die 12-jährige Helena Zengel sind ein ausgezeichnet spielendes Duo. Aber mir haben auch all die zahlreichen Nebendarsteller gefallen.
    Ein Hinweis aber meinerseits, man sollte den Film im Originalton sehen, sonst sind die Missverständnisse zwischen den Deutsch, Englisch und Kiowa sprechenden Figuren nicht plausibel. Da aber typisch für einen richtigen Western ohnehin nur wenig gesprochen wird und mehr über Gestik und Landschaftsaufnahmen transportiert wird, dürfte das auch für jemanden, der des Englischen nicht soooo mächtig ist, kein großes Problem sein.
    Was die historischen Details anbelangt, kenne ich mich nicht so aus.

    Es gibt 9 von 10 Schrotkugeln.
     
    -muck- und dekumatland gefällt das.
  5. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Da ich hier vergessen habe die angekündigte Kritik zu "Zwingli" hier reinzuschreiben eine Kritik von uns auf unserem Blog: https://wackershofenannodomini.blogspot.com/2019/11/zwingli-der-reformator-zwingli-2019.html
     
  6. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Der Film ist derzeit (TV-Premiere?) in der Arte-Mediathek.
     
  7. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    "The last duel" (Ridley Scott) 2021

    Handlung: Aus drei Perspektiven werden die Umstände der Vergewaltigung der Marguerite de Carrouges (Jodie Comer) und dem Gerichtlichen Zweikampf zwischen Jean de Carrouges (Matt Damon) und Jacques de Gris (Adam Driver). Die Handlung erstreckt sich episodenhaft über mehrere Jahre, wobei die Schlacht bei Limoges als Ausgangspunkt gewählt wird.

    Was mir gefallen hat war ganz überwiegend das Drehbuch. Bis auf Ausnahmen (weiter unten) agieren die Figuren in ihren Rollen sehr plausibel - egal ob es der bei Hofe "verdorbene" de Gris oder der stumpfe Ritter de Carrouges ist. Dankbarerweise wird den Schlachten nicht allzuviel Raum gewährt, sondern es kommen auch etliche andere Aspekte vor wie Vasallentreue, Prozessieren der Adligen, Saufgelage und Orgien und das Standesbewusstsein der Protagonisten kommt recht gut rüber.
    Insgesamt ist es schön, dass so ein im Grunde alltägliches Thema wie Vergewaltigung im Mittelalter auf der einen Seite und Gerichtlicher Zweikampf auf der anderen thematisiert wurde.
    Die Burgen sind eigentlich ganz schön als Drehorte, auch wenn es absurd scheint, wenn die Burgen ALLER Charaktere verfallen wirken. Also selbst der Sitz des Grafen ist weder verputzt oder gestrichen. Alle Burgen sind scheinbar alt und das obwohl man eindeutig spätgotische Fenster im Hintergrund mehrfach sieht (die freilich eher nach 16.Jh. aussehen).
    Die Kämpfe wären recht glaubhaft, wenn man dem Coreographen mal gesagt hätte, dass Ritter mit Lanzen!!! kämpfen.
    Sehr schön fand ich die Abstufung im Hofstaat dargestellt - auch wenn das mit einem besseren Kostümbild sicherlich eindeutiger erkennbar gewesen wäre. Auch ist es schön, dass überhaupt den weiblichen Rollen einmal mehr Raum gegeben wird, was im "Ritterfilm" rar ist, außer vielleicht wenn sie sich an Kinder wenden.
    Die Perspektiven des Grafen, des Königs und auch beinahe aller anderen Figuren auf die Handlung haben mir in ihrem Variantenreichtum sehr gefallen.

    Was hat mir weniger behagt? Da ist die Wahl der Darsteller. Marguerite de Carrouges wirkt auf mich schon in der ersten Szene doch erstaunlich alt für ein Fräulein, das aus der Perspektive des 14. Jh. vorwiegend neben ihrer Mitgift ja den ersehnten Erben gebären soll. Ihr Gemahl sieht mit seiner dämlichen Frisur einfach wie ein moderner Mensch aus, der halt im Gesicht ne Menge Schrammen abgekriegt hat.
    Die Kostüme tun schon erstaunlich arg weh, v.a. in Anbetracht, dass das späte 14.Jh. nun wirklich eine Zeit ist die viel im Reenactment vorkommt und in den Sammlungen der großen Museen ausreichend vertreten ist, dass man nicht so einen billigen Mist hätte fabrizieren brauchen. Ich verstehe auch nicht was daran schwierig hätte sein sollen in Angesicht dessen, dass doch eh massig CGI eingesetzt wird, dass die Ritter saubere (!!!) Rüstungen hätten kriegen dürfen, statt verrostetem Schrott, der obendrein ein Mix durch die Jahrhunderte ist. Aber insgesamt ist der Style halt "Robin Hood" von Scott lässt grüßen.
    Während die Dialoge ansonsten recht schön waren, dachte ich, ich falle vom Stuhl, als Marguerite de Carrouges behauptet, ihr Gemahl hätte ihr ja nicht gesagt, es ginge auch um ihr Leben, wenn er im Duell scheitert. Ich meine: diese Frau soll hoch intelligent sein, belesen obendrein und sieht aus wie Mitte 30 und soll in ihrem Leben auf einer Burg im Umfeld von Adligen nie von der Rechtspraxis der eigenen Epoche etwas gehört haben? Wollen die einen für dumm verkaufen?
    Das Drehbuch hat allerdings noch eine Krux. Es wird so dargestellt, als ob NIEMAND in der Burg war, als de Gris zur Vergewaltigung bei Marguerite de Carrouges ankommt. Aber WER hat denn das Tor der Burg geöffnet? Haben das zwei Reiter selber aufgehackt? Soll mir aufgetischt werden, niemand auf der Burg der Carrouges wäre auf die Idee gekommen das Tor zu schließen? Man sieht ja nur die Schwiegermutter mit der Zofe wegfahren, keine Burgmannen, Pförtner etc. sie auch noch (sinnloserweise) begleiten. Und wenn irgendjemand da war - z.B. der erwähnte Schmied - dann hätten diese der alten Mme. de Carrouges doch sicher berichtet, dass de Gris zwischenzeitlich da war. Das ganze Konstrukt hätte nur geklappt, wenn es sich um einen Wohnturm oder dergleichen gehandelt hätte (und sowas aufzutreiben als Drehort kann echt kein Problem sein). Vielleicht ist dieses "Problem" ähnlich wie in "Tulpenfieber" zu werten.

    Schauspielerisch und beim Drehbuch vielleicht zu 70% ein interessanter und gelungener Film, der aber wiederum zahlreiche Hollywood-Schwachsinn-Momente hat. 6 von 10 verrostete Rüstungen.
     
  8. -muck-

    -muck- Aktives Mitglied

    Wer sich fragt, was gemeint ist: Burgen waren äußerlich meist gekalkt, glänzten also weißlich. Innen waren sie verputzt und bunt bemalt, oft mit floralen Ornamenten, mythischen und religiösen Motiven, oder Elementen aus dem Wappen der Besitzer. Außerhalb geschichtsinteressierter Kreise weiß das leider kaum jemand.
    Das ist eines der Elemente, wo man, wie ich in dem anderen Themenstrang über Filme behauptete, leider Abstriche machen muss. Einen Film, in dem die Schauspieler mit Lanzen aufeinander zu reiten, bekommst du kaum versichert, selbst wenn sie nur aus Glasfaserfasterkunstoff bestehen.

    (Latex-Übungswaffen, wie sie manchmal in der Reenactment-Szene zu finden sind, taugen für Filme nicht, die biegen sich durch, sehen also offensichtlich "fake" aus.) Außerdem ist es sehr schwierig, selbst geübte Reiter darauf zu trainieren. Kurzum, die Unfallgefahr ist einfach zu groß.
     
  9. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    In "Ritter aus Leidenschaft" gab es Turnierszenen mit Lanzen, ebenso in der Serie "Die Tudors".
     
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  10. -muck-

    -muck- Aktives Mitglied

    Seither hat sich viel geändert. Beispielsweise ist auch Reiten ohne Steigbügel in Hollywood ein Tabuthema, seit sich Colin Farrell beim Dreh zu 'Alexander' verletzte. Die Gewerkschaften in der US-amerikanischen Filmindustrie sind ziemlich mächtig.

    Wer Szenen drehen möchte, die die Gewerkschaft ablehnt, muss entweder die beteiligten Darsteller und Crew-Mitglieder regelrecht schmieren, oder mit Leuten arbeiten, die keiner Gewerkschaft angehören. Zugegeben, wenn man sich ansieht, was am Set von 'Rust' geschehen ist, haben sie nicht Unrecht.
     
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  11. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    1. Die Turmburg in Oflings (nahe Wangen) ist z.B. heute noch verputzt und weiß gestrichen und sieht damit genauso aus wie auf historischen Darstellungen (z.B. aus dem 17.Jh. - aber viel frühere wird es nicht geben). Burg Oflings – Wikipedia

    2. Es gibt mittlerweile ja eine riesige Szene von Profis, die sportmäßig Turniere reiten. Ich habe auch schon polnische Ulanen in Waterloo 2015 gesehen, die in Formation mit Lanzen reiten konnten. Das ist ja nun nicht schwer zu ermitteln, dass es Leute gibt, die das beruflich (als moderne Kavallerie) noch können oder aus Gründen wie Sport oder Hobby das beherrschen. Bei den Produktionskosten spielt das ja keine Rolle irgendwelche Profis ran zu kriegen. Durch die zeitgenössischen Helme mit Visier (also nicht dem Kram, den man meistens hier im Film sieht) erkennt man ja eh nicht, ob Matt Damon darunter ist. Außerdem ist das nur eine kurze Szene. Die kann man in 1-2 Tagen drehen.
    Cineastisch wirken eingelegte Lanzen einfach optisch auch besser. Ich glaube, dass die Polen auch noch in modernen Historienfilmen Lanzenreiter zeigen. Mit CGI macht das ganze doch eh kein Problem mehr.
     
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  12. -muck-

    -muck- Aktives Mitglied

    CGI ist natürlich ein gutes Argument, obgleich die Kosten nach wie vor sehr hoch sind.
     
  13. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Der Film hat aber laut englischsprachigen Quellen 100 Millionen US-Dollar gekostet. In Deutschland ist ein mittelklassiger Film bei 5,5 Mio. habe ich mal gelesen. Für 100 Mio. kann man schon ne Menge bewerkstelligen. Außerdem ist der Cast auch nicht so hochkarätig besetzt, auch wenn Adam Driver, Ben Affleck und Matt Damon 2021 große Namen sind. Aber es ist eben nicht bis in die kleinsten Nebenrollen so ein Who-is-who des heutigen Kinos wie es in den 90ern bei größeren Mittelalterstreifen/Historienfilmen der Fall war. Der Reiterangriff zeigt auch nicht hunderte Ritter oder Knappen (hier in dem Film wird es ja so dargestellt, dass de Carrouges erst als alter Mann zum Ritter geschlagen wird und de Gris z.B. garkein Ritter ist) sondern vielleicht ein paar Dutzend.
     
  14. -muck-

    -muck- Aktives Mitglied

    Du hast Recht, aber in einem Punkt muss ich Dir widersprechen: 100 Mio. € ist nicht mehr viel Geld für eine Studio-Produktion. Erstens werden allein schon auf die Gagen für die A-Lister und den Regisseur gut und gerne ein Fünftel oder gar ein Viertel dieser Summe entfallen.

    Zweitens sind in den 100 Mio. die Promotionskosten nicht enthalten – all die Reisen rund um den Globus für Interviews und Previews, all die Trailer, die Werbekampagnen in den Medien. Nach dem 'Hollywood Reporter' können sie mit 80% bis 100% der Produktionskosten veranschlagt werden.

    Ein Film mit einem offiziellen Budget von $100 Mio. hat also in Wahrheit $180-200 Mio. gekostet. Zum Vergleich, selbst Produktionen mit sparsamem Einsatz von CGI und nur wenigen bekannten Darstellern kosten zwischen $150-$200 Mio. USD an reinen Produktionskosten, also gut und gerne bis zu $400 Mio. unbereinigt.

    Deswegen gehen die Studios auch kaum noch Wagnisse ein.
     
  15. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ist das dann ein Problem des US-Kinos?

    Ich habe neulich auf Arte "Die Geheimnisse von Lissabon" gesehen (immerhin mit der damals schon bekannten Léa Seydoux), was 2,5 Millionen gekostet hat. Gut, keine Massenszenen (gab's bei "The last duel" aber genau genommen auch nicht, weil überwiegend CGI), aber immerhin zahlreiche Drehorte, Innenräume, Fahrzeuge, Pferde usw..

    Vielleicht haben auch diese Marvel-Filme die Kostenspirale hoch getrieben. Die Krux ist ja, wenn man den Filmen die Kosten garnicht ansieht. Denn genau das kann ja leicht zum Floppen eines Films führen. Wieviel sollte denn heute "El Cid" kosten? 600 Mio.?

    "The last duel" war ja offenbar so ein Wagnis. Früher wäre ein Filmstudio mit dem Malus pleite gegangen oder kurz vor dem Ruin gewesen - siehe "Cleopatra" mit Liz Taylor. Und bei "Cleopatra" hat man den enormen Aufwand immerhin auch auf der Leinwand gesehen.

    Heißt das also, dass wir Blockbuster-Mittelalterfilme aus den USA garnicht mehr zu sehen bekommen, weil keiner die Settings, Statisten etc. mehr bezahlen kann? Könnte man dann nicht wie früher auf Italien ausweichen?

    Ich habe jetzt mal die Produktionskosten von "News of the World" gefunden. Zeitnah entstanden. Die lagen bei 36 Millionen und das Resultat sieht insgesamt aufwendiger und wertiger als "The last duel" aus.
     

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