Sind Österreicher "Deutsche"?

Dieses Thema im Forum "Österreich | Schweiz" wurde erstellt von freierbuerger, 16. Juli 2014.

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  1. Wilfried

    Wilfried Aktives Mitglied

    Eine klare Aussage, Rovere !!! Damit ist die Eingangsfrage beantwortet ...
    Dieter 1848 war aber eindeutig Östereich noch dabei.
     
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  2. Wilfried

    Wilfried Aktives Mitglied

    Österreich war auch damals ohne Ungarn etc., sowas war eigentlich selbstverständlich, auch 1848 ...
     
  3. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Alle deutschen Sprachgebiete des Deutschen Bundes und somit auch Deutschösterreich. Was Böhmen betrifft, fand ich bei Wiki das hier:

    "Die Delegierten erklärten, entgegen allen tschechischen Bemühungen, Böhmen und Mähren zu einem Teil des Deutschen Bundes. Ebenfalls beschlossen die Abgeordneten vor dem Hintergrund des großpolnischen Aufstandes die Eingliederung der Provinz Posen. Die Polenbegeisterung des Vormärz verlor damit auch im liberalen Lager zu Gunsten des deutschen Nationalstaatsgedankens an Bedeutung."
     
  4. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Das Deutsche Reich von 1871

    Doch noch ein Bekenntnis zu Ö-U. Das habe ich schon vermutet, dass es das auch noch geben könnte:


    und jetzt:

     
  5. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Dass es diesen Ausdruck gibt, erfuhr ich, als mich in einem anderen Forum jemand aus Frankfurt am Main so nannte.

    Den Ausdruck "Abspaltung" halte ich für verfehlt. Er suggeriert, dass es einen Staat Deutschland gegeben habe, von dem Österreich sich im Wege einer Sezession getrennt hätte, also wie z. B. vor ein paar Jahren der Südsudan vom Sudan. Der Deutsche Bund war aber lediglich ein Staatenbund aus verschiedenen souveränen Staaten. Dieser Bund wurde 1866 nach dem Krieg aufgelöst, und Österreich musste im Prager Frieden ausdrücklich darauf verzichten, an der weiteren Gestaltung Deutschlands teilzunehmen. So kam es dann auch. Österreich spaltete sich also nicht von Deutschland ab, sondern nahm nicht an der Bildung eines deutschen Staates teil. Österreich spaltete sich aber nicht einmal vom Deutschen Bund ab (wobei man einen Austritt aus einem Staatenbund aber ohnehin nicht wirklich als Abspaltung bezeichnen kann, sondern eben als Austritt - Großbritannien wird sich in ein paar Jahren vielleicht auch nicht von der EU abspalten, sondern aus ihr austreten), da er ohnehin aufgelöst wurde.

    Ob ein Staat ein Staat ist und als solcher als einheitliches Völkerrechtssubjekt zu betrachten ist, hängt aber nicht davon ab, ob es allgemein gültige Gesetze gibt. Da müsste man so manchem Staat die Staatlichkeit absprechen. Z. B. gibt es in den USA in einigen Bundesstaaten (z. B. Louisiana, Maryland) teilweise kodifiziertes Recht, in anderen nicht.
     
  6. Wilfried

    Wilfried Aktives Mitglied

    Nun, das Deutschland, das ich 1975 auf einer Sängerschafterwoche kennengelernt habe, 3 deutsche Staaten + Randgebiete, und das Deutschland von heute, reduziert auf die Bundesrepublik Deutschland, unterscheidet sich doch deutlich.
    Damals waren über die Hälfte der Österreicher "auch Deutsche", selbst etliche Schweizer waren das. Wir waren die Westdeutschen, die aus der DDR die Ostdeutschen ....
    Und dann gabs noch Berliner und Hamburger ;-)

    Und irgendwie sträubts sich in mir, die Begriff "Deutschland" und "Deutscher" nur auf die BRD anzuwenden. Ich fühle mich da von Berlinern und Bayern so "eingemeindet", vielleicht auch von den "Ex-Deutschen" "alleingelassen"/"geistig eingesperrt" ...
     
  7. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    So etwas nenne ich Haarspalterei. Die Preußen haben Österreich aus dem Deutschen Bund geworfen, was man durchaus als Abspaltung bezeichnen kann. Aber wenn es dir lieber ist, können wir das auch so formulieren, wie das weiter vorn geschehen ist:

    "Was Österreich betrifft, so setzte die Ausgliederung einer eigenständigen Nationalität mit dem Deutschen Krieg von 1866 ein, der Österreich aus dem Deutschen Bund drängte. Der nach dem Ersten Weltkrieg verbleibende Rumpfstaat Deutschösterreich wäre wohl gern dem Deutschen Reich beigetreten, was jedoch das Anschlussverbot der Siegermächte verhinderte. Dennoch verstanden sich die Österreicher größtenteils als Deutsche und der Anschlussgedanke war in der Bevölkerung populär, was auch für den Anschluss von 1938 an Hitlerdeutschland galt."

    Besser so?
     
  8. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Mal abgesehen davon, dass unter "Abspaltung" doch üblicherweise ein aktives Tun des sich Abspaltenden verstanden wird und nicht ein "abgespaltet werden", hat Preußen Österreich nicht aus dem Deutschen Bund geworfen, denn das würde ja bedeuten, dass der Deutsche Bund ohne Österreich weiterbestanden hätte. Stattdessen wurde der Deutsche Bund aufgelöst, und Österreich musste zustimmen, sich nicht an der weiteren Gestaltung Deutschlands zu beteiligen.
    Ich zitiere aus dem Prager Frieden von 1866, Art. IV: "Seine Majestät der Kaiser von Österreich erkennt die Auflösung des bisherigen Deutschen Bundes an und giebt Seine Zustimmung zu einer neuen Gestaltung Deutschlands ohne Betheiligung des Österreichischen Kaiserstaates."

    Ja.
     
  9. beorna

    beorna Neues Mitglied

    Mich würde mal interessieren, wie schnell sich die Idee eines eigenen Volkes nach 1945 durchgesetzt hat und wie man von seinen der österreichischen Eliten daraufhin gearbeitet hat. Ich weiß, daß man versuchte hochdeutsche Phrasen oder Wörter durch einheimische zu ersetzen. Wie erlernte man es nach 1945 in den Schulen?
     
  10. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

  11. Hundenase

    Hundenase Neues Mitglied

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  12. freierbuerger

    freierbuerger Neues Mitglied

    Die Österreichisierung Österreichs

    Die Österreichisierung Österreichs nach 1945 führte auch zu ziemlich grotesken Dingen. So nannte man den Unterricht in Deutsch in den Schulen zunächst "Unterrichtssprache", diesen Unsinn gab man aber später auf, jetzt heißt der Deutschunterricht auch in Österreich "Deutsch".

    Vor zwei Jahren gab es in der Österreichischen Nationalversammlung eine sehr gute Ausstellung über die Erste Republik bis zum Anschluss 1938. Hier wurden sehr offen auch die großdeutschen Bestrebungen in der Ersten Republik gezeigt. Es scheint mir so zu sein, dass es da keine allzu großen Verkrampfungen der Eliten bei diesem Thema gibt.

    Das sage ich als Piefke, was meinen unsere austriakischen Freude hier im Forum dazu?
     
  13. Hundenase

    Hundenase Neues Mitglied

    es wird lang, sorry - ich hoffe, das hält der eine oder andere doch durch :fs:

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    Mit dem Ausbruch der Schlesischen Kriege ergab sich erst einmal die Gegenüberstellung Österreich-Preußen, eine Gegenüberstellung, die sich 1866 verstärkte und mit dem Berliner Kongress einzementierte, nicht zuletzt deshalb, weil sich dadurch die Verschiebung der Machtverhältnisse manifestierte. Zu diesem Zeitpunkt entsteht erstmals so eine Art Österreich-Patriotismus, der sich zunächst einmal ausschließlich anti-preußisch gibt.*) Noch 1917 erstellt H. v. Hofmannsthal sein berühmtes Schema „Preuße und Österreicher“. (http://www.literaturepochen.at/exil/multimedia/pdf/hofmannsthalpreusse.pdf)
    Heute lebt diese Einstellung im Begriff 'Weißwurstäquator' weiter.

    *)Wie überhaupt die österreichische Identität sich seit jeher weniger als pro-österreichisch, sondern vorerst eher als anti-preußisch, später als anti-deutsch, also über 'die anderen' definiert. Mit der Stärkung des Österreich-Gefühls ab den 1970ern – maßgeblich beeinflusst dadurch, dass Bruno Kreisky großes Ansehen in Europa genoss, so zumindest die Wahrnehmung in Österreich - haben sich schließlich auch peu à peu die Deutschland-Ressentiments reduziert. (DDr. Zulehner, Die Konfliktgesellschaft 1990-2000, Czernin). In den 90ern schließlich musste Felix Mitterer herbe Kritik einstecken, weil er angeblich in seiner Piefke-Saga zu einer Deutschlandfeindlichkeit in Österreich beigetragen haben soll (wohl auch, weil die Ironie Mitterers nicht ganz verstanden wurde) und mittlerweile dürfen Österreicher sogar schon sich als Fans der Deutschen Nationalelf outen :). Völlig anders stellt sich die Situation dar, wenn man Bayern betrachtet: Joseph II hatte ja bekanntlich ein recht seltsames Steckenpferd (neben so manchem anderen), nämlich den Tausch Bayern gegen die Niederlande; die Bayern weren auch heute noch ausgespart, wenn hierzulande von Piefkes die Rede ist.

    Mit der Ausrufung des Österreichischen Kaiserreiches durch Kaiser Franz I/II entsteht ein anti-deutsches Intermezzo **)(bis etwa 1850), welches ja eigentlich ursprünglich (bis 1815) ein anti-französisches ist, gleichzeitig ebbt das anti-preußische Ressentiment ab (an sich politisch ja logisch: gemeinsame Frontstellung gegen Napoleon, nach dem Wr. Kongress die 'heilige Allianz'). Dass sich dieses Intermezzo bis 1850 hält, hat mit den liberalen Bestrebungen in Frankfurt zu tun – die Ernennung Erzherzog Johanns zum Reichsverweser hat pikanterweise die anti-deutsche Stimmung nur noch intensiviert (das zumindest am Hof in Wien, die Steiermark hat hier naturgemäß völlig anders reagiert – gerade eben die Furcht in Wien, die liberalen Strömungen könnten erneut aufflammen, nachdem die Revolution so blutig und brutal nieder geschlagen wurde, hat eher die Entfremdung zwischen Johann und Franz Josef forciert, zumal ja Johann von Metternich, den der damals junge Franz Josef sehr schätzte, des Hochverrates angeklagt wurde – Tirol-Frage). Die Hinrichtung Robert Blums in Wien ist wohl ebenfalls von diesem Junktim Liberal = Deutsch beeinflusst, womit Blum nicht nur als Liberaler, sondern auch als Deutscher gezielt und zwar gegen alle geltenden Rechtsvorschriften bekämpft wurde.

    **) nicht zuletzt diese Einstellung gegen den 'teutonischen Separatismus' , der Vorwurf der Spionage gegen Overbeck, die Einschätzung Fügers (damals Direktor der Akademie in Wien und somit eingebettet in das Denken des Wiener Hofes) der Kunst der späteren Nazarener als 'naives Deutschtum' haben zur Gründung des Lukasbundes geführt. Und das, obwohl die Nazarener für die Habsburger – allen voran für Rudolph I, Maximilian I und Ernst den Eisernen geradezu glühten. Franz I/II war es auch (leider kann ich hier keine Quelle nennen), der erstmals dekretierte, dass in Schulen, den 'österreichischen' Begriffen den 'deutschen' der Vorrang zu geben sei.

    Dennoch: während der ersten Hälfte des 19. Jds war das Ziel Metternichs (Reich der 70 Millionen) dominant und das trotz der (doch eher taktisch-strategischen) Annäherung an Preußen dominant. Dieses Ziel hat über Jahrzehnte die Einstellung der 'Österreicher', die 'besseren Deutschen' zu sein beeinflusst; verstärkt ab den 1880er Jahren mit dem Aufkommen der Deutschnationalen Bewegung. In Wien: Karl Lueger hat nicht nur bestimmt 'wos a Jud is', sondern auch was 'ein Deutscher' ist. (Jeder Bürger Wiens wurde de facto als 'Deutscher' bezeichnet – unabhängig seiner 'ethnischen' Herkunft). Noch in den 20er/30er Jahren***) des letzten Jahrhunderts hat dieses Denken die Politik maßgeblich beeinflusst. Gerade während des Austrofaschismus – Dollfuß hat sich hier zwar entschieden gegen den Anschluss gestellt (und wird bis heute!! dafür von verschiedensten Gruppen des politischen Spektrums verehrt, im Grunde ging es ihm aber um die Erhaltung der eigenen Macht und nicht zuletzt auch um (verkürzt:) die, aus Monarchiezeiten prolongierten, Ideale (= Kirche + 'besseres' Deutschtum). Aber: kurioserweise hat diese Verehrung, die zu Beginn der Zweiten Republik quer Beet zu erkennen war, zur Etablierung einer 'österreichischen Identität' beigetragen. (Ein, Karl Kraus zugeschriebenes, aber wohl von Karl Farkas stammendes Bonmot (aus Robert Sedlazcek „Das Österreichische Deutsch“, 2004) aus den 50ern: „Der größte Unterschied zwischen Deutschen und Österreichern ist bekanntlich die gemeinsame Sprache.“)

    ***) während der Ersten Republik war vor allem die Sozialdemokratie für einen Anschluss an Deutschland. So hat auch Karl Renner sich vehement dafür eingesetzt. Auch hier ging es um Macht: (sinngemäß:) „Endlich kann die vereinigte Sozialdemokratie gegen Hitler aufstehen.“ (die Sozialdemokratie war in Deutschland um einiges etablierter als in Österreich).

    Nicht nur das: Auch wenn er die Methoden, unter welchen der Anschluss vonstatten ging, nicht unterstützte (tatsächliche Verurteilung findet sich allerdings auch nicht), war er noch am 13. März 1938 ein glühender Apologet des Anschlusses. (Etwas, was die SPÖ nach 1945 weitestgehend unter den Tisch fallen lies; Anton Pelinka; Nach der Windstille; 2009). Auch das zeigt, wie sehr sich nach WKII die Politik Österreichs an der Schaffung einer österreichischen Identität aktiv beteiligt hat. (Die ÖVP hatte und hat ihren hero im faschistischen Dollfuß, die SPÖ verschwieg und verschweigt die Anschluss-Phantasien ihres Helden).

    Nicht nur er: Auch Otto Bauer war durchaus 'deutschnational' unterwegs. So fordert er die 'Nationalisierung' des Geschichtsunterrichts (Schulreform und Klassenkampf, 1919). Gemeint ist: der Schüler muss die Geschichte Österreichs im Kontext – als Teil – der deutschen Nationalgeschichte begreifen lernen.

    Anders die Linke nach 1945: Auch wenn Ernst Fischer (Staatssekretär für Unterricht, er übrigens jener, der die oben angesprochene 'Unterrichtssprache' einführte) alles andere als den Mainstream widerspiegelt, so hat er doch den Weg geebnet für die Denkweise wie sie bis Ende der 60er Jahre opportun war. Er versucht eine 'österreichische Kontinuität' herzustellen, s.z.s. die zu schaffende österreichische Identität in die Vergangenheit zu projizieren, als etwas darzustellen, was es ohnehin schon immer gab. (Ernst Fischer, Die Entstehung des österreichischen Volkscharakters, 1945). Dabei geht er, (Schmidt-Dengler, Vorlesungen zur österreichischen Literatur 1945-1990; 1995) drei verschiedene Wege:
    - Rückriff auf die Differenzen zwischen Maria Theresia und Friedrich II (also: anti-preußisch; Hoffmannsthal läßt grüßen)
    „Hier die schöne Frau von barocker Üppigkeit, reich an gesundem Menschenverstand, an frischer Unmittelbarkeit, an Klugheit, Temperament, volkstümlicher Mütterlichkeit, vom Gefühl ihres Rechtes durchdrungen, eigensinnig und keineswegs frei von Vorurteilen - und drüben der hemmungslose Räuber, verwegen, begabt, zynisch, rücksichtslos, vollkommen amoralisch und vorurteilslos, ein heftiges Temperament und die eisige Verachtung für alles Menschliche […] Maria Theresia wurde volkstümlich, zum Unterschied zu ihren Vorfahren. Es entstand so etwas wie österreichischer Patriotismus. Und es kam zu einer Wiedergeburt Österreichs, zu einer erst allmählichen, dann jedoch unter der Herrschaft Josephs II., vehementen gesellschaftlichen Umwälzung. Diese Epoche ist [… Auslassung von mir] nicht spurlos am österreichischen Volksbewußtsein vorbeigegangen. Österreich wurde zu einem fortschrittlichen Staat.“ (Fischer zitiert in Schmidt-Dengler)
    Anm: Über die Urteilsfähigkeit Fischers lässt sich streiten :), was allerdings nichts daran ändert, dass Fischers Analyse Österreich prägen sollte. Robert Menasse in 'Das war Österreich' macht eben auch diese Analyse dafür zumindest mitverantwortlich, dass Wien zur Hauptstadt der 'reproduzierten Kultur' wurde – übrigens auch ein Teil des österreichischen Volksbewusstseins; die Ablehnung Handkes, Berndards, der Jelinek, von Nitsch, etc. außerhalb des Feuilletons geben hiefür ein beredtes Zeugnis.
    1918 noch klang das ganz anders (etwa Fritz Wittels – Psychoanalytiker und Biograf Freuds - in 'Abschied von Habsburg'): Die Österreich sind bei ihm zwar auch Produkt der Habsburger aber Maria Theresia wird hier zur 'Frau Sepherl vom Nachmarkt', die Österreicher zu Kirchgängern in deren 'Gugelhupfhirnen' keine schwungvolle Idee Unterkunft finden könne.

    - Die Darstellung des 'Österreichers' als Freiheitskämpfer, als Widerstandskämpfer par excellence, auch wenn es ansonsten gängige Meinung war, dass Revolutionen in Österreich eher im standby-Modus vonstatten gingen. Und hier greift der Kommunist Fischer auf eine Referenz zurück, wie sie eher von Konservativen zu erwarten wäre: „Die einfach und urwüchsige Gestalt des unerschrockenen Tiroler Partisanenführers Andreas Hofer lebt unvergänglich weiter im österreichischen Volksbewußtsein.“ Die 'rebellische Stadt', das mittelalterliche Wien also, die Bauernaufstände … alles wird herangezogen, um einerseits die Österreicher als 'eh schon ewiges' Volk zu definieren und den Widerstand im 3. Reich s.z.s. in österreichische Tradition einzubetten, wohl auch um den 'Wir-waren-die ersten-Opfer-Hitlers'-Reflex zu bedienen. Geschichtsklitterung? Therapieansatz?
    - die (das jetzt eher meine Interpretation:) Reduktion des Volkes auf den, auch heute noch oft und gerne strapazierten (Jörg Haider war darin noch ein populistischer Meister) 'kleinen Mann', im Abgrenzung gegen Bürgertum, mehr noch gegen das Kleinbürgertum. Hier wieder der Rückgriff ins 19. Jhd. - dieses Mal mit Referenzen aus der Kultur. Fischer sieht die Volkstümlichkeit der Kunst als positives Qualitätskriterium und differenziert: hier die Hochkultur – Bach – Schumann – Wagner; dort die Kultur 'von untern' – Mozart – Haydn – Schubert – Johann Strauß. Nicht ganz unberechtigt. (Legte man diese Dichotomie analog um auf die Literatur, ergäben sich Linien Nestroy - Raimund vs. Stifter -Grillparzer. Die Analogie der 2. H. d. 20. Jhds: Handke – Bernhard vs. Löwinger-Bühne; wollte man sehr gemein sein zumindest.)

    Spannend allemal die Analyse Fischers (eigentlich schon Programm: Würden die Österreicher ihre fortschrittlichen Qualitäten fördern und die reaktionären – Anm.: gemeint ist v.a. der Katholizismus, und da war Fischer einfach chancenlos - überwinden, dann könnten sie in Freiheit, Frieden und nationaler Entschlossenheit die Symphonie des Österreichertums vollenden), wenn auch bisweilen etwas verquer. Wenn diese Analyse eine Bild auf die österreichische Seele wirft, dann viel mehr noch, dass diese Analyse so viel Einfluss hatte. Im Übrigen: von konservativer Seite kam Zustimmung, etwa wenn Doderer schreibt: das die kleine Alpenrepublik nun in der Lage wäre, endlich den (man höre und staune) „Anschluss“ an die Tiefe der Zeit zu erhalten.

    Ich hab versucht, möglichst keine politischen Präferenzen durchscheinen zu lassen, weshalb ich jetzt auch aufhör: Waldheim-Affäre, Haider, die Uraufführung Bernhards 'Heldenplatz', das, was hierzulande so salopp wie falsch als 'EU-Sanktionen gegen Österreich' bezeichnet wird, etc. haben zwar die österreichische Volksseele zum Kochen gebracht, haben aber auch einen Bruch in der Gesellschaft sichtbar gemacht, und: mit den daraus resultierenden Auseinandersetzungen der letzten Jahre wird's dann zu politisch.
     
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  14. freierbuerger

    freierbuerger Neues Mitglied

    @ Hundenase

    Danke für Deinen hervorragenden Beitrag. Viel gelernt.
     
  15. Nikodemus

    Nikodemus Neues Mitglied

    Es gab schon gleich nach dem 1.WK die "Österreichische Aktion". Außerdem wollte man den Anschluss 1918 erst nachdem klar war das die geplante Donauföderation mit den Kronländern nicht zu verwirklichen war. Der Anschluss war dann auch so geplant das man sich auf Augenhöhe mit Preussen bewegen wollte. Wien sollte auch zeitweise Hauptstadt Deutschlands sein. Wie und ob sowas überhaupt länger funktioniert hätte kann man heute nicht sagen. Vorstellbar wäre nämlich auch gewesen das so der alte Dualismus wieder aufkommt.

    Im Ständestaat hat man sich dann auch sehr klar von Deutschland distanziert. Otto von Habsburg hat Österreich unter Dollfuß/Schuschnigg auch mal als den größten Gegner Hitler-Deutschlands bezeichnet. Die letzte Parlamentsrede von Kanzler Schuschnigg läßt an der patriotischen Gesinnung der Vaterländischen Front jedenfalls keinen Zweifel.

    Zu erwähnen sei dann auch das die Ablehnung gegenüber den "Piefke", kurz nach dem Anschluss 1938 seinen Höhepunkt erreichte. Der Österreich-Patriotismus stieg zu jener Zeit vor allem in Wien stark an. SD- und Gestapo-Berichte spachen sogar davon, das man im Falle eines Krieges die Ostmark als nicht zuverlässig erachte. Gekommen ist es dann freilich anders, wohl durch den schnellen Sieg über Polen. Auch die Österreichischen Gebirgsjäger in Norwegen wurden vom Regime propagandistisch stark ausgeschlachtet. Man wollte der Ostmark wohl das Gefühl der Besonderheit zurückgeben, so wie es ja schon in den Wochen nach dem Anschluss gemacht wurde.


    Wie schon von anderen Usern erwähnt sehe ich auch eine eher fließende Entwicklung die spätestens mit 1866 begann. Außerderm sollte man nicht vergessen das ein breiteres deutsches Nationalbewußtsein erst seit dem 19. Jht existiert und das HRRDN ein übernationales Gebilde war.

    Damit will ich zum Ausdruck bringen das man das Thema auch von einer ganz anderen Seite betrachten kann. Wo es nämlich gar kein deutsches Bewußtsein gab, ist es schwierig überhaupt davon zu sprechen das wir ja immer alle Deutsche waren.
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 13. September 2014
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  16. Nikodemus

    Nikodemus Neues Mitglied


    Die deutsprachigen Südtiroler sehen sich nicht als Deutsche sondern als Tiroler. Wenn von Deutsch die Rede ist meint man damit die Sprache. Und die Schützen bezeichnen Österreich ganz klar als ihr Vaterland.

    Was in dem Zusammenhang aber immer vergessen wird ist das es auch italienischsprachige Südtiroler gab/gibt, historisch sind das sogar die "richtigen" Südtiroler. Es waren dann auch die Welschtiroler die den Andreas Hofer als ersten seinerzeit zu ihrem Anführer wählten. Hofer selbst sprach auch gleichermaßen Deutsch wie Italienisch, da wurde damals gar kein großer Unterschied gemacht und so ist man als Tiroler gegen die Bayern und Franzosen gezogen. Ein altes Welschtioler Kriegslied bezeugt das heute noch. Interessant ist hier auch die Geschichte von Giuseppina Negreilli

    Auch heute gibt es im Trentino noch genug Leute die sich als Tiroler und Alt-Österericher sehen und die alten Traditionen pflegen.

    Man könnte das jetzt noch weiterspinnen. Das historische Kärnten, die historische Steiermark oder Böhmen. All das waren Gebiete in denen die Menschen nicht nur Deutsch sprachen aber kulturell eine Einheit darstellten. Zumindest bis ins 19. Jht. ehe der Nationalismus den Geist der Meschen nach und nach vergiftete.:grübel:

    Mod an: youtube Links gelöscht bitte Hinweise zu Verlinkungen beachten. Mod aus
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. September 2014
  17. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    Österreich sah sich zur Zeit des Austrofaschismus als "besseres Deutschland", man war gegen den Anschluss, aber den deutschen Charakter hat von Österreich hat man trotzdem hervorgekehrt.
     
  18. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Das ist etwas unglücklich formuliert. Als Teil Tirols zählte Südtirol stets zu Österreich und damit zum römisch-deutschen Kaiserreich. Das südlich anschließende Trentino war identisch mit dem geistlichen Fürstbistum Trient, das erst 1815 Tirol angeschlossen wurde. Dort wird allerdings mehrheitlich italienisch gesprochen, doch zählt das Trentino historisch nicht zu Südtirol.
     
  19. Nikodemus

    Nikodemus Neues Mitglied


    Und trotzdem distanzierte man sich klar von NS- aber auch vom preussischen Deutschland. Hier ist also eine klare Entwicklung schon vor 1945 zu erkennen. Die "Österreichische Aktion" habe ich schon erwähnt.
     
  20. Nikodemus

    Nikodemus Neues Mitglied


    Da gibt es im Trentino aber Leute die das anders sehen: Aquila Tirolensis - Tiroler Adlerkarte - Welschtirol
    Auf dieser Karte ist das Trentino als Teil Tirols zu sehen.

    Die sagen sogar das die Behauptung das Trient erst 1815 angeschlossen wurde eine Lüge der Irredentisten ist. Ich kann es nicht beurteilen, mein Italienisch ist zu schlecht. Ich kenne hier aber noch ein Zitat:

    "Es ist absolut richtig, weil historisch korrekt, auch das Trentino als Tirol zu bezeichnen." (Rivista Geografica Italiana, 1901)

    Angeblich hat man früher immer Tirol gesagt. Die Bezeichnung Trentino kam dann erst 1850 auf und wurde erstmals von Carbonarioa, einem Irredentisten und Gründer einer Zeitung, verwendet.

    Dazu gibt es auch ein kurzes Video, den Link kann ich Dir per PN schicken wenn du willst.
     
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