Indogermanen, Konstrukt oder Wirklichkeit?

Dieses Thema im Forum "Frühzeit des Menschen" wurde erstellt von DerGeist, 18. April 2008.

  1. ikomiko

    ikomiko Neues Mitglied

    Auf Dieneke's Blog gibt es eine Studie die aufzeigt, daß die Kurgan-Bevölkerung zum Teil ebenfalls eine dunkle Pigmentierung aufweißte. Die weiße Pigmentierung stammt von neolithischen Bauern aus Anatolien. Eine Studie dazu findest du ebenfalls im genannten Blog.
    Dienekes’ Anthropology Blog
    Dies spricht für die anatolische Hypothese, da sie aufzeigt das schon vor der Invasion sog. Indo-Europäer eine Vermischung mit neolithischen Bauern aus Anatolien gab. Man darf nicht vergessen, daß diese "Kurganvölker", z.B jene in Teilen der Ukraine, oder im Kaukasus ebenfalls Bauern waren und regen Handelskontakt mit umliegenden Völkern pflegten. Eine Vermischung gar ein Ideenaustausch fand also schon vorher statt. Wie sonst hätten die sog. "Kurganvölker" an das Know-How für Metallverarbeitung kommen können? Die Wiege, oder zumindest das Mekka der Metallverarbeitung, war für min. zwei tausend Jahre im Balkan vorzufinden. Angefangen bei der Vinca Kultur bis zur Cucuteni-Tripolye Kultur.

    Links zu den Studien:
    Dark pigmentation of Eneolithic and Bronze Age kurgan groups from eastern Europe
    Dienekes’ Anthropology Blog: Dark pigmentation of Eneolithic and Bronze Age kurgan groups from eastern Europe
    SLC24A5 light skin pigmentation allele origin
    Dienekes’ Anthropology Blog: SLC24A5 light skin pigmentation allele origin
     
  2. ViraspaGandhara

    ViraspaGandhara Neues Mitglied

    Ich denn dass die Indoeuropäer ursprünglich aus der südlichen Ural- und Wolgaregion abstammten.Die etwas dunkeleren leute aus Südukraine werden kaum mit den Urindoeuropäern gleichzusetzen sein auch dort der Einfluss aus dem Balkan sehr stark.

    Die Anatolien Hypothese macht für mich leider keinen Sinn und hat viele logische Fehler.So gab es viele nicht-indoeuropäische Völker in Anatolien welche keinerlei Verwandtschaft zum indoeuropäischen zeigen.Aber die finno-uguren welche nahe den Urindoeuropäern lebten haben recht viele archaische indoeuropäische Wörter und auch sonst viel von Indoeuropäern übernommen.Desweiteren waren die Hethiter stets eine kleine Minderheit ind Anatolien und konnten sich kulturell nicht durchsetzten gegenüber den Vorindoeuropäern.

    Genetische Untersuchungen haben auch festgestellt das iraner,inder,slawen und teilweise auch Westeuropäer gemeinsame Genetische Komponenten haben welche sich auf jene Kurganvölker zurückführen lassen(y-dna haplogroup r1a)
     
  3. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Die Seriösität solcher Blogeinträge wie Dienekes hat schon der User Sepiola in einem anderen Thread bezweifelt. Es ist eben nur ein Blog und keine wissenschaftliche Studie. Die Archäologin Marija Gimbutas nannte Bevölkerunsgsgruppen Südrusslands, die während der Bronzezeit Grabhügel errichteten, "Kurganvölker" und identifizierte damit die frühen Indogermanen. Das ist allerdings sehr umstritten. Archäologisch korrekter ist die Bezeichnung "Ockergrabkultur" oder "Jamnajakultur". Um die Pigmentierung der Menschen zu ermitteln, hätten Skelettreihen aus jener Zeit untersucht werden müssen. Ist das wirklich geschehen und wie verlässlich wäre eine entsprechende Studie?

    Was die weiße Pigmentierung europäischer Völker betrifft, so lässt sie sich durchaus mit einer Depigmentierung erklären, deren Ursache die nördlichen klimatischen Bedingungen sind.

    Die Anatolien-Hypothese von Colin Renfrew ist nur eine von mehreren und wird heute mehrheitlich abgelehnt. Welche Argumente dagegen sprechen, kann man hier nachlesen: Anatolien-Hypothese ? Wikipedia Einige Wissenschaftler wie die Russen Gamkrelidse/Ivanov oder der Genetiker Cavalli-Sforza haben versucht, die Kurgan- und Anatolienhypothese miteinander zu verbinden.

    Kupferverhüttung in der Steinzeit gibt es in ganz Vorderasien, in Kleinasien und rudimentär auch bei den neolithischen Kulturen des Balkans. Aber was soll diese Tatsache beweisen?
     
  4. Heine

    Heine Aktives Mitglied

    Science berichtet von einer Konferenz der Biomolekulararchäologie. Danach stammt eine der drei genetischen Hauptlinien der Europäer, die ca. 20% des Erbguts der meisten Europäer ausmacht, aus Nordwestasien bzw. Osteuropa. Sie gelangte vor 4000-5000 Jahren nach Mitteleuropa und könnte mit der archäologischen Kultur der Schnurkeramiker (CWC) verbunden sein.

    http://video.sciencemag.pnw.orc.scoolaid.net/content/345/6201/1106.full.pdf
     
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  5. Muspilli

    Muspilli Aktives Mitglied

    Der Artikel ist aber vage betreffs DNA-Angabe.
     
  6. Heine

    Heine Aktives Mitglied

    Zuletzt bearbeitet: 10. September 2014
  7. Peppermint Pig

    Peppermint Pig Mitglied

    Zuerst einmal Hallo!
    Ohne mich jetzt groß im Forum umzusehen, möchte ich meine Meinung über die Herkunft der indogermanischen Sprachen mitteilen. Ich hoffe ich habe nicht nur Sachen wiederholt, die im Forum schon diskutiert wurden. Sollte es doch so sein, bitte ich um Verzeihung.

    Im Forum hier wurde sich ja schon mit dem sprachwissenschaftlichen Zweig der Landschafts- und Gewässernamen (Onomastik) beschäftigt.
    Aufgrund der Arbeiten von Wolfgang P. Schmid und Jürgen Udolph auf diesem Gebiet bin ich der Meinung, dass der Ursprung des Indogermanischen in Europa liegt.

    Gestützt wird dies meiner Meinung nach durch die Verbreitung www.biomedcentral.com - Figure (BMC Evolutionary Biology | Full text | A worldwide correlation of lactase persistence phenotype and genotypes ) der Mutation des Laktase-Gen LCT - C/T 13910 (Rs4988235 - SNPedia ), die nach heutigem Kenntnisstand vor 7.000 bis 8.000 Jahren in Europa entstanden ist. Laut Computermodell Evolution of lactase persistence: an example of human niche construction in Südost-Mitteleuropa (das "Mittel" wurde in der Presse oft unterschlagen). Die Verteilung im Baskenland vor 5000 - 4500 Jahren ist allerdings auch beachtlich PLOS ONE: Ancient DNA Analysis Reveals High Frequency of European Lactase Persistence Allele (T-13910) in Medieval Central Europe .
    Ich will damit nicht sagen, dass die ersten Menschen mit dieser Mutation Indogermanen waren, allerdings scheint sich diese Mutation mit der Ausbreitung der indogermanischen Sprachen ausgebreitet zu haben.

    Die Schnurkeramik kommt für mich wegen ihrem geringen genetischen Eintrag nicht als Ursprung des Indogermanischen in Frage. Ancient DNA reveals key stages in the formation of Central European mitochondrial genetic diversity runter scrollen und bei Movie S1 klicken oder auch Mod an: Youtube Link gelöscht Mod aus, was durch die "Absolutchronologie und die Entstehung der Schnurkeramik" von M. Furholt bestätigt wird www.jungsteinsite.uni-kiel.de/pdf/2003_furholt.pdf .

    Von den Theorien der Matriarchatsforscherinen wie Marija Gimbutas und den deutschen Wolfsfrauen um Heide Göttner-Abendroth halte ich nichts. Siehe auch die Kritik der ehemaligen Matriarchatsforscherin Martina Schäfer - taz.de und “New Age” delusions: Hippy-dippy evidence-free fantasies ?New Age? delusions | Bad Archaeology .
    Im übrigen sprechen Untersuchungen der genetischen Ähnlichkeit unter den Frauen und unter den Männer und die Isotopen-Verteilungen von Sauerstoff, Kohlenstoff und Strontium in den Zähnen der Opfer von Eulau, Talheim und Schletz für eine zu dieser Zeit vorherrschende patrilokale Kultur und damit gegen den ökonomischen Matriarchatsbegriff.
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 22. Januar 2015
  8. Stilicho

    Stilicho Aktives Mitglied

    Ich habe immer noch Probleme mit der Methodik der Evolutionsbiologen.
    Eine Weltkarte, basierend auf nur 112 Einzeldaten, davon etwa zwei aus Sardinien, keine aus z.B. Ägypten - wo liegt die Aussagekraft?
     
  9. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Martina Schäfer ist alles andere als ein Garant für Objektivität, also solltest du dir ihr ´Urteil´ über angeblich rassistische Matriarchatsforscherinnen nicht unbesehen zu eigen machen. Carola Meier-Seethaler z.B. wird von ihr als Propagandistin weiblicher Überlegenheit über den Mann verkauft. Wie passt das mit einer Passage von Meier-Seethaler wie dieser zusammen?

    Jedenfalls ist der Versuchung zu widerstehen, der patriarchalen
    Ideologie eine neue Form von Ideologie entgegenzustellen, in der
    matrizentrische Religions- und Lebensformen idealisiert und –
    ausgesprochen oder unausgesprochen – das Weibliche als solches
    höher als das Männliche bewertet wird. Dabei bliebe auf der
    Strecke, was für die Emanzipation beider Geschlechter aus ihren
    Rollenzwängen grundlegend ist: die Rücknahme der patriarchalen
    Polarisierung der Geschlechter und der einseitigen Wesenszuschreibungen
    an sie.


    (Jenseits von Gott
    und Göttin, 18)

    Auch Marija Gimbutas hat niemals den Matriarchatsbegriff wissenschaftlich verwendet (was ihr von Gegnern aber immer wieder angedichtet wird) und die Idee eines historischen Matriarchats (im Sinne von Frauenherrschaft) niemals vertreten. Stattdessen sprach sie von "nicht-patriarchalischen" oder "matristischen" Systemen im Sinne von Matrilinearität und Matrifokalität. Eine frühgeschichtliche hierarchische Überordnung der Frau über den Mann war nie Teil ihrer Theorie. Das gleiche gilt für Göttner-Abendroth, die zwar den Matriarchatsbegriff gebraucht, ihn aber neu deutet als "am Anfang die Mütter". Eine historische Phase weiblicher Herrschaft ist auch für diese Autorin kein Thema, jedenfalls betont sie das in ihren Publikationen öfters und hat verleumderische Attacken ihrer früheren Anhängerin Schäfer (z.B. dass Göttner-Abendroth "Menschenopfer glorifiziert") entschieden zurückgewiesen.

    Ein Blick auf Martina Schäfers Background (engagiertes Mitglied und Sektenbeauftragte der "Schweizerischen Evangelischen Kirche") wirft natürlich die Frage nach den Motiven für Schäfers unsachliche Polemik auf, die vielleicht weniger wissenschaftlicher als weltanschaulicher Natur sind.
     
  10. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Die Folgerungen dieser Untersuchungen sind nicht ganz unbestritten. So sind z.B. die Sprachwissenschaftler Theo Vennemann und Harald Haarmann der Meinung, dass zahlreiche Berg- und Gewässernamen nicht- bzw. vorindoeuropäischen Ursprungs sind.

    "Der deutsche Linguist Theo Vennemann vermutet, dass die Gewässernamen nicht indoeuropäisch seien, sondern aus Sprachen stammten, die mit einer baskischen Sprachgruppe verwandt wären (Vaskonische Hypothese).[4] Auch diese Hypothese findet Anlass zu weiteren Diskussionen." Alteuropäische Hydronymie ? Wikipedia

    Das würde dann bedeuten, dass indoeuropäische Sprachträger nicht autochthone Mitteleuropäer waren, sondern zugewandert sind.

    Was genetische Mutationen mit der Ausbreitung der Indoeuropäer zu tun haben, will mir nicht ganz einleuchten.

    Auf jeden Fall gibt es in Europa gute Hinweise auf eine nichtindoeuropäische Bevölkerung, die zeitweise noch in antiker Zeit existent war. So z.B. die altmediterrane Bevölkerungsschicht der Etrusker, Ligurer, Paläosarden, Sikaner, Iberer, Minoer, Hattier, vielleicht auch die legendären Pelasger in Altgriechenland. Nicht zuletzt sind hier die Basken zu nennen, die ebenfalls als Rest einer vorindoeuropäischen Bevölkerung zu deuten sind, die nach Meinung von Theo Vennemann einst einen erheblich größeren Siedlungsraum besetzt hatte.

    Ob die Schnurkeramik die Leitkultur einer neuen Einwanderungsgruppe in Form der Indoeuropäer ist, ist sehr umstritten. Auf jeden Fall gibt es einen kulturellen Bruch, der u.a. sehr gut an der Grabkultur sichtbar wird. Die Kollektivbegräbnisse in Form der Megalithbauten verschwinden mit Einbruch der Schnurkeramik fast schlagartig und weichen einer Einzelgrabkultur, deren Menschen ihre Toten einzeln unter Grabhügeln bestatten. Ob das nun mit dem Einbruch neuer indoeuropäischer Bevölkerungsgruppen zu erklären ist, ist strittig.

    Marija Gimbutas war keine Matriarchatsforscherin, sondern in erster Linie eine hochdekorierte Archäologin, Prähistorikerin und Anthropologin, die jahrzehntelang Ausgrabungsprojekte in Griechenland, Jugoslawien und Italien leitete. Obwohl sie eine matrilineare Tendenz neolithischer Gesellschaften in Europa postuliert, ist sie dennoch keine Matriarchatsforscherin und weit entfernt vom unwissenschaftlichen Hintergrund einer Heide Goettner-Abendroth.

    Allerdings vertritt nicht nur die verstorbene Marija Gimbutas die Kurgan-Theorie, nach der indoeuropäische Gruppen aus Südrussland nach Europa migrierten, sondern auch andere Archäologen und Sprachwissenschaftler. So z.B. in neuerer Zeit der US-Amerikaner David Anthony mit folgenden in der Forschung beachteten Publikationen:

    - David Anthony: The Kurgan culture. Indo-european origins and the domestication of the horse, a reconsideration. in. Current Anthropology. University of Chicago, Chicago Illinois, 27.1986, S. 291–313. ISSN 0011-3204

    - David Anthony, Dorcas Brown: The origins of horseback riding. in: Antiquity. Oxford University Press, Oxford 65.1991

    - David Anthony: The Horse, the Wheel, and Language: How Bronze-Age Riders from the Eurasian Steppes Shaped the Modern World. Princeton University Press, Princeton 2007

    Ferner der Sprachwissenschaftler Harald Haarmann in:

    Die Indoeuropäer - Herkunft, Sprachen, Kulturen. C.H. Beck Wissen, Band 2706, München 2010
     
  11. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Wobei Vennemanns Hypothesen zu zentraleuropäischen Toponymen von Indogermanisten, Semitisten und Baskologen mehrheitlich abgelehnt werden.
     
  12. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Es ist immerhin eine Minderheitsmeinung, die man in diesem Zusammenhang erwähnen sollte.
     
  13. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Schon richtig. Aber es ist ja eben so, dass Vennemann für's Baskische und für's Semitische, also für die waskonische und die atlantische Hypothese die fachlichen Kompetenzen fehlen.

    Kritik an Vennemann seitens der Indogermanistik: Viele der Orte, die er als vorindoeuropäisch klassifiziert, weil er Parallelen aus dem Semitischen oder dem Baskischen zieht, lassen sich ganz zwanglos indoeuropäisch erklären.

    Kritik an Vennemann seitens der Baskologie: Vennemann legt seinen angeblich waskonischen Toponymen das aktuelle baskische Lexikon zugrunde, ignoriert die interne Entwicklung des baskischen und dass dieselben Toponyme bzw. onomastischen Morpheme im belegt baskischen Sprachraum so gut wie gar nicht auftauchen.

    Kritik an Vennemann seitens der Semitistik: Vennemanns atlantidische Hypothese setzt eine Entlehnung in Zeiten vor der Trennung von semitischen und hamitischen Sprachen voraus. Gleichzeitig verwendet er verschiedene semitische und hamitische Lexika parallel, um Worte/Toponyme mal aus dem Hebräischen mal aus dem Akkadischen, mal aus einer hamitischen Sprache zu erklären. Und zwar nach dem jeweiligen Sprachstand, nicht nach dem hypothetischen Sprachstand zum Zeitpunkt der Entlehnung.
     
  14. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Zitierst Du hier Haarmann, der wiederum Anthony zitiert?

    Die Migration spielt bei Anthony eine marginale Rolle, er geht vielmehr von vernachlässigen Wanderungsbewegungen aus, und beschreibt einen Ideentransport und - plakativ - ein "Franchise-System" mit Übernahme in Generationen, in denen sich die "genetic footprints" der Ideenlieferanten bereits verflüchtigt haben

    „It is not likely that the initial spread of the Proto-Indo-European dialects into regions outside the Pontic-Caspian steppes was caused primarily by an organized invasion or a series of military conquests. As I suggested in chapter 14, the initial spread of Proto-Indo-European dialects probably was more like a franchising operation than an invasion. At least a few steppe chiefs must have moved into each new region, and their initial arrival might well have been accompanied by cattle raiding and violence. But equally important to their ultimate success were the advantages they enjoyed in institutions (patron-client systems and guest-host agreements that incorporated outsiders as individuals with rights and protections) and perhaps in the public performances associated with Indo-European rituals. Their social system was maintained by myths, rituals, and institutions that were adopted by others, along with the poetic language that conveyed their prayers to the gods and ancestors. Long after the genetic imprint of the original immigrant chiefs faded away, the system of alliances, obligations, myths, and rituals that they introduced was still being passed on from generation to generation. Ultimately the last remnant of this inheritance is the expanding echo of a once-shared language that survives as the Indo-European language family."

    Bezieht sich Haarmann hier auf Anthony?
     
  15. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Ein zentraler Einwand der Migrationsgegner lautet, dass die Expansion großer Bevölkerungsgruppen angesichts der dünnen Besiedlung Südrusslands nicht vorstellbar ist. Diesen Einwand haben Befürworter wie Anthony aufgenommen und das Konzept der Marija Gimbutas modifiziert. Statt großer "Menschenhorden" muss man sich danach ein allmähliches Einsickern indoeuropäischer Sprachträger in mehreren Wellen vorstellen, die keineswgs flächendeckend waren. Nachdem Indoeuropäer in einigen Gebieten ihre Sprache und Teile ihrer Kultur durchgesetzt hatten, wurden auch andere ethnische Gruppen "indoeuropäisiert". Man könnte also von einer sekundären Indoeuropäisierung sprechen.

    So breitete sich ein indoeuropäischer Formenkreis großräumig aus, ohne dass indessen überall ethnisch originäre Indoeuropäer am Werk waren.
     
    Zuletzt bearbeitet: 26. Januar 2015
  16. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Kern des Konzeptes von Gimbutas war die "Invasionstheorie".

    Hierzu Anthony:
    "During the 1980s Gimbutas’s scenario of massive “Kurgan-culture” invasions into eastern and central Europe was largely discredited, notably by the German archaeologist A. Häusler."

    [Zitat nach David W. Anthony. „The Horse, the Wheel, and Language: How Bronze-Age Riders From the Eurasian Steppes Shaped the Modern World.]

    Das wird von Anthony nicht modifiziert, sondern verworfen. Eingedampft und übrig blieb lediglich der auch von anderen als Gimbutas vermutete "Ausgangsort". Das mag ja Haarmann umbiegen zu: "modifizieren".

    Ist das also ein sekundäres Anthony-Zitat von Haarmann?
     
  17. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Du sagst mit anderen Worten dasselbe, wie ich oben. Von einer Masseneinwanderung gleich einer Hunneninvasion ist man längst abgekommen. Vielmehr wird ein allmähliches Einsickern indoeuropäischer Sprachträger angenommen, wobei als Ausgangspunkt wie auch bei der Gimbutas oder Haarnann die Steppenzone Südrusslands vermutet wird. Sprachen und Kultur wurden im Rahmen eines Transfers weitergegeben, wobei indoeuropäisierte Gruppen Stationen waren.
     
  18. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Einerseits schreibt Anthony in "The Horse, the Wheel, and Language", S. 369-370:

    (alle Hervorhebungen in diesem Beitrag von mir)

    There was no Indo-European invasion of Europe. The spread of the Usatovo dialect up the Dniester valley, if it happened as I have suggested, was quite different from the Yamnaya migration into the Danube valley. But even that migration was not a coordinated military invasion (was Gimbutas aber nie behauptet hat, siehe ganz unten). Instead, a succession of Pontic steppe tribal segments fissioned from their home clans and moved toward what they perceived as places with good pastures and opportunities for acquiring clients. The migrating Yamnaya chiefs then organized islands of authority and used their ritual and political institutions to establish control over the lands they appropriated for their herds, which required granting legal status to the local populations nearby, under patron-client contracts.

    Andererseits finden sich, siehe unten, viele Passagen, welche den ausgesprochen kriegerischen Aspekt der Usatovo-Kultur im Zusammenhang mit Migration und Landnahme betonen. Meine Frage: Ist das wirklich eine "Eindampfung" der Gimbutas´schen These (die allerdings nicht so krass ist wie oft angenommen, siehe ganz unten), oder versucht Anthony nur (Gimbutas´ Ansatz lediglich euphemistisch modifizierend), die kriegerische Natur der Einwanderungen herunterzuspielen durch Formulierungen wie "opportunities acquiring clients" und "organized islands of authority"?

    S.271

    The Usatovo culture was led by a warrior aristocracy centered on the lower Dniester estuary that probably regarded Tripolye agricultural townspeople as tribute-paying clients, and that might have begun to engage in sea trade along the coast.

    S. 342 (es geht um die Reiterkrieger der "Pontic-Caspian steppe societies" (S. 341):

    Second, they could advance to and retreat from raids faster than pedestrian warriors. Riders could show up unexpectedly, dismount and attack people in their fields, run back to their horses and get away quickly. The decline in the economic importance of cultivation across Europe after 3300 BCE occurred in a social setting of increased levels of warfare almost everywhere. Riding probably added to the general increase in insecurity, making riding more necessary, and expanding the market for horses.

    S. 343

    All these factors taken together suggest that the spread of Proto-Indo-European probably (sic!!) was more like a franchising operation than an invasion. Although the initial penetration of a new region (or "market" in the franchising metaphor) often involved an actual migration from the steppes and military confrontations, once it began to reproduce new patron-client agreements (franchises) its connection to the original steppe immigrants became genetically remote, (...)


    S. 344

    It is fairly clear from the archaeological evidence that the steppe aspect of the integrated culture had separate origins and stood in a position of military dominance over the upland farmers, a situation that would have encouraged the spread of the steppe language into the uplands.


    S. 355

    Patrons and Clients: Graves of the Warrior Chiefs at Usatovo

    S. 364

    (...) and the Proto-Indo-European initiation ritual that sent all young men out raiding.

    The institution of the Mannerbunde or korios, the warrior brotherhood of young men bound by oath to one another and to their ancestors during a ritually mandated raid, has been reconstructed as a central part of Proto- Indo-European initiation rituals.


    Zu Gimbutas angeblicher Massen-Invasions-Theorie:

    (von Joan Marler, frühere enge Mitarbeiterin von Gimbutas)

    Belili: The Myth of Universal Patriarchy: A Critical Response to Cynthia Eller's Myth of Matriarchal Prehistory

    The peoples from north of the Black Sea (Proto-Indo-European speakers whom Gimbutas named Kurgans) who began entering Europe after 4400 BC lived in small bands and, Gimbutas writes, "their encroachment on Old Europe cannot be thought of as an organized, massive invasion of the type we know from historical times."
     
    Zuletzt bearbeitet: 26. Januar 2015
  19. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Ich habe die Vermutung, als wollte Anthony zunächst dem Eindruck entgegentreten, Horden von Indoeuropäern seien in einer Masseninvasion über Europa hergefallen. Marija Gimbutas hat diese Vorstellung anscheinend zuweilen erweckt, wodurch ihre Indoeuropäer-Hypothese bei einigen Wissenschaftlern diskreditiert wurde.

    Anthony hat das ein wenig modifiziert. Er geht wie auch die Gimbutas von einem südrussischen Ursprungsraum aus, vermutet aber ein allmähliches Einsickern indoeuropäischer Gruppen nicht allzu großen Ausmaßes. Er scheint eher einem Elitetransfer das Wort zu reden, d.h. einige Clan- oder "Kriegsherren" gewannen die Oberhand aufgrund besserer Bewaffnung und einer durch das Pferd bedingten größeren Mobilität. Von da aus entwickelte sich nach Anthony ein Kulturtransfer, d.h. ursprünglich nichtindoeuropäische Stämme wurden indoeuropäisiert und gaben indoeuropäische Sprachen und Kulturen weiter.

    So entstand ein indoeuropäischer Formenkreis, ohne dass indes überall "Ur-Indoeurpäer" involviert waren.
     
  20. Heine

    Heine Aktives Mitglied

    Genetiker um David Reich gehen von einer (Massen-) Migration indoeuropäischer Sprachträger, die sie mit der archäologischen Kultur der Schnurkeramiker identifizieren, nach Mitteleuropa aus.

    Fachbereich Geowissenschaften der Eberhard Karls Universität Tübingen

    Die dazugehörige Veröffentlichung in einer Fachzeitschrift dürfte spannend werden. Einige Veröffentlichungen genetischer Untersuchungen in diese Richtung wurden in diesem Thread bereits verlinkt.
     
    Zuletzt bearbeitet: 26. Januar 2015

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