Herkunft der Sumerer

Dieses Thema im Forum "Hochkulturen Mesopotamiens" wurde erstellt von Brenn, 3. Februar 2014.

  1. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Auf dem Ersten Kongress über die türkische Sprache im Jahr 1932, bei dem sich das offizielle Kongressprogramm auf Studien über die Beziehung zwischen der türkischen und indo-europäische Sprachen, "die Sprachen der weißen Rassen" und "andere" Sprachen Asiens und Europas" konzentrierte, unternahm Ahmet Cevat Emre den Vergleich von Türkisch und Sumerisch.

    Es war ein übliches Thema des Türkischen Nationalismus dieser Zeit, um einen zentralasiatischen Ursprung für die Sumerer zu beanspruchen und damit für die mesopotamische Zivilisation. Die Sumerer besaßen eine Sprache, die nicht mit den indoeuropäischen oder semitischen Familien verwandt war; daher war es eines der Hauptziele der türkischen Linguistik, Thesen zur Herstellung der ethnischen Einheit der Sumerer, den Erfindern der Schrift, und der Türken herzustellen, eine Mission, die einen hohen Status für die türkische Nation versprach.

    Auch Emre versuchte, mit einer Broschüre für diese Behauptung auf dem Kongress und auch danach in den USA zu argumentieren, die er im folgenden Jahr schrieb, wo er für die sumerische Sprache erklärte, die Keilschrift sei eine türkische Erfindung.

    Auf dem zweiten Kongress 1934 wechselte er jedoch zurück zu seinem Lieblingsthema, dem Ursprung der indo-europäischen Völker und der Sprachen und wiederholte seine Ansichten, die in zwei weiteren Büchern erschienen, die im selben Jahr veröffentlicht wurden:

    "Wenn dies [der türkische Ursprung aller indo-europäischen Sprachen] belegt werden kann, wird sich der Status unserer Sprache und unserer Nation und Rasse im Vergleich zu anderen Nationen und Sprachen ändern; Millionen von Menschen werden sich verändern. Millionen von Menschen werden auf eine der hervorstechendsten Meinungen verzichten müssen, die ihnen in ihrem Leben eingeprägt sind, den halb-religiösen Zustand, der das indo-europäische Land umgibt.

    Die Sprachenfamilie, zu der auch europäische Sprachen gehören, wird zerstört, es wird verstanden werden, dass diese Sprachen aus einer alten türkische Sprache entstammen, einer Sprache, von der man annahm, dass sie damit nichts zu tun gehabt habe und auf das sie früher herabgesehen haben; sie werden anerkennen, dass das alte Türkisch als Ursprung diente, und wir werden diese Sprachen als unsere nahen Verwandten ansehen; Arroganz und Herablassung werden der Vergangenheit angehören. Sprachen werden auf eine neue Art und Weise klassifiziert.

    Das Rassenproblem, geschaffen durch den Imperialismus des 18. Jahrhunderts und unterstützt von der Mystik des 19. Jahrhunderts, wird wie eine Fehlgeburt begraben. Wir werden uns dieser großen zivilisierten Familie mit dem Status eines Großvater anschließen.

    Übersetzung DeepL.com/Translator


    Zitat:
    Aytürk İlker Turkish Linguists against the West: The Origins of Linguistic Nationalism in Atatürk's Turkey,
    Middle Eastern Studies, Vol.40, No.6, November 2004, S. 1 – 25
    Turkish Linguists against the West: The Origins of Linguistic Nationalism in Atatürk's Turkey
     
  2. Ingeborg

    Ingeborg Moderator Mitarbeiter

    Daß Sumerisch eine agglutinierende Sprache ist, heißt nicht, daß es mit anderen (womöglich allen anderen) agglutinierenden Sprachen verwandt ist. Diese Bezeichnung bezieht sich ja lediglich darauf, wie Worte miteinander zu Aussagen 'kombiniert' werden. Bei agglutinierenden Sprachen werden Silben zB davorgehängt (Präfix) oder auch hintendran (Suffix). Aus dem deutschen "In deinen Häusern" wird im Türkischen "evlerinden" (Haus = ev, Plural = ler, dein = in, in = den - wenn ich das noch richtig auf die Reihe bekomme...).

    In der englischen Wikipedia gibt es einen Artikel zu agglutinierenden Sprachen, aus dem man sehr schön sehen kann, daß diese Sprachen auf allen Kontinenten vertreten sind.
    Agglutinative language - Wikipedia
    Im Bereich Amerika kenne ich mich ein wenig aus und kann dazu anmerken, daß dort fünf Sprachfamilien gelistet sind, die nur in Nordamerika vorkommen, sowie je zwei in Süd- und Mittelamerika. Außerdem noch die Sprachfamilie "Eskimo-Aleut" mit den Sprachen Aleutisch, Inuktitut und Yupik. Diese Sprachfamilien haben nur soweit miteinander zu tun, als sie alle auf einem der amerikanischen Kontinente gesprochen werden; eine Verwandtschaft besteht nicht. Noch weniger besteht eine Verwandtschaft zu Sprachen auf anderen Kontinenten.

    Wenn wir also annehmen wollten, daß Sprachen aus Europa, Asien, Afrika, Amerika alle miteinander verwandt sind, nur weil sie agglutinieren, kommen wir da ganz schnell ins Schleudern.

    Und ja, Sprache bzw Sprachen sind (finde ich) ein wahnsinnig interessantes Thema. Umso wichtiger ist es jedoch, die Spreu vom Weizen zu trennen und darauf zu schauen, daß man nicht irgendwelchen Scharlatanen und sonstigen Vollpfosten auf den Leim geht, die mit irgendwelchen fantasievollen "Theorien" ihr eigenes (nationalistisches oder politisches...) Süppchen kochen wollen. Eine Sprache wird nicht weniger "wert", wenn sie nicht mit einer bestimmten anderen verwandt ist - und nicht mehr "wert", wenn sie mit einer bestimmten anderen tatsächlich verwandt ist.
     
  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Oder das türkische Wort Yoghurt: Findet sich zumindest in allen westlichen Sprachen.
     
  4. Brahmenauer

    Brahmenauer Mitglied

    Da ich mich hier im Forum länger nicht sehen lassen habe, wiederhole ich mich vielleicht in meinem Beitrag zu den Sumerern. Ich konnte auch alle vorhergehenden nicht nochmals lesen.

    Jules Oppert (1825 - 1905) erfindet das Wort "Sumer" erst im Jahr 1869. Der Begriff wird von ihm nicht aus den Keilschrifttexten "herausdestilliert", sondern ist eine Entlehnung aus dem Alten Testament: " Der Anfang seines [Nimrods] Königreiches war Babel und Erech und Akkad und Kalne im Land Schinar" (1.Mose 10:10).
    "Schinar" hatte Oppert also in blindem Vertrauen auf die Bibel als passend für ein südmesopotamisches Volk empfunden, dessen Sprache offensichtlich nicht zu den semitischen gehörte: "Ich habe diesen Namen [Sumer] seit 1869 verwendet" (Oppert 1875).
    Das südmesopotamischen Volk in seiner Keilschrift nennt sich selbst gar nicht "Sumer(er)", sondern KALam! Das ist nun sehr nahe an KALdu der semitischen Keilschrifttexte. Die aber bezeichnen mit KAL das Volk, das die Griechen als Chaldäer kennen. Es gibt also gar keine "sumerische" Keilschrift, sondern nur die Keilschrift des Landes Kalam. Damit ist klar, warum die Griechen keine "Sumerer" kannten, aber dafür Chaldäer, die sie für ihr hohe Kulturentwicklung lobten. Interessant ist nun, dass die Wissenschaft dafür keine chaldäische Schrift kennt. Sie wurde für die "Sumerer" "verbraucht".
     
  5. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Das ist eine etwas seltsame Argumentation. Dass "die Griechen" die Sumerer nicht kannten - die sich selbst im Übrigen weder Sumerer noch Chaldäer (auch nicht Kaldu oder Kalam) nannten - dürfte vielmehr daran liegen, dass zwischen der Absorption der sumerischen Kultur und dem Beginn einer griechischen Überlieferung knapp 1000 Jahre liegen. Die westsemitische Bezeichnung für die Chaldäer wiederum ist כשדים oder כשדיא, also auch nicht "kaldu" sondern kasdia oder kasdim. Was die Diaspora-Juden dann geritten hat, dieses Begriff in der Septuaginta mit χαλδαίων bzw. χαλδαῖοι wiederzugeben, also das -s- im Hebräischen durch ein -l- im Griechischen zu ersetzen, erschließt sich mir noch nicht.
     
  6. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Meines Wissens ist diese Behauptung (stammt die von Heinsohn?) falsch.

    Jules Oppert fand die Titulatur "König von Sumer und Akkad" in Keilschrifttexten.
    Seine Lesung war damals umstritten, wurde aber seither vielfach bestätigt.

    Siehe auch:

    upload_2019-4-13_22-13-41.png
    A New Inscription of Nebuchadnezzar II Commemorating the Restoration of Emaḫ in Babylon on JSTOR
     
  7. Bantelli

    Bantelli Mitglied

    Wikipedia gibt diese Erklärung:

    Sumerische Sprache – Wikipedia

    Die Wiederentdeckung des Sumerischen:

    ...Erst später erkannte man unter den babylonischen Texten eine vierte Sprache, die Jules Oppert 1869 als erster als „Sumerisch“ (nach akkadisch šumeru) bezeichnete. Die Selbstbezeichnung der Sumerer für ihre Sprache war eme-gi(r), was vielleicht „einheimische Sprache“ bedeutet; ihr Land nannten sie kengir....
     
  8. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Und was ist nun von den Ausführungen zu halten?
     
  9. Bantelli

    Bantelli Mitglied

    Das erinnert daran, daß Gott den Menschen hier irgendwo anwies die Dinge zu benennen. "...und wie der Mensch jedes Lebewesen benannte, so lautet sein Name."

    Jules Oppert hat das eben mit der Bezeichnung Sumerer getan. Er hätte sie z.B. auch Kengirer nennen können.
     
  10. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Nein, da die Vorgabe 4000 Jahre früher erfolgte.

    Siehe oben #86 von sepiola, oder etwas weiter "oben" im Text RIM 2.1.2.4:
    346DEB2A-3F72-465E-A2D2-E3D814D32D80.jpeg
    Frayne, Royal Inscriptions of Mesopotamia, Sargonic and Gutian Periods (2334-2113 BC), S. 41.
    Natürlich ist das auch 4000 Jahre früher ein "intellektuelles Konstrukt" einer Ethnie, aber eben nicht erst von Oppert.
     

Diese Seite empfehlen