Hexenprozesse, Inquisition und die Verantwortung der Kirche

Dieses Thema im Forum "Hexenverfolgung (1450-1750)" wurde erstellt von Taiger11, 28. Mai 2006.

Schlagworte:
  1. Irene

    Irene Neues Mitglied

    Offenbar fällt es Dir schwer zu unterscheiden zwischen Einzelpersonen und der Kirche als einer Institution. Dass viele Katholiken, Protestanten etc. die Inquisition und später auch die Hexenverfolgung ablehnten, ja verdammten, steht doch außer Zweifel. Aber sie waren nicht die Macht. Die Macht waren die Institution u. die weltlichen Herrscher.
    Die Mentalität des Menschen neigt sehr oft dazu, den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen und Vorteile jeder Art für sich in Anspruch zu nehmen ohne Rücksicht auf Verluste. Und so ist es völlig normal, die Institution Kirche mußte nicht befehlen und anordnen, der Anschub und die Duldung haben ausgereicht, in den Ländern und ganz speziell Deutschland die Inquisition und die Hexenverfolgung wie einen Brand zu entfachen. Jeder hatte dafür ganz verschiedene Gründe, aber das Gutheißen und der Aufruf gegen Ketzer vorzugehen durch die Kirchen gab ihnen freie Hand.
     
  2. Herold

    Herold Neues Mitglied

    Zu Recht wurde in der bisherigen Diskussion immer wieder betont, fehlerhafte Pauschalisierungen zu vermeiden - eine Forderung, die ich voll und ganz unterstützen möchte. Die mittelalterliche Kirche war eine sehr heterogene und vielfältige Institution mit einer Vielzahl unterschiedlichster Formen von Frömmigkeit, die in starkem Maße auf die verschiedenen sozialen Gruppen der Zeit zugeschnitten war: Ein Bauer war auf eine vollkommen andere Art fromm und gläubig als ein Bürger, dessen Frömmigkeit sich wiederum stark vom Adeligen unterschied, Mönche praktizierten eine andere Art von Frömmigkeit als Dorfpfarrer, Bischöfe und Kardinäle unterschieden sich in der Glaubenspraxis von Stiftsdamen und Beginen und so weiter und so fort. Diese Heterogenität lebte auch noch lange in der Frühen Neuzeit fort, die tridentinischen Reformen mit ihrem disziplinierenden und zumindest in Ansätzen egalisierendem Moment brauchten lange, um wirklich im religiösen Alltag der Christenheit anzukommen.

    Und so verschachtelt und kleinteilig die Religiosität sein konnte, so war auch die weltliche Macht vielfältig und heterogen. Große Landesherrschaften organisierten Herrschaft anders als landsässige Adelige, weltliche Herrschaft konnte sich auf andere Fundamente stützen als geistliche etc. pp. Ein Kurfürst beispielsweise hatte ganz andere Chancen und Risiken in seiner Herrschaftsausübung als etwa eine Fürstäbtissin.

    Vor diesem Kontext ist es natürlich höchst problematisch, Hexenverfolgungen auf einen Nenner bringen zu wollen. Ein Beispiel, an dem dies meiner Meinung nach wunderbar zu zeigen ist, sind die Hexenprozesse westfälischer Adeliger:

    Im niederen Adel in Westfalen, genauer im Fürstbistum Münster, gibt es einige Familien, die im dreißigjährigen Krieg verstärkt eine Verfolgung von Hexen forcieren und mittels ihrer eigenen patrimonialen Gerichtsbarkeit urteilen und dabei wenig zurückhaltend sind. Eine maßgebliche Rolle spielt dabei die Tatsache, dass der Adel zu dieser Zeit insgesamt unter starkem Druck steht, dem unaufhaltsamen Zwang zur Territorialisierung zu begegnen - die relativ autonome adelige Herrschaft des Spätmittelalters neigt sich ihrem Ende zu, der Adel wird, ob er will oder nicht, in den sich verdichtenden frühmodernen Staat einbezogen, der Bischof als Landesherr greift viel stärker als früher in die adelige Herrschaft ein. Hexenprozesse werden jetzt für den Adel eine Möglichkeit, praktisch aus dem Nichts Verbrechen zu generieren, die er mit seinen Gerichten verfolgt und damit dem Landesherrn zeigt, wer vor Ort Recht spricht und wer sich um das allgemeine Wohl kümmert. Natürlich sind das keine eiskalten Berechnungen, in denen der Adel wissentlich Unschuldige verurteilt, aber Verdächtigungen fallen angesichts des allgemeinen und immer latent vorhandenen Hexenglaubens jetzt auf fruchtbaren Boden. Was Jahre zuvor vielleicht nur als Gerede abgetan wurde und den lokalen Herrn kaum interessierte, führt jetzt zu Prozessen mit schlimmen Ausgang für die Betroffenen.

    Wer trägt jetzt daran die Schuld? Die Kirche? Der niedere Adel partizipierte wohl kaum am gelehrten Diskurs klerikaler Denker, wird kaum den Hexenhammer gelesen haben, rezipiert nicht die Positionen eifernder Hexenjäger. Sein Hexenbild bleibt schlicht, volkstümlich, fernab den Theorien, die pro und contra die Hexenverfolgung diskutiert werden. Er kann von rigorosen hexenfeindlichen Klerikern beeinflusst werden ebenso wie von Leuten wie Friedrich von Spee, der zur gleichen Zeit an der Jesuitenuniversität in Paderborn lehrt. Die weltliche Macht? Sicherlich, der Adel selber gehört dazu, aber bei weitem nicht alle Adeligen vor Ort führen Hexenprozesse, vielmehr nur eine Minderheit. Und überhaupt: Weltliche Macht - Landesherr, gegen den sich diese Demonstration adeliger Autonomie richtet, ist ein Bischof. Und dieser ist niemand anderes als Ferdinand von Bayern, zugleich Erzbischof von Köln und dort Repräsentant einer harten Linie der Hexenverfolgung. Hier empfehlen seine Räte jetzt Zurückhaltung, bisweilen gar Intervention gegen adelige Richtersprüche. Dominiert überhaupt noch die Hexenfrage oder geht es jetzt um (Gerichts-)Rechte, die jeweils konkurrierend beansprucht werden? Und was ist mit der Konfession? Katholisch und protestantisch hilft hier wenig weiter, konfessionelles Bewusstsein bildet der Adel erst spät aus, unscharfe konfessionelle Ansichten prägen das Bild. Hexenverfolgung also ohne kirchliche Hintergründe? Vielleicht mag das ein außergewöhnliches Beispiel sein, aber sicherlich illustriert es die vielen Hintergründe und Machtverhältnisse, in denen sich Hexenverfolgung abspielt. Klare Schuldige sind kaum zu benennen.

    Und noch etwas: Hier ist häufiger das Wort "sinnlos" gefallen, was den Tod der Hexen angeht. Obiges Beispiel zeigt: "Sinnlos" waren diese Prozesse nicht, schrecklich und furchtbar für die Betroffenen, keine Frage, und beklemmend für uns heute, sicherlich. Es mag zynisch klingen, aber es steckte durchaus ein Sinn, eine rationale Verhaltensweise dahinter. Es war häufig kein sinnloser Wahn, kein Rausch - Hexen waren Teil der vormodernen Welt und als solche konnte ihre Existenz ins Kalkül religiösen oder politischen Denkens einbezogen werden. Mit Hexenglauben und Hexenverfolgungen konnten Interessen durchgesetzt werden. Und die Zeitgenossen hatten kaum Probleme damit, vermeintliche Hexen zu bekämpfen und daraus auch noch Vorteile für ihre eigenen Positionen zu ziehen.
     
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  3. timotheus

    timotheus Aktives Mitglied

    Ich schließe mich Herold in allen Punkten an, und seinen Ausführungen ist eigentlich kaum mehr etwas hinzuzufügen...

    Nur eine Sache habe ich noch bezüglich der Diskussion anzumerken, welche auch schon mehrfach zur Sprache gebracht wurde...

    Wir reden jetzt schon seit einigen Beiträgen explizit über Hexenprozesse und Hexenverfolgung, was meines Erachtens eine Verschiebung des Themas in das entsprechende Forum "Hexenverfolgung" unter "Neuzeit" rechtfertigt... :grübel:
     
  4. Irene

    Irene Neues Mitglied


    Das ist eine gefährliche Dialektik, auch im Hinblick auf andere große Verbrechen der Menschheitsgeschichte. Denn für die Täter wird jedes Verbrechen letztendlich durch rationales Denken sinnvoll, je nachdem, welches Ziel verfolgt wird.
    Mag sein, dass es schwer ist Schuldige auszumachen, aber es gibt kein Verbrechen ohne Täter und damit ohne Schuldige.
     
  5. tejason

    tejason Aktives Mitglied

    Viele Ideen und Handlungen sind gefährlich Irene. Es ist Basis von jeder historischen Betrachtung den Sinn herauszuarbeiten - und sei er noch so Schal - der hinter einer Entwicklung stand. Es sind häufig ähnliche Wirkmechanismen die in völlig anderem Kontext zu neuen Verbrechen führen. Das nur zu deiner Anmerkung der Dialektik. Alles Andere in diesem Thread lasse ich unkommentiert.
     
  6. Rovere

    Rovere Premiummitglied

    Diesen großartigen Beitrag - schon seit langem habe ich nicht einen so guten Beitrag im Forum gelesen - durch aus dem Kontext gerissene Zitate in ein anderes Licht zu stellen gefällt mir gar nicht.
    Herold hat wirlich sehr gut und richtig argumentiert, er entschuldigt nichts, verweigert sich aber genauso einem Urteil (was für ein Quatsch auch in einem solchn Zusammenhang).

    Nein, nein, nur dieses Zitat zu bringen und es dadurch zu verwandeln gefällt mir nicht!
     
  7. Irene

    Irene Neues Mitglied


    Wenn die nachfolgenden Generationen oder Historiker Geozide, Massenmorde oder andere Verbrechen betrachten, sollten sie das also nur nach den Motiven und Gründen suchen, ohne nach Schuldigen oder Schuld überhaupt zu fragen? In diesem Zusammenhang nicht angebracht? Oder habe ich das jetzt falsch verstanden? Auch wenn diese Verbrechen vor 300, 400 oder 60 Jahren geschahen, es ist nicht nur Geschichte. Nur die Gründe für diese Verbrechen aufzeigen? Wozu? Die Gründe und die Motive haben die Täter schon geliefert, darüber müssen wir heute nicht mehr diskutieren. Dass die Schuldfrage sehr kompliziert ist, keine Frage, sie aber ganz auszusparen, macht die Historie und damit die Historiker überflüssig. Dann wird die Geschichtsschreibung zu einer unnützen Tätigkeit. Dann verharren wir in der gleichen Position, wie damals die Menschen, die sogar Gutachten lieferten, warum die Hexenverfolgung und auch die Ketzerverfolgung rechtens sind. Diese tausende unschuldig Getöteten waren Menschen mit Gefühlen, Wünschen, Hoffnungen, Angst und Entsetzen und vielleicht dem Glauben daran, dass wir die Nachkommen dieses Verbrechen erkennen werden und dass eines Tages die Schuldigen an den Pranger gestellt werden.
    Wenn wir nur die Fakten betrachten und nach Begründungen suchen, aber die Schuldfrage außen vor lassen, akzeptieren wir im Grunde genommen diese Verbrechen als zu der Epoche gehörend und für diese Epoche sinnvoll. Damit ist auch eine Rehabilitierung der Opfer als Unschuldige ausgeschlossen. Denn wo es keine Schuldigen gibt, gibt es logischerweise auch keine Unschuldigen.
     
  8. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Hallo Irene,

    ich denke Du vermischt da schon ein paar Dinge.

    Die Genozide des 20. Jahrhunderts waren klar für jeden erkennbar Verbrechen.
    Aber diese klare Erkennbarkeit fehlt für mich bei den "Hexenprozesse". Viel, vorsichtig ausgedrückt, verwirrender ist für mich die Art und Weise der Hexenprozesse. Man hat schon den Eindruck, dass da versucht wurde Recht zu sprechen. Keinesfalls Willkür. (Mindestens in den von mir nachgelesenen Prozessakten)Wo soll Schuld sein, wenn sie von den "Tätern" als solche gar nicht erkennbar war.

    Aber das ist doch genau der Punkt. Soweit sind wir vom "alten Adam" anscheinend noch gar nicht weg.

    Man muss die Dinge aber auch im historischen kontext sehen. Der Ortsheilige der Hohenzollernstadt Sigmaringen St. Fidelis wurde als Missionar von den Ungläubigen zu Tode gebracht. 1622.
    Aber keineswegs in fernen kontinenten, sondern von Ursis Landsleuten im Kanton Graubünden. Er wollte aber keineswegs das Essen mit Messer und Gabel oder den aufrechten Gang einführen, oder die Leute von Wotan und Muot erretten, sondern im Zuge der Gegenreformation.

    Grüße Repo
     
  9. Herold

    Herold Neues Mitglied

    Ja, es wäre schon schön für uns, wenn die Fronten klarer abgesteckt wären, nicht wahr? Ein finsterer fanatischer Hexenjäger, der seinen persönlichen sadistischen Frauenhass auslebt, und dabei vom skrupellosen Machtsystem einer Kirche gestützt wird, die Nächstenliebe predigt und Unschuldige in Massen auf die Scheiterhaufen bringt und das auch noch für Gottes Willen hält - das würde uns die Beurteilung, Entschuldigung, natürlich die moralische Verdammung leichter machen.

    Doch so einfach macht es uns die Geschichte dann doch nicht. Im Gegensatz zu allem, was uns historische Romane, Filme, ja bisweilen auch Dokumentationen und in Teilen auch die ältere Geschichtsschreibung so vermitteln wollen, hängen historische Entwicklungen selten an nur einer Person, auf die die Nachwelt dann mit dem Finger zeigen kann ob ihrer Schuld (eben den offensichtlich gesuchten Täter, wie in diesem Fall zum Beispiel Heinrich Kramer/Institoris). Komplexe Phänomene wie die Hexenverfolgung beruhen auf einer Vielzahl von Interessen und Motivationen einer großen Gruppe von handelnden Akteuren, die es schwer macht, die Rolle einzelner zu bewerten. Es gibt genausowenig die "Bösen" wie die "Guten". Personen und Personengruppen handeln nach Interessen und Schuld ist hierbei eine moralische Kategorie, die schwer auf vergangene Zeiten mit einem deutlich anderen Weltverständnis anwendbar ist:

    Wie soll man einer Zeit, die vollkommen, vom Kaiser bis zum Bauern, vom Papst bis zum Pfarrer, von der Existenz von Magie überzeugt ist, verständlich machen, dass der Glaube an eine Hexenverschwörung abwegig ist? Wie kann man den Fürsten dafür verurteilen, dass er sein Land von dieser teuflischen Verschwörung befreien will? Wie kann man den Bauern dafür verurteilen, dass er glaubt, seine Missernte liegt in einem Schadenszauber begründet?

    Unsere moralischen Maßstäbe einer wissenschaftlich-rationalen Welt an eine magisch fundierte Welt anzulegen, hilft einem Verständnis dieser Zeiten nicht weiter. Es ist wunderbar einfach, sich heute moralisch zu erregen, wie abergläubisch und unmenschlich frühere Zeitgenossen gedacht und gehandelt haben, aber dabei wird vollkommen verkannt, dass deren vormodern-magisches Weltverständnis in sich vollkommen schlüssig war und es kaum einen Grund gab, an dessen Funktionieren (inklusive Hexenverfolgung) zu zweifeln. (Umso höher ist übrigens das Wirken derjenigen zu bewerten, die tatsächlich begonnen haben, diese Funktionsweise in Zweifel zu ziehen.) Und dieses vormodern-magische Weltverständnis (wiederum inklusive Hexenverfolgung) ist das Ergebnis einer kulturellen Evolution über die Jahrhunderte und nicht das Ergebnis einer von der Kirche oder von wem auch immer aufoktroyierten Weltsicht. Die Menschen des 16./17. Jhd.s konnten dieser Weltdeutung nicht entkommen, es gab nicht die Option, Magie und ihre schädlichen Ausformungen in Frage zu stellen.

    (Und ungern möchte ich diese Diskussion auf andere große Verbrechen der Menschheitsgeschichte ausdehnen (hier hängt natürlich das Wort Nationalsozialismus im Raum - oder zumindest die Totalitarismen des 20. Jhd.s), der kurz angerissene kulturelle Kontext ist ein vollkommen anderer und deshalb dürften Argumente in diese Richtung der Diskussion hier nur wenig zu Gute kommen.)
     
  10. Irene

    Irene Neues Mitglied

    Dann erkläre mir bitte den Unterschied, ich krieg ihn selbst nicht zu fassen. Die Menschen der damaligen Zeit behaupteten es gibt Hexen und es gibt Ketzer. Eine rein subjektive Einschätzung aus dem Glauben (Religion) herhaus, auch noch gestützt von "Akademikern". Später, im 20. Jahrhundert behaupteten Menschen, andere wären Untermenschen und deshalb nicht als lebenswürdig anzusehen. Die einen wie die anderen wurden um dieser subjektiven Einschätzung willen getötet. Wo ist da der Unterschied - in der Zeit - die zwischen den Verbrechen und uns liegt?
     
  11. Herold

    Herold Neues Mitglied

    (Ganz kurz, weil meiner Meinung nach vom Thema wegführend: )

    Im 16. Jhd. bedrohten vermeintliche Hexen und Ketzer die göttliche Weltordnung und damit das eigene Seelenheil. Jeder "wusste", dass die göttliche Weltordnung und das eigene Seelenheil stets bedroht waren, das war elementarer Bestandteil religiös-politisch-sozial-kultureller Interpretation der Welt. Ein Zweifel war nahezu nicht möglich.

    Im 20. Jhd. bedrohten vermeintliche Untermenschen oder Fremdvölker die nationale oder rassische Weltordnung und damit die eigene Existenz. Jeder konnte aber auf ein seit Humanismus und Aufklärung angesammeltes Repertoir von konkurrierenden Weltdeutungen zurückgreifen, auf solche grandiosen kulturellen Entwicklungen wie Rechtsstaatlichkeit, Gleichheitsideen, Toleranz usw. Die Erkenntnis der fatalen Auswirkungen ersterer Weltdeutung konnte jedem offensichtlich sein.

    Das ist der Unterschied.
     
  12. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Hallo Irene,

    bleiben wir mal beiim Holocaust, er wurde zweifellos geheimgehalten. Mehr oder weniger erfolgreich, aber das ist ein anderes Thema.
    Den "berühmten" Befehl dazu, mindestens vom obersten Verbrecher, gibt es anscheinend sowieso nicht. Warum wohl? Weil sich JEDER, absolut JEDER des verbrecherischen Tuns klar war.

    Also ein klares, für jeden erkennbares Verbrechen.
    Der offensichtliche Unterschied zu den "Hexenprozessen".

    Aber ich denke, dass andere Dir qualifizierter Antworten können und werden.

    Grüße Repo
     
  13. Irene

    Irene Neues Mitglied

    Repo, das ist auch eine subjektive Vermutung. Im ersten Fall handelte es sich um eine "Technologie des Tötens", die setzt sich nicht von allein in Gang, ohne Anweisung, und man kann nicht davon ausgehen, dass alle es als Verbrechen ansahen, die Untermenschen-Theorie (speziell zu Angehörigen des Judentums) ist keine Erfindung der NS-Zeit und auch Progrome fanden schon vorher in verschiedenen Ländern statt, auch da dürften viele Menschen das als rechtens und nicht als Verbrechen gesehen haben.
    Bei der Hexenverfolgung u. Ketzerverfolgung dürfte es ähnlich sein, die Bauern, die arme ungebildete Bevölkerung dürfte wahrscheinlich das auch nicht als Verbrechen erkannt haben, aber ich bezweifle, dass nicht viele der Gebildeten und kirchliche Würdenträger nicht wußten was sie tun. Das hieße den Intellekt der Altvorderen zu unterschätzen.
     
  14. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Das ist aber jetzt tatsächlich weit ab vom Thema.
    Die von Dir genannte "Untermenschen-Theorie" im Falle der Juden müsste man eher von "Gegenmenschen-Theorie" sprechen, halte ich als Erklärung für den Holocaust sowieso nicht für schlüssig.
    Ich neige eher der Theorie Götz Alys zu. siehe Götz Aly "Hitlers Volksstaat" für 4 € bei der Bundeszentrale zu bekommen. (Nein. ich krieg keine Provision)

    Aber das wars jetzt von mir.

    Grüße Repo
     
  15. Irene

    Irene Neues Mitglied

    Gut, schweifen wir also nicht in die Gedankenwelt der heutigen aufgeklärten Zeit ab.
    Dann ergeben sich zwei neue Fragen. Wenn die Kirche die gleiche Ansicht vertritt, wie hier aufgezeigt, warum hat sich dann die Kirche (der Link wurde hier freundlicherweise gepostet) dafür entschuldigt und warum wurde nach fast 500 Jahren Galileo Gallilei rehabilitiert. Nach der hier vertretenen Ansicht wäre das nicht nötig gewesen.
     
  16. Obwalden

    Obwalden Mitglied

    Hallo Irene

    Das Problem ist, dass wir unsere heutigen Erkentnisse, die wir teilweise erst seit der Aufklärung oder sogar später haben, als die wahren, richtigen einsehen und die, welche vorher waren, als schlecht, bzw. verstehen nicht, wie die Menschen vorher so denken konnten.
    Diese Denkweise darf natürlich keinem Menschen angelastet werden, weder einem Damaligen, noch einem heutigen. Man darf z.B. vom einem damaligen Landesherrn oder einem Bischof nicht erwarten, dass er diese Hexenprozesse verurteilt, wenn er dich schon von Kind an in seiner Weltanschauung aufgewachsen ist. Vermutlich werden die zukünftigen Menschen auch über uns urteilen, wie grausam wir doch waren, das kapitalistische System eingeführt zu haben, oder wie wir noch Verbrecher lebenslänglich einsperren statt in eine Therapie zu geben, etc.
    Der wichtige Punkt ist: Zu der Zeit, als die Hexenverfolgungen begannen, war das moralische Empfinden nicht daselbe, wie es nach ca. 1770 war, (und das auch nur bei einigen Menschen). Die Menschen taten es im Glauben, sich und die anderen Mitmenschen dadurch vor Schaden zu bewahren.
    Anders als z.B. der Holocaust. Dieser fand 150 Jahre nach der Aufklärung statt. Kein Mensch, und v.a. nicht hohe Ränge wie Hitler, Görin, etc. könnten sich mit ihren Lügen herausreden. Denn sie kannten die Prinzipien der Aufklärung. Wenn nicht auswendig, so wurden sie doch von der gesellschaftlichen Entwicklung geprägt (Haager Friedenskonventionen 1899 und 1907, Völkerbund 1919, Briand-Kellog-Pakt 1928).
    Die Hexenprozesse geschahen nach dem damaligen Rechtsempfinden der meisten betroffenen Menschen. Die Morde aber in den 1930er/40er Jahre waren wider besseren Wissens geschehn. Die Menschheit war zu dieser Zeit bereits soweit, dass sie Völkermorde als sittliches und moralisches Unrecht bezeichnen konnte. Tat das jemand dennoch, so war das ein eindeutiges Verbrechen gegen das Völkerrecht und das eigene Empfinden, und das, dass sind dann wahre Verbrechen.
     
  17. Irene

    Irene Neues Mitglied

    Wenn die Kirche der gleichen Ansicht wäre und nur sich auf die heutige Zeit und die heutige Sichtweise aufgrund der Aufklärung beziehen würde, wie hier aufgezeigt, warum hat sich dann die Kirche (der Link wurde hier freundlicherweise gepostet) dafür entschuldigt und warum wurde nach fast 500 Jahren Galileo Gallilei rehabilitiert? Nach der hier vertretenen Ansicht wäre das nicht nötig gewesen.
     
  18. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Hatte ich vorher übersehen, tschuldigung.

    Die Protokolle der Prozesse (mindestens die von mir gelesenen) sprechen eine andere Sprache, es wurde durchaus nach "Wahrheit" gesucht. Es wurde schon versucht "Recht" zu sprechen.

    Was mich, wie gesagt, am meisten bestürzt.

    Aber natürlich, der subjektive Eindruck eines nicht "Sachkundigen".

    Und als solcher empfehle ich mich jetzt aus der Diskussion.

    Grüße Repo
     
  19. Obwalden

    Obwalden Mitglied

    Wie ich sehe, beziehst du dich hier hauptsächlich auf die Katholische Kirche?
    Es ist wichtig, jeweils eine Unterscheidung zu machen, ansonsten wir ein Durcheinander bekommen. Die protest. Kirche hat ja Galileo nicht verurteilt.
    Die Rehabilitation von Galileo bezog sich hauptsächlich auf sein wissenschaftliches Werk. Mit der Rehabilitierung anerkannte die kath. Kirche das heute gültige Weltbild (vielleicht gibt es in 100 Jahren ein anderes).
    Der Fall Galilei ist insofern ein etwas schwieriges Beispiel, dass es damals laut neueren Forschungen weniger um die Verurteilung seiner Idee an sich als auch um machtpolitische Spiele ging. Bestimmt könnte dir das jemand im Forum besser erläutern.
    Bei der Entschuldigung im Jahr 2000 setzte die kath. Kirche eventuell das heutige Rechtsempfinden der frühen Neuzeit an. Da ich nicht dabei war, weiss ich nicht viel näheres. Wie weit das sinnvoll ist, vermag ich nicht zu urteilen. Dort wurde aber, so weit ich weiss, eine Entschuldigung für alle angeblichen Verbrechen der kath. Kirche, nicht nur der Ketzerprozesse, angestrebt.

    Ich würde in dieser Diskussion vielleicht die Ketzer-und Hexenprozesse klar trennen, denn sie haben einen ganz anderen Hintergrund.
    Der Fall Galilei ist etwas ganz anderes als der Fall einer angeblichen Hexe.
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. Juni 2006
  20. florian17160

    florian17160 unvergessen

    Früher wurde gesagt, weil nicht sein kann, was nicht sein darf.
    Heute hat sogar die Kirche Wissenschaftler, die das so nicht mehr aufrecht erhalten können.
    Deshalb sicher die Rehabilitierung als kleines Alibi.

    Ich weiss nicht, ob ihr die Sendung kennt, wo sich Professor Harald Lesch mit seinem Freund , einem Theologieprofessor unterhält. Kommt ab und zu auf Bayern Alpha.
    Dort wird Klartext gesprochen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. Juni 2006

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