Spielfilme angesiedelt im Mittelalter

Dieses Thema im Forum "Dokumentarfilme/Spielfilme" wurde erstellt von Legat, 22. Juli 2009.

  1. Was für ein Narrativ? Kolonialismus war schlimm (ich lese grade über Ghandi) aber stimmt schon, dass die Muslime deutlich besser wegkommen als die Christen. Das sich die Einheimischen immer edel verhalten haben stimmt halt nicht, grade bei den Kreuzzügen, die halt mit dem Kolonialismus wenig zu tun haben.

    Aber wenn man das scheiße findet, muss man auch 300 kritisieren. Hier die guten Westler, da die dekadenten, grausamen Ostlinge.
     
  2. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Die aber immer noch viel über Landwirtschaft und Bewässerung im Nahen Osten lernen können... von einem westeuropäischen Handwerker... ;)
     
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  3. -muck-

    -muck- Aktives Mitglied

    Dieses Narrativ gibt es zweifellos, aber wenn es in 'Königreich der Himmel' verwirklicht ist, dann eher nicht wegen Ridley Scott. Der Director's Cut des Films ist ganz anders, füllt viele Lücken und lässt auch die Muslime schlechter wegkommen. Unter anderem spielt der Mullah, der in der Kinofassung nur kurz erscheint, um gegen den Rückzug Salah ad-Dins vor Krak protestieren, eine viel umfangreichere Rolle als Hassprediger.

    Laut Audiokommentar war dem Studio Scotts ursprüngliche Vision erstens zu lang und zweitens nach 9/11 (der Film wurde 2004 gedreht) zu politisch aufgeladen. Letzteres ist feige, Ersteres hingegen Standard.

    Was den Zeitfaktor angeht, dieses Aufhebens um jede Filmminute habe ich noch nie verstanden. Ich habe noch nie einen Kinofilm gesehen und mir gedacht: Mensch, wenn der Streifen fünfzehn Minuten länger gewesen wäre, hätte ich ihn mir nicht angeschaut.

    Dasselbe mit gekürzten Hörbüchern, wo es sogar noch ärgerlicher ist.
     
  4. -muck-

    -muck- Aktives Mitglied

    Ich hatte endlich Gelegenheit, 'The Last Duel' anzusehen. Ich muss @PostmodernAtheist zustimmen, der Film rangiert über 'Königreich der Himmel' und Co. Vielleicht ist er Scotts bester Historienfilm seit 'Die Duellisten'.

    Ja, aus Sicht des Mittelalter-Enthusiasten gibt es viel zu mäkeln. Allein schon diese Helme mit halbiertem Visier! Da reiten zwei Ritter mit gesenkter Lanze aufeinander zu und lassen ihre Gesichter ungeschützt?

    Dies sind die Verstöße gegen historische Detailtreue, die ich nicht ignorieren kann, weil man gar nichts von der Materie verstehen muss, um sich zu denken: Würdest du? Würde irgendjemand?

    Die größte solche Sünde begeht der Film aber, indem er suggeriert, Marguerite de Carrouges habe nicht gewusst, dass sie, sollte Jean im Kampf unterliegen, als "überführte" Meineidige hingerichtet würde.

    Was andere Aspekte des Films angeht: Ich sagte bereits, die farbenfrohere, weniger schmutzige und ramponierte Ästhetik von 'Königreich der Himmel' wäre mir lieber gewesen. Aber was soll's.

    Dass der Film bei einem Publikum, das vor allem Superheldenspektakel gewohnt ist, nicht ankam, wundert mich nicht mehr; die Umsetzung ist nämlich durchaus anspruchsvoll, eher Kammerspiel als Epos.

    Außerdem hat sich Scott im Zeitalter von me too der Missetat schuldig gemacht, sich nicht sklavisch dem Grundsatz believe women zu ergeben. Gerade das ist aber die größte Stärke von 'The Last Duel'.

    Dass die Ereignisse aus drei verschiedenen Blickwinkeln erzählt werden, zwingt uns nicht nur, über unsere Bestätigungstendenz nachzudenken, es sagt auch viel aus über die Macht des Wortes und über den Unterschied zwischen Recht haben und Recht bekommen. Erzählerisch ist der Film wirklich virtuos.

    Wie auch das Spiel des Casts beeindruckend ist. Besonders Adam Driver (Jacques Le Gries) und Jodie Comer (Marguerite) haben mich sehr überzeugt. Matt Damon (Jean) war gut, Ben Affleck (Pierre de Alencon) hatte sichtlich Spaß an seiner Rolle. Insgesamt ein durchaus empfehlenswerter Film!
     
  5. Wenn man Kritik an den edlen Muslimen übt sollte man vielleicht auch den namenhaften Historiker Jonathan Riley-Smith erwähnen der das Ganze als Terroristen Propaganda abstempelte. Wie steht ihr dazu? Finde der Film kommt eher nach Sir Walter Scott, zumindest in der Fassung die ich gesehen hab.
     
    Zuletzt bearbeitet: 9. Dezember 2021
  6. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ich hab's nur im Englischen O-Ton mit UT gesehen. Bei mir stand bei der dritte Version, also der von Madame de Carouges "The truth" dabei. Das konnte man aber als Zuschauer auch gut übergehen. Denn wir sprechen von einem Ereignis, das vor über 600 Jahren stattgefunden hat und das uns durch Bild- und Schriftquellen überliefert ist. Für mich war es interessant alle drei Versionen nebeneinander zu sehen, wobei ich nach wie vor nicht der Meinung bin, dass das Scotts sondern dass das wohl Afflecks und Damons Entscheidung war als Drehbuchschreiber. Die Story hat ja wie ich in meinem Review geschrieben habe Sammelthread - Kurzkritiken über neue Spielfilme mit historischen Inhalten das Problem, dass es wenig glaubhaft ist wie de Gris die Frau von Jean de Carrouges allein in ihrer Burg antreffen konnte. Denn das wäre für moderne Kriminalisten oder Anwälte vor einem modernen Gericht ein springender Punkt bei der Beweisführung.

    Ich empfand den Film auch als ein Kammerspiel und als solches eher wieder in den Bahnen des alten Kinos, wo oft in den Dialogen die eigentliche Geschichte erzählt wurde.

    Moderne Filmkritiken haben sogar fabuliert, Madame de Carrouges habe mit ihrer Anzeige gegen die Verhältnisse in ihrer Zeit rebelliert. Das geben ja die Quellen nicht her und nicht einmal der Film geht so weit, auch wenn da das Opfer modernisiert wirkt.

    Ich fand, dass Matt Damon oder wie viele schrieben Tanzverbot sehr gut diesen leeren Geist widerspiegelte. Das muss man m.E. erstmal hinbekommen. Harvey Keitel hat das in "The Duelists" auch so toll geschafft diesen leeren Blick zu zeigen und einen Mann wider zu spiegeln, der sich selbst nicht hinterfragt, sondern meint mit Gewalt alles lösen zu können, einen Mann der vorwiegend egoistisch seinen Zielen folgt. Auch Damon spielt das sehr schön, dass es ihm nicht um die Rache seiner Frau geht, sondern dass seine Frau als sein Eigentum von jemand anderen beschädigt wurde. Die Anklage war durchaus schwerwiegend. Wenngleich die Höflinge über de Carrouges Verhalten oftmals belustigt wirken, ist der Ehebruch durchaus eine schwerwiegende Tat. Leider habe ich keine Ahnung von mittelalterlicher Rechtspraxis.
     
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  7. corto

    corto Aktives Mitglied

    Oh mein Gott - Tanzverbot

    jetzt weiß ich endlich wem Matt Damon da so dermaßen ähnlich sah.

    Ich fand den Film sehr gut gespielt, der Sound war richtig gut abgemischt und die Action eben wie man es von Scott kennt.

    Ich fand allerdings das auch in seiner eigenen Version, Le Gries bei weitem kein Einvernehmen annehmen konnte, nichtmal nach den Regeln der damaligen Zeit zu der er ja sagt "Sie hat sich gewehrt wie es einer Edelfrau gebührt, aber es dennoch gewollt".
     
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  8. -muck-

    -muck- Aktives Mitglied

    @Brissotin & allgemein

    Alle drei Kapitel sind mit "The truth according to [Name]" übertitelt – die Wahrheit laut [Name].

    Im 1. Teil gibt Jean de Carrouges das ritterliche Ideal des Ehemannes, der sogar seine misshandelte Frau bittet, ihm zu verzeihen, weil er nicht zugegen sein konnte, um sie zu beschützen. Und Jacques le Gris ist derjenige, der Jean zu hintergehen beginnt, dessen Motive hingegen stets lauter sind.

    Im 2. Teil erleben wir die Wahrheit Jacques’, des Womanisers, der vielleicht wirklich an die Liebe oder zumindest gegenseitige Anziehung glaubte, aber allenfalls Marguerites Signale missverstanden haben will. Die Feindseligkeit geht von Jean aus, aus Neid auf den (mit unendlicher Langmut gesegneten) Jacques.

    Der 3. Teil schildert die Ereignisse aus der Perspektive Marguerites, die sich als bloßer Spielball der Rivalität der beiden Männer wahrnimmt. Hier ist es nicht ganz so eindeutig, ob Jean oder Jacques mehr Schuld daran trägt, dass ihre Freundschaft sich in bittere Feindschaft wandelt.

    Oberflächlich betrachtet, ergreift der Film bis auf die zusätzliche Einblendung "The Truth" keine Partei und kann es eigentlich auch nicht, weil niemand weiß, was wirklich geschah.

    Unterschwellig fällt jedoch das eine oder andere auf. Im klassischen Argumentationsschema wird das schwächste Argument zuerst genannt, das stärkste zuletzt, damit es besser im Gedächtnis bleibt. Demnach wäre Marguerites Version wirklich die glaubwürdigste.

    Interessant ist auch, dass Jean in allen Teilen lediglich in der Eigenwahrnehmung eine positive Figur ist und von seiner Frau geliebt wird, wogegen er bei Jacques, Marguerite und für Pierre de Alencon ein tumber, hitzköpfiger Klotz ist. Demnach wäre er wirklich der unzuverlässigste Erzähler.

    Was der Film nicht hergibt, wohl aber die erhaltenen Quellen:

    Jacques Le Gris Fall galt als wackelig. Sein Alibi stammte von jemandem, der noch während des Prozesses wegen Vergewaltigung eingesperrt wurde. Sein eigener Anwalt notierte in seinem Tagebuch Zweifel an seiner Unschuld. Karl VI. hätte ihn wohl verurteilt, wollte sich aber das Spektakel des Duells nicht entgehen lassen.

    Le Gris hat anscheinend wirklich unmittelbar vor seinem Tod auf seine unsterbliche Seele seine Unschuld beschworen, keine Kleinigkeit nach den Glaubensgrundsätzen der damaligen Zeit. Es würde darauf hindeuten, dass er sich wirklich für unschuldig hielt – wenigstens für schuldlos im Sinne der Anklage.

    Marguerites Beharren auf seine Bestrafung war in der Tat Rebellion, wobei der Blickwinkel des Drehbuchs zu sehr in Richtung Sexismus-Kritik geht. Natürlich wurde dieser Frau (und allen Frauen) von ihrer Zeit großes Unrecht angetan. Ihr Fall war aber beileibe keine bloße "Sachbeschädigung" zu Lasten des Jean de Carrouges.

    Nach dem damaligen Rechtsverständnis führte die Ehe eine vollständige rechtliche Union der Eheleute herbei, in der der Mann als die biologisch stärkere Partei sozusagen die Geschäfte mit Außenwirkung führte, doch galten beide als eine Person. Jede Verletzung eines Ehepartners galt als Verletzung des anderen.

    Es sind etliche Beispiele überliefert für (offizielle wie inoffizielle) Fehden, in denen Brüder, Vettern oder Väter auf Betreiben und im Namen ihrer Schwestern, Basen oder Töchter Kränkungen rächen mussten, die der Gegner dem (meist getöteten oder eingekerkerten) Ehemann zugefügt hatte, und die die Frau auf sich bezog.

    Eine feministische Vorkämpferin für das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung war Marguerite gewiss nicht. Eher rebellierte sie gegen eine Justiz, in der Macht und Gewalt über Recht und Unrecht entschieden.

    Was die drei Versionen angeht, liegt die Wirklichkeit wohl in der Mitte.

    Nach allem, was über ihn nachzulesen ist, war der echte Carrouges ein Hitzkopf und unbedachter Politiker, genoss aber mehr Ansehen, als ihm der Film zubilligt – explizit für seinen Gerechtigkeitssinn. Die Ehe mit einem solchen, älteren Mann war für Marguerite sicher kein Rosenbett, wie Scott es sich Jean vorstellen lässt.

    Andererseits riskierte Carrouges mehr für seine Frau, als der Film nahelegt: Reichtum, Einfluss, Reputation, die Aussicht darauf, von Le Gris und Alencon übertrumpft zu werden und, natürlich, das Ende seines Hauses, seines Lebens und des Lebens seiner Frau. Diese Entscheidung haben sie mit Sicherheit gemeinsam getroffen.

    Denn wie gesagt, es ist unglaubwürdig, dass Marguerite nicht gewusst haben soll, was ihr blühte. Sie war eine gebildete Frau von Stand und wird die Strafe für Meineid genauso gekannt haben, wie sie die für Mord kannte.

    Le Gris' Anwalt baute ihr sogar eine goldene Brücke, indem er vorschlug, ihr Mann habe sie mit Gewalt zu der Anschuldigung gezwungen. Sie hätte die ganze Geschichte zu Fall bringen können.

    Der Ausgang des Prozesses hing von ihr ab, nicht von Jean.

    Nebenbei, laut den im Wikipedia-Artikel zu Jean de Carrouges verlinkten Quellen ließ dessen Mutter Marguerite tatsächlich ohne Diener zurück, um Einkäufe zu erledigen. Nach den Usancen der ständischen Gesellschaft muss das nicht heißen, dass überhaupt niemand mehr auf dem Herrensitz zugegen war; so werden Ausübende unehrlicher Berufe in zeitgenössischen Quellen oft ignoriert; aber es ist dennoch seltsam.

    Wäre dies ein gewöhnlicher Kriminalfilm gewesen, hätte meine erste Vermutung gelautet, dass Nicole de Carrouges entweder von Jacques Le Gris bestochen wurde, um ihm Zugang zu Maguerite zu verschaffen (das Motiv der derart bösen Schwiegermutter findet sich z.B. in einem Roman Jakob Wassermanns), oder dass sie zwei Liebhabern ein diskretes Stelldichein ermöglichte.
     
    Zuletzt bearbeitet: 9. Dezember 2021
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  9. -muck-

    -muck- Aktives Mitglied

    Ich kann nicht folgen; was genau hat Riley-Smith kritisiert? War ihm die Darstellung der Muslime zu positiv?

    Nun, natürlich ist sie positiv, selbst im Director's Cut.

    Das Drehbuch folgt der neueren westlichen Deutung der Kreuzzüge, die diesen nicht mehr zugestehen, gerechte Kriege gewesen zu sein, was sie für ihre Zeitgenossen durchaus waren.

    Bis zu einem gewissen Grad ist der positive Tenor aber gerechtfertigt, da Salah ad-Din auch den Christen als großer, nobler Herrscher galt, und er ist nun mal auf muslimischer Seite die Hauptfigur.

    Der Director's Cut erweitert das muslimische Portfolio um den bereits genannten Hassprediger, weshalb ich Scott beim Wort nehme, wenn er andeutet, dass ihm eine weniger klare Rollenverteilung vorschwebte.

    Sein Wunsch-Sujet war weniger der Religionskrieg als vielmehr der Generationenwechsel – das Beerben der noblen alten Garde durch geringere Männer, die die letzten Vertreter der alten Ordnung vor die Tür setzen.

    Dieses Motiv findet sich in fast allen Filmen Scotts, siehe etwa der Konflikt Maximus gegen Commodus in 'Gladiator', Robin Hood gegen König Johann in 'Robin Hood', der (adelige und ehrenwertere) D'Hubert gegen den (revolutionären und insolenten Aufsteiger) Feraud in 'Die Duellisten'.
    Falls Du damit meinst, dass der Film einen (in meinen Augen wohltuenden) altmodischen Erzählstil pflegt, mit klaren moralischen Verhältnissen, würde ich sagen: Absolut!
     
  10. Naja, er meinte es sei 'Osama bin Laden's version of history'. Spielt ihm in die Hände. Und völliger Quatsch. Allerdings bezieht er sich auch auf Sir Walter Scotts, der Talisman, eine Kreuzfahrergeschichte wo die Muslime als zivilisiert und die Christen als Barbaren dargestellt werden.

    Nunja, vielleicht hat er den Film auch nicht ganz verstanden. Du sprichst ja das Thema der Ablösung der alten Garde an. Bei den Muslimen geht das ja nicht mit Saladin.
     
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  11. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Vielen Dank für die Richtigstellung. Ich hab's ja nur einmal im Kino gesehen und war bei anderen Aspekten wahrscheinlich aufmerksamer.

    Was diesen Aspekt anbelangt, dass Marguerite bei der Tat allein war, hab ich ja auch nicht angezweifelt, dass das praktisch möglich wäre. Es geht halt nur mit der in dem Film dargestellten Burg nicht. Würde es sich in einer Art befestigten Haus abspielen, das garkeinen Hof oder sowas hat, vielleicht möglich oder bei einer Turmburg, wo die Hausherrin einfach persönlich hätte zur Tür gehen und sie versehentlich oder bewusst unter Annahme anderer Umstände geöffnet hätte. Es geht ja auch nicht darum, dass keiner mit im Donjon/Pallas oder sowas war, sondern dass niemand hätte - wie im Film dargestellt - überhaupt von de Gris "Besuch" gewusst haben. Obendrein ist ja auffällig, dass Nicole just dann nicht da ist, als de Gris kommt. Hat er tagelang vor dem Burgtor der de Carrouges gelauert?
     
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  12. -muck-

    -muck- Aktives Mitglied

    Nein, ich muss mich bei Dir bedanken, denn Du hattest meine Erinnerung aufgefrischt und ich musste meinen Kommentar umformulieren, noch während ich ihn schrieb. Ich hatte zuerst übersehen, dass nach dem Titel des dritten Kapitels die Worte 'The Truth' nochmals eingeblendet werden.

    Deswegen musste ich sogar teilweise mein Urteil über diesen Film revidieren, denn erzählerisch halte ich diese Parteinahme für unklug. Ich kann auch nicht umhin, mich zu fragen, ob das Drehbuch von Anfang an so ausgelegt war, denn der Plot an sich scheint offen lassen zu wollen, was wirklich geschah.

    Vielleicht ist das Bekenntnis zu Marguerites Version Scotts Zugeständnis an "believe women".

    Das Problem dabei ist, dass sich dadurch zwei Kernbotschaften des Films abschwächen. Erstens, dass ein Gottesurteil blanker Unsinn ist, denn immerhin hat "Gott" hier die richtige Wahl getroffen.

    Zweitens, dass Marguerite "ihre" Gerechtigkeit bekommt, wodurch die berührende Szene überflüssig wird, in der Nicole de Carrouges ihrer Schwiegertochter erklärt, es gebe nur die Gerechtigkeit der Männer.
    Ich verstehe schon, aber das gehört wohl einfach zu den Kuriositäten der Geschichte. Freilich hat man sich offenbar schon während des Prozesses darüber Gedanken gemacht. Le Gris' Anwalt fragte Marguerite de Carrouges danach, und sie antworte sinngemäß: So war es eben.

    Wen es interessiert, auf Google Books sind Ausschnitte des zugrundeliegenden Buches 'The Last Duel: A True Story of Trial by Combat in Medieval France' als Leseprobe verfügbar. (Tipp: Falls Google Books den Zugriff auf Leseproben verweigert, kann es helfen, die Cookies zu löschen.)
    Ja, das ist wirklich seltsam. Jacques Le Gris war wohl einer dieser liebestollen Charaktere, die selbst heute noch im Falle von Vergewaltigung oftmals billig davonkommen, weil sie so sehr in ihrer narzisstischen Traumwelt gefangen sind, dass sie sich aufrichtig einbilden, auf Avancen des Opfers reagiert zu haben.

    Der Film versucht das ja anzulegen, indem er eine Orgie bei Pierre de Alencon zeigt, in der die (hier willigen) Gespielinnen vor den Männern "flüchten" und mit (spielerischer) Gewalt erobert werden wollen.
    Verstehe. Nun, für islamische Extremisten ist die Geschichte der Kreuzzüge doch nur vordergründig von Belang. In ihrer extremen Form strebt diese Religion ohnehin die Weltherrschaft an.
    Dabei muss man freilich bedenken, dass Westeuropa in den 1800ern noch mit dem Orientalismus kokettierte. Das "Morgenland" hatte einen exotischen Reiz, eine Spiritualität, die Autoren wie Scott in den neuen verqualmten Industriestädten vergeblich suchten. Damals wurde auch das Bild des "edlen Wilden" populär.
    Oder ich habe ihn nicht verstanden. Ich schloss dies alles nur aus der Beobachtung, dass es überhaupt bloß drei namentlich genannte muslimische Protagonisten in 'Königreich der Himmel' gibt. Wenn zwei davon Sympathieträger sind, kann das Absicht sein, aber auch Zufall, weil der Plot es erfordert. Und dann fällt es eben besonders auf.
     
  13. Verstehe. Nun, für islamische Extremisten ist die Geschichte der Kreuzzüge doch nur vordergründig von Belang. In ihrer extremen Form strebt diese Religion ohnehin die Weltherrschaft an.

    ---- Also meinst du es sei unbedenklich? Und was meinst du mit Vordergründig?

    Dabei muss man freilich bedenken, dass Westeuropa in den 1800ern noch mit dem Orientalismus kokettierte. Das "Morgenland" hatte einen exotischen Reiz, eine Spiritualität, die Autoren wie Scott in den neuen verqualmten Industriestädten vergeblich suchten. Damals wurde auch das Bild des "edlen Wilden" populär.

    --- Und auch noch lange danach. Lese grade Robert E. Howard. Ihm kann man vermutlich auch Orientalismus vorwerfen, obwohl ich wie zu oft leider nicht genau den Finger drauf legen kann wo er genau die Grenze überschreitet.

    Bei Scott könnte ich mir fast vorstellen, dass da einige ihn als Beispiel dafür anführen würden, dass doch nicht alles so schlimm gewesen war.

    Komischerweise erinnere ich mich an nen Film über die Kreuzzüge den ich als Kind mal gesehen hab. Da lässt Saladin oder ein anderer islamischer Anführer die Europäer ziemlich dumm aussehen. Wüsste gerne wie er heißt.
     
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  14. -muck-

    -muck- Aktives Mitglied

    Es ist ein Spielfilm. Ich glaube nicht, dass er für das Weltbild radikaler Moslems oder die Einstellung westlicher Gesellschaften zum radikalen Islam wichtig ist, falls die Kritik darauf abzielte. Das Kreuzzugs-Sujet ist zwar im Sprachgebrauch von Taliban und Co. noch lebendig, aber wie wirksam kann es sein? Man kann schwerlich einen Weltbeherrschungsanspruch formulieren und sich dann über christliche Aggression beklagen.
    Naja, vorwerfen ist vielleicht nicht das richtige Wort. Es war eben eine Mode, die vor allem in Frankreich (das die engsten Beziehungen zum Osmanischen Reich unterhielt) Blüten trieb.

    Man hüllte sich in arabische Gewänder, naschte im Schneidersitz türkischen Konfekt und genoss Opern und Theaterstücke mit orientalischem Einschlag. Solchen Trends frönen wir heute auch noch.
    'Der Talisman' kenne ich nicht, aber ein wiederkehrendes Motiv in Scotts Werk (z.B. in 'Ivanhoe', 'Anna von Geierstein' oder den "schottischen" Waverley-Romanen) ist der drohende Verlust der kulturellen Identität unter neuen politischen Vorzeichen.

    Vielleicht identifizierte sich Scott mit den "Muselmanen" in dieser Hinsicht.

    Ohnehin glaubte er, wie er selbst schrieb, dass die Menschen überall und zu jedem Zeitalter im Grunde gleich dächten und fühlten, und die Handelnden bei historischen Ereignissen also stets die gleichen Motive hätten.
    Wie gesagt, in christlichen Chroniken taucht Salah ad-Din als großer König auf. Es war wohl auch im Interesse der Kreuzfahrer und Machthaber in Outremer, einen formidablen Gegner zu haben, was ihnen einerseits Unterstützung aus Europa garantierte, ihnen andererseits helfen konnte, Niederlagen zu entschuldigen. Insofern wundert es mich nicht, dass Salah ad-Din überall als Sympathieträger auftaucht.

    Neu ist es jedenfalls nicht.
     
  15. Man kann schwerlich einen Weltbeherrschungsanspruch formulieren und sich dann über christliche Aggression beklagen.

    ---- Das kann man schon würde ich sagen, ist natürlich für normal denkende Menschen widersprüchlich, aber hat Orwell nicht genau so ein Denken in 1984 beschrieben? Ich sehe das auch bei Konservativen in den USA. Man regt sich zum Beispiel über "Unterdrückung" durch die die liberal versiffte Gesellschaft auf, geht aber selbst restriktiv gegen alles vor was einen nicht passt. Naja, vielleicht ist Riley Smith selber etwas zu rechts/mittig und bemüht den "Talibanversteher". Oder 9/11 war halt einfach noch zu sehr in der Erinnerung. Seine politischen Ansichten würden mich schon mal interessieren.

    Es war eben eine Mode, die vor allem in Frankreich (das die engsten Beziehungen zum Osmanischen Reich unterhielt) Blüten trieb.

    --- Ich verbinde damit eher Edward Said, und seine Kritik von der Darstellung nicht europäisch geprägten Kulturen.

    'Der Talisman' kenne ich nicht, aber ein wiederkehrendes Motiv in Scotts Werk (z.B. in 'Ivanhoe', 'Anna von Geierstein' oder den "schottischen" Waverley-Romanen) ist der drohende Verlust der kulturellen Identität unter neuen politischen Vorzeichen.

    Vielleicht identifizierte sich Scott mit den "Muselmanen" in dieser Hinsicht.

    Ohnehin glaubte er, wie er selbst schrieb, dass die Menschen überall und zu jedem Zeitalter im Grunde gleich dächten und fühlten, und die Handelnden bei historischen Ereignissen also stets die gleichen Motive hätten.

    --- Ich kenn mich mit Scott nicht aus. Ich weiß nur, dass Mark Twain dachte, dass die ganze Ritterromantik einen schlechten Einfluss auf die amerikanische Gesellschaft hatte. Deshalb hat er A Connecticut Yankee at King Arthurs Court geschrieben, was zugeben selbst für eine Satire nicht grad sehr sachlich ist.
     
  16. Fulcher

    Fulcher Aktives Mitglied

    Hier gibt's ein paar Zitate von Riley-Smith und anderen:
    Kingdom of Heaven
     
  17. Fulcher

    Fulcher Aktives Mitglied

  18. Fulcher

    Fulcher Aktives Mitglied

    Ich habe mir vor kurzem Trailer und Bilder zur Serie "Glow & Darkness" angesehen. Die soll zur Zeit des Dritten Kreuzzugs spielen, was da an Kostümen und Rüstungen zu sehen ist, passt aber überhaupt nicht. Echt übel.
    https://www.imdb.com/title/tt11527562/?ref_=nm_knf_t1
     
  19. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Das ist ja schon fast so Bad Taste, dass es wieder gut ist. Warum sich eine Denise Richards darauf einlässt, sich so eine furchtbare Perücke aufzusetzen... Irgendwie eine Produktion der großen (heute alten) Damen des Kinos.
     
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  20. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ich habe neulich eine Serie geschaut, die viel von einem einzigen Film hatte, weshalb ich es hier unter die Filme tue. Die Maria Theresia Mini-Serie haben wir ja auch unter "Filme" abgehandelt. Der Titel ist im Französischen völlig anders als im Deutschen und mag im Deutschen aus Vermarktungszwecken gewählt worden sein. Die Serie hätte wohl auch in die Rubrik "B-Film" hinein gepasst. War mir aber nicht ganz sicher. Optisch sicher eher B-Film.

    "Die Templer" - "La Commanderie" Didier Le Pêcheur 2010

    Handlung: Ende des 14.Jh. bereichern sich der Capitaine Cortemain (Clémont Sibony) und der Verwalter de Castenay (Antoine Cholet) zum Leidwesen der abhängigen Bauern und des Johanniterordens an den Einnahmen einer Commanderie. Dann trifft aber ein gewisser D'Avènes (Antoine Basler) ein, welcher scheinbar die Geschäfte in der Commanderie unter die Lupe nehmen soll, aber eigentlich hinter etwas viel größerem her ist, nämlich einen anegblichen Goldschatz der Templer, denen vor ihrer Verfolgung die Commanderie gehört hatte. Cortemain gerät zusehends zwischen die Fronten indem er mehr als nur seine illegalen Geschäfte und seine Bande zu dem Räuberführer Le Breton (Franck Manzoni) decken muss. Es gelingt Cortemain nämlich auch das Vertrauen der Madame de Montet (Louise Pasteau) zu gewinnen, die mehr über den Schatz zu wissen scheint, als er anfangs gedacht hätte und die er aus seiner Kindheit kennt. Doch der finstere D'Avènes kommt zusehends der Adeligen auf die Schliche und die Sache wird nicht einfacher als der Duc d'Anjou (Scali Delpayrat) eintrifft... Nebenbei werden in jeder Folge einzelne Themen wie Ketzerei, Aberglaube, Gerichtsbarkeit, Kindersterblichkeit, Badekultur, Bildung usw. angerissen.

    Prinzipiell finde ich ja die Idee das Leben in einer Komturei eines (Ritter-)Ordens zum Thema eines Films zu machen sehr interessant. Als positiv ist auch festzuhalten, dass hier nicht mit Superlativen um sich geworfen wird. D.h. man sieht z.B. nur 10 Bewaffnete, die Cortemain unterstehen und es wird dann auch nicht von 50-60 Mann gesprochen und von daher wirkt die Burg der Johanniter auch durchaus glaubhaft. Auch die Themen, die ansonsten angesprochen werden, außer dem Quatsch mit dem Schatz, sind im Grunde genommen ganz interessant. Da ist der Capitaine, der nicht lesen kann, was aber viele andere Charaktere beherrschen. Dann gibt es Gesetzlose, welche ehemals Söldner des eigentlich parallel in Frankreich stattfindenden 100-jährigen Krieges waren usw..
    Doch damit endet auch schon fast das Positive. Denn die Ausstattung ist weitesgehend zum Davonlaufen. Kein Einziger der Ritter hat eine irgendwie ernsthaft ans 14.Jh. erinnernde Rüstung. Die Bauern und anderen Zilisten ebenso wie die Räuber schauen aus wie aus einem Fantasyfilm rüber geschlüpft. Bei genauerem Hinsehen fragt sich auch, warum die Wachen auf einer Mauer herumlaufen (die Zinnen reichen ihnen bis auf die Höhe der Unterschenkel). Welche Verteidigungsfunktion soll diese Wehrmauer ohne richtigen Wehrgang haben? Warum besitzt die ganze Commanderie nur ein einziges Dorf mit einem Dutzend Bauern? Wer soll dann die Ordensherren und Wachen finanzieren - von dem Geld, das angeblich immer zum Orden geschickt wird abgesehen? Die wenigen Bewohner der Ordensburg und die Handvoll Bauern genügen aber, damit sich ein Bordell vor den Toren der Burg rechnet...
    Die ganze Story mit dem Schatz der Templer klingt auch vollkommen unausgegoren und man hat den Eindruck, dass sich das Drehbuch über die Funktion der Charaktere selber nicht wirklich im Klaren war. Insgesamt wird ein düsteres Bild des Mittelalters gezeichnet in welchem auch die harmlos wirkenden Figuren sich dann als mordlüsterne Fanatiker entpuppen sollen.

    3 von 10 im Grabe rotierende Ordensritter.
     
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