Indogermanen, Konstrukt oder Wirklichkeit?

Dieses Thema im Forum "Frühzeit des Menschen" wurde erstellt von DerGeist, 18. April 2008.

  1. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Woher willst du das wissen?

    Mit Beginn der Schnurkeramik kam es zu einem verhältnismäßig raschen Wechsel der Begräbnissitten. Die Bestattung in kollektiven Megalithgräbern wurde aufgegeben und ersetzt durch die Bestattung in Einzelgräbern, über die meist ein kleiner Erdhügel aufgeworfen wurde. Einige sehen in dieser Einzelgrabkultur den Hinweis auf eine neu eungewanderte Bevölkerungsschicht, die die Megalithbauern überformte und ihre eigene Kultur durchsetzte.

    Nein, natürlich gibt es keinen solchen Beweis, weswegen die Kurgan-Hypothese eben eine Hypothese ist. Festgemacht wurde sie von Marija Gimbutas an den so genannten "Kurgan-Hügeln", die von der kaspisch-pontischen Steppe bis zu den schnurkeramischen Kulturen in Mitteleururopa verbreitet sind. Ferner an gesellschaftlichen, sozialen und religiösen Strukturen, die Gimbutas und ihre Verfechter als "typisch indogermanisch" ansehen, wobei sie sich auf den Sprachschatz der hypothetisch erschlossenen Grund(Ur)sprache stützen.

    Nach Hans Krahe und seiner Alteuropäischen Hydronomie sind die europäischen Gewässernamen "urindogermanisch" und bilden die tiefste Sprachschicht. Das würde für eine autochthone europäische Herkunft der PIE sprechen. Allerdings gibt es auch Gegenstimmen.

    "Bis heute existiert kein Konsens über das Alter und die Herkunft der Namen; es wird sogar bezweifelt, dass sie überhaupt einer einheitlichen Sprachfamilie entstammen und die Ähnlichkeiten nicht auf Zufall beruhen. Das grundsätzliche Problem besteht darin, dass die ursprünglichen Bedeutungen der Namen unbekannt sind und daher die Bedeutungsseite der Wortgleichungen fehlt."
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Das Problem bei Krahe ist doch, dass er jeden Ortsnamen irgendwie mit einem Sumpf oder Fließgewässer verbinden wollte. Das wurde schon zu seinen Lebzeiten verworfen.
     
  3. Peppermint Pig

    Peppermint Pig Mitglied

    Siehe meine Links. Wenn du inhaltlich anderer Meinung bist, wäre es schön, wenn du auf die entsprechenden Stellen eingehst.
    Schon vor der Nutzung von DNA, gab es etliche anthropologische Forschungen, z.B. Ilse Schwidetzky, die dies nahe legen.
    Das kann ich auch. Es ist mir kein Archäologe, weder in Deutschland noch in Dänemark bekannt, der dies mit großer Einwanderung verbindet.
     
  4. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    In Verbindung mit der Schnurkeramik und ihren Einzelgräbern wird von einigen Wissenschaftlern die Einwanderung einer neuen Bevölkerungsgruppe vermutet:

    "Einige Forscher nehmen eine autochthone Entwicklung und gesellschaftliche Veränderungen an (Ausbildung eines neuen Prestigegütersystems, vgl. Sherratt 1977), während andere eine Einwanderung aus dem Osten favorisieren.[1] Derzeit liegen die frühesten Datierungen schnurkeramischer Gräber mit dem 29. Jh. aus Kleinpolen vor.[1] Zur Festlegung eines Ursprungsgebietes fehlen vor allem noch verlässliche Arbeiten aus Osteuropa [...]
    Diskutiert wird hingegen, ob die Schnurkeramiker die älteste Einwanderergruppe der indogermanischen Sprachfamilie in Mitteleuropa darstellen."

    Schnurkeramik ? Wikipedia
     
  5. Peppermint Pig

    Peppermint Pig Mitglied

    Diese Arbeit hatte ich verlinkt und was lesen wir da?
    "Ein Ost-West Gefälle im frühesten Auftreten der keramischen Typen sowie Hinweise auf eine keramiklose Phase am Beginn der westlichen Schnurkeramik deuten eher auf die Ausbreitung dieser Kulturerscheinung infolge weiträumig wirksamer Kommunikation als auf eine Einwanderung."
     
  6. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Das mag Anthony so lange erklären wie er will. Tatsache ist, das Marija Gimbutas wie auch Anthony davon sprechen, dass viehzüchtende Steppennomaden der Jamnaja-Kultur aus den kaspisch-pontischen Steppen nach Westen abwanderten. Ich sehe da zwischen beiden Archäologen nicht den geringsten Unterschied.

    Gimbutas erklärt, warum sie "Kurgan" und "Jamnaja" synonym verwendet indem sie darauf hinweist, dass "Yamna" die Bedeutung "Grube" hat und die Gräber der Ockergrab- und Grubengrabkultur oft von Erdhügeln bedeckt sind.

    Ich sehe nicht, wo Gimbutas einen "volksbezogenen" Kurganbegriff verwendet. Sie spricht in ihren Publikationen von "viehzüchtenden Steppennomaden", was auch Anthony nicht anders postuliert. Was sich im einzelnen dahinter verbirgt, bleibt offen. Außer der Feststellung, dass es sich um Proto-Indoeuropäer handelt. Was auch sonst? Schließlich waren es keine Phantome, die sich durch die Lande bewegten.

    Nichts anderes hat die Gimbutas stets postuliert:

    "Die Eroberer waren mobile kriegerische Indogermanen, welche ich - aus Gründen terminologischer Vereinfachungen - "Kurgan-Leute" nenne. Die Kurgan-Leue drangen zwischen 4500 und 2500 in drei mächtigen Wellen (!) in das kupferzeitliche Europa ein. Die ungefähren Daten, basierend auf kalibrierter Radiokarbon-Chronologie, sind: 1. Welle, ca. 4400 - 4300; 2. Welle, ca. 3500 - 3400; 3. Welle, 3000 - 2900. Jede einzelne Welle hatte "kurganisierende" Wirkung auf die einheimische Bevölkerung, welche sich in einem beträchtlichen Kulturwandel niederschlus. Dieser Transformationsprozess ist gleichbedeutend mit dem Begriff "Indogermanisierung".
    (Marija Gimbutas, Die Ethnogenese der europäischen Indogermanen, Innsbrucker Beiträge zur Sprachwissenschaft, Heft 54, Innsbruck 1992, S. 6)

    Ich kann nicht erkennen, wie dieses Szanario entscheidend von dem abweicht, was die besagte Studie verkündet.

    Das wird natürlich die langjährigen Gegner der Gimbutas nicht davon abhalten, Unterschiede zu sehen, wo de facto keine sind. :rofl:
     
  7. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Ich habe mit den Verlinkunegn deutlich machen wollen. dass es durchaus unterschiedliche Auffassungen der Forschung zu diesem Problem gibt. Im verlinkten Artikel steht eben auch: "Diskutiert wird hingegen, ob die Schnurkeramiker die älteste Einwanderergruppe der indogermanischen Sprachfamilie in Mitteleuropa darstellen."

    Diese Meinung wird also durchaus vertreten und natürlich auch bestritten.
     
  8. Peppermint Pig

    Peppermint Pig Mitglied

    Zuletzt bearbeitet: 16. Februar 2015
  9. Heine

    Heine Aktives Mitglied

    Du wischst die Ergebnisse von Haak et al einfach so beiseite und stellst deine Meinung als definitiv dar. Hast du dir diese aktuelle Veröffentlichung einer Reihe von namhaften Wissenschaftlern überhaupt angesehen, ihre Forschungsergebnisse zur Kenntnis genommen und ihre Argumentation nachvollzogen?

    Bei Gelegenheit bringe ich hier gern etwas aus dieser Veröffentlichung, aber Lesen, Verstehen, Übersetzen und Zusammenfassen kosten rare Zeit.

    Im Übrigen wies Silesia bereits auf die "Erholung" der älteren genetischen Anteile in den der Schnurkeramik folgenden Kulturen hin. Diese Tatsache bedarf jedoch der näheren Untersuchung und Interpretation.

    P.S. Vergleiche die Autoren der von dir verlinkten Veröffentlichung zur mitteleuropäischen mtDNA von 2013 und der aktuellen Haak et al - Veröffentlichung. Du wirst Übereinstimmungen entdecken ;-)

    Das spräche dafür, dass die ältesten überlieferten mittel- und osteuropäischen Toponyme von Menschen geprägt wurden, die einen voreinzelsprachlichen indoeuropäischen Dialekt sprachen. Es spricht nicht gegen eine Einwanderung indoeuropäischer Sprachträger, die mit der Ausbreitung der schnurkeramischen Kultur erfolgt sein könnte.

    Die ältesten Funde von R1a und R1b stammen von osteuropäischen Jägern und Sammlern. Alle 7 untersuchten männlichen Yamnaya-Skelette wiesen die heute in Westeuropa verbreitete Untergruppe M269 der Haplogruppe R1b auf.


     
    Zuletzt bearbeitet: 16. Februar 2015
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  10. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Ja, das ist schon ein Kreuz mit den exakten Abgrenzungen. Voraussetzung ist erstmal, diese Entwicklung der letzten 15 Jahre nachzulesen. Auf die neuere Literatur hattest Du zwar verwiesen, (#372) ...

    das aber offensichtlich nicht nachvollzogen (da die mehrfachen Nachfragen beantwortet blieben, waren das wohl Blindzitate). Damit Anthony nachvollziehbar ist, kann man zwar grob hierauf verweisen, ...
    Kurgan hypothesis - Wikipedia, the free encyclopedia

    das ist aber Wikipedia-spezifisch nur holzschnittartig.

    Etwas ausführlicher das Orginalzitat, mit Verweis auf die umfangreichen Ausführungen in den entsprechenden Kapiteln bei Anthony (der unbedingt neben der hier jetzt diskutierten neusten genetischen Studie, an der er als Co-Autor beteiligt war, gelesen werden sollte). Den Kern habe ich der besseren Übersicht halber unterstrichen, und dann werden auch die Unterschiede wohl klarer:

    Damit sollten die Unterschiede glasklar werden, und der Unterschied ist leicht verständlich. Zu den 5 unter dem hier verwendeten Yamnaja-Begriff (bzw. Horizont) geographisch und zeitlich einzuordnenden Kulturen (#526), von denen Anthony die Mariopol-Kultur ausgrenzt, weswegen für die PIE-Diskussion die 4 anderen und die "Post-Mariupol" verbleiben:
    Mit Gimbutas hat das soviel zu tun, als wenn man die spezifizierten Kulturen gleich als "Osteuropäer" über 2 Jahrtausende einsortiert, und die konträre Anatolien-These diffus unter "Asiaten" fassen würde. Immerhin kann man ihr konstatieren, den Begriff Kurgan (der Rettungsanker für die Anhänger der sonstigen ideologisch aufgeladenen Teile von Gimbutas Hypothesen: "AHA, Kurgan!") durchgesetzt zu haben, auch wenn darunter nunmehr in der homeland-Diskussion die oben definierte Yamnaja-Eingrenzung verstanden wird.

    Auch das ist natürlich nicht alles. Weitere Unterschiede (neben der Horizont-bezogenen Abgrenzung der exakten Verwendung von Yamna auf die 5 lokalen Kulturen) ergeben sich in der so genannten "Kurgan"-Diskussion, die nunmehr auch genetisch auf den "Yamna-Horizon" eingedampft wurde, aus dem Gegensatz zwischen den "Invasionisten" und "Diffusionisten" bzgl. der Ausbreitungshypothese (wie diese Migration von statten ging).

    Gimbutas gehört bekanntlich - abgesehen von ihrem breiten und zu weiten, daher unbrauchbaren und verworfenen Kurgan-Begriff den so genannten Invasionisten an, als Vertreterin der These kriegerischer Einfälle, ganz abgesehen von dem rein hypothetischen Göttermutter-Käse.

    Da in der Antwort nichts mehr kam (ähnlich wie bei den mehrfachen Nachfragen zu Deinem Verständnis von Anthony), ist das hier (#543 bezogen auf #532) wohl auch erledigt:
     
    Zuletzt bearbeitet: 17. Februar 2015
  11. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Du hast Anthony mehrfach falsch interpretiert, denn er ist durchaus ein Vertreter der Invasionisten, auch wenn er das leicht vebrämt. Die Urheimat der PIE verortet er in den pontisch-kaukasischen Steppen. So sagt er in
    The Horse, the Wheel, and Language, 99:

    All these requirements would be met by a Proto-Indo-European homeland placed west of the Ural Mountains, between the Urals and the Caucasus, in the steppes of eastern Ukraine and Russia. The internal coherence of reconstructed Proto-Indo-European — the absence of evidence for radical internal variation in grammar and phonology — indicates that the period of language history it reflects was less than two thousand years, probably less than one thousand. The heart of the Proto-Indo-European period probably fell between 4000 and 3000 BCE, with an early phase that might go back to 4500 BCE and a late phase that ended by 2500 BCE. Das ist doch nun eine ganz eindeutige Aussage Anthonys zum "Homeland" der Proto-Indoeuropäer, nämlich "between the Urals and the Caucasus, in the steppes of eastern Ukraine and Russia."

    Noch eindeutiger geht's doch gar nicht.

    Damit untermauert Anthony die Hypothese der Gimbutas, wonach die Immigration der Proto-Indoeuropäer nach Alteuropa von den pontisch-kaspischen Steppen westlich des Urals ausging. Ferner sagt Anthony, dass es diese ersten PIE-Populationen waren, die ab 4200 v. Chr. die ersten Kurgane in den Steppen errichteten und vor allem Stammes- oder Clanoberhäuptern reichlich Waffen und Geräte mit ins Grab gaben. Nach Anthony drangen diese bewaffneten PIE-Rinderzüchter ab etwa 4200 v. Chr. zunächst ins Donaudelta auf der Suche nach Weifeland für ihre Rinderherden.

    Mit der Einführung des Wagens und der Domestizierung des Pferdes machten sich ab etwa 3300 v. Chr. größere Gruppen von Proto-Indoeuropäern auf den Weg ins Innere Europas, die kulturell zum Jamnaja-Horizont gehörten. Damit identifiziert sich David Anthony mit der Hypothese von Marija Gimbutas, die ebenfalls die Jamnaja-Kultur als Urheimat der Indoeuropäer und ihrer Kurgankultur ansah.

    Wiki sagt dazu:

    "Marija Gimbutas identifizierte die Jamnaja-Kultur in ihrer Kurgan-Hypothese als Kandidaten für die Urheimat der indogermanischen Sprachen, zusammen mit der davor liegenden Sredny-Stog-Kultur am mittleren Dnepr und der Chwalynsk-Kultur an der mittleren Wolga. Dieser Auffassung folgt David W. Antony (z. B. [5], passim) mit u. a. z. B. dem Argument der linguistisch bewiesenen langdauernden Kontakte der indogermanischen mit den uralischen Sprachen von den frühesten Stadien an."

    Die Kurgan-Leute sind schwer bewaffnet, haben mit Pferden bespannte Wagen für ihre Habseligkeiten oder schnelle zweirädrige Karren - "battle carts" (Anthony) -, die sie als Streitwagen einsetzen. Wie die Sumerer waren auch die Indo-Europäer, die mit ihren von Pferde gezogenen Kampf-Wagen nach Europa eindrangen eine , "stark bewaffnete Militärmacht" (S. 356, 358 ), charakterisiert von Anthony als "Military power, warriors, warrior-brotherhoods, geführt von einer warrior-aristocracy und warrior-chiefs (S. 259 f., 264, 342, 344, 349, 355, 357, 359, 364, 365), chiefs with formally instituded warrior-bands, who drove wagons. (15 f.).

    Auf Seite 369 sagt Anthony: "There was no Indoeuropaen Invasion of Europe". Das ist zunächst eine erstaunliche Feststellung, die unser Fachmann Silesia oben auch weidlich herausstellte. Anthony schränkt sogleich aber massiv ein indem er sagt: "The Migration was not a COORDINATED militäry Invasion." (S. 369).

    Nochmals: Die Gimbutas postuliert die Einwanderung viehzüchtender Steppennomaden aus der kaspisch-pontischen Steppe Richtung Westen. Das ist der Kern ihrer Hypothese. Nichts anderes postuliert die o.a. Studie - und nichts anderes sagt auch Herr Anthony.
     
    Zuletzt bearbeitet: 17. Februar 2015
  12. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Wer sollte bezüglich Anthonys Hypothese hier anderes behauptet haben?
    Um das Scheingefecht abzukürzen, nochmal zum Nachlesen:
    Bzgl. Homeland-Debatte ging es hier lediglich um den postulierten Unsinn, dass Gimbutas "Kurgan-Kultur" mit den neueren Forschungen und dem von von Anthony klar abgegrenzten Yamnaja-Horizont identisch sei. Zur Erinnerung:
    Die Gleichsetzung ist Unsinn, statt Wiederholung und zur Abgrenzung siehe oben #526, 553.


    Das ist ebenfalls Unsinn, und offenbar durch Verwirrung oder Unkenntnis über die Abgrenzung von Invasionisten und Diffusionisten verursacht. Um den Stand der Forschung mal kurz zu skizzieren:

    1. Invasionisten:
    Diese sehen den Kern übereinstimmend mit Gimbutas in einer militärischen Konfrontation und einem "Sieg" der männerdominierten, waffentechnisch überlegenen Steppekrieger, verbunden mit dem Kollaps der europäischen eneolithischen Kulturen:
    2. Diffusionisten, die auf das neutrale "Verbreitung" abstellen:
    a) cultural diffusion: so zB das elite dominance-Modell (mit Mischung zu 2b) oder Anthonys "franchise" Modell
    b) demic diffusion: Migration von Menschen, relativ zur vorherigen Besiedlung wenig oder viel (auf kriegerische Handlungen kommt es überhaupt nicht an. Diese werden als Randerscheinung ebenso wenig ausgeschlossen, Kern ist keine "gewalttätige" Beseitigung der alten Kultur durch eine "Kriegergesellschaft". Anthony hat sich zunächst bei a) positioniert, nach der Neupublikation sehe ich das als Mischung von 2a und 2b

    Die Sortierung der Hypothesen hat nach Mallorys inzwischen angestaubten Werk: In Search of the Indo-Europeans: Language, Archaeology, and Myth, 1991 ergeben.
    Verkürzt hier:
    Kurgan hypothesis - Wikipedia, the free encyclopedia
    Der Textschnipsel sollte jetzt besser und ohne unnötige Verrenkung zu verstehen sein:
    *nämlich die demic diffusion in der Mischung mit cultural diffusion und franchise-Übernahme-Modell (oder nach anderen Hypothesen zB: elite dominace)
     
  13. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Ein Wort noch(mals) zu David W. Anthonys unlogischer Darstellung der Art und Weise, wie die in Alteuropa eindringenden Steppen-Hirten von Land und Leuten Besitz ergriffen. Ich kann Dieter in diesem Punkt nur Recht geben.

    Ich hatte auf die Unlogik schon in meinem vor 2 oder 3 Wochen geposteten Beitrag mit den vielen Warrior-Zitaten hingewiesen und auch eine längere Anthony-Passage zitiert, welche die Gewalttaten der Einwanderer rhetorisch zu verharmlosen versucht (z.B. "acquiring clients"). In einem mir widersprechenden Beitrag deinerseits wurde daraufhin u.a. diese längere Passage nochmals zitiert (als stünde sie nicht schon in meinem vorausgehenden Beitrag) und als Gegenargument angeführt. Dabei hatte ich zu dieser Passage doch bereits Stellung genommen und sie - in rhetorischer Frageform - als ein verharmlosendes "Herunterspielen" der unverkennbar kriegerischen Natur der Immigrationen bezeichnet.

    Ich will das hier nochmals erläutern.

    (The Horse, the Wheel, and Language, 369-70)

    There was no Indo-European invasion of Europe. The spread of the Usatovo dialect up the Dniester valley, if it happened as I have suggested, was quite different from the Yamnaya migration into the Danube valley. But even that migration was not a coordinated military invasion.

    Anthony behauptet also, es habe keine indoeuropäische Invasion gegeben. Damit will er Gimbutas widersprechen. Man fragt sich, was er in diesem Zusammenhang unter einer Invasion versteht. Die Antwort lautet: eine koordinierte militärische Invasion ("a coordinated military invasion"). Dadurch, dass er diese verneint ("was not a..."), unterstellt er Gimbutas, eine solche behauptet zu haben. Das ist aber nicht der Fall. Gimbutas verwendet für die IE-Immigrationen regulär den Ausdruck "intrusion" (ein unerlaubtes Eindringen), der sich mit "invade" zwar teilweise deckt, aber nicht dessen planmäßigen und gezielten, also "koordinierten" Aspekt hat. Gimbutas hat nie behauptet, die Einfälle der IE wären "koordiniert" gewesen.

    Damit ist Anthonys gegen Gimbutas gerichteter Einwand, es habe nie eine IE "Invasion" gegeben, schon erledigt, da er darunter eine koordinierte Invasion versteht. Was aber ist wirklich geschehen?

    Anthony behauptet:

    (370)
    Instead, a succession of Pontic steppe tribal segments fissioned from their home clans and moved toward what they perceived as places with good pastures and opportunities for acquiring clients.

    Das klingt nach moderner Kundenakquirierung. Rinderzüchtende Warlords mit Aktentasche und Krawatte?

    (370)
    The migrating Yamnaya chiefs then organized islands of authority and used their ritual and political institutions to establish control over the lands they appropriated for their herds which required granting legal status to the local populations nearby, under patron-client contracts.

    Die Yamnaya-Chiefs "organisierten" (= deutscher Gaunerjargon für: Stehlen) also "Inseln der Autorität", was bedeuten soll, dass sie sich Territorien aneigneten, auf denen nur sie, und nicht die ansässigen Alteuropäer, das Sagen hat. Dass diese Aneignung nur gewaltsam geschehen sein kann, liegt ja wohl auf der Hand und wird von Anthony a.a.O. auch bestätigt. Er bleibt zunächst in der modernen (und anachronistischen) Business-Sprache, wenn er bilanziert:

    (343)
    All these factors taken together suggest that the spread of Proto-Indo-European probably was more like a franchising operation than an invasion.

    Diese Formulierung sollte man sich genauer ansehen:

    1) Es ist eine Wahrscheinlichkeitsbehauptung ("probably"), also keine bestimmte Aussage. Sie könnte genauso gut auch falsch sein.

    2) Im Grunde bedeutet die Aussage folgendes:

    Die IE-Migration war - wahrscheinlich - in gewisser Weise eine Invasion, in anderer Weise - und das in höherem Maße - aber auch eine Franchising-Operation.

    Für meine Begriffe ist das eine fast inhaltsleere Aussage.

    Hinzu kommt, und das ist entscheidend, dass Anthony selbst die Modalitäten des "Franchisings" als ausnehmend kriegerische Modalitäten schildert. Dazu nochmals einige Zitate:

    (343)
    Although the initial penetration of a new region (or "market" in the franchising metaphor) often involved an actual migration from the steppes and military confrontations, once it began to reproduce new patron-client-agreements (franchises) its connection to the original steppe immigrants became genetically remote...

    "Oft" begannen die Einfälle in eine neue Region also als "militärische Konfrontation". Erst dann entwickelte sich ein "neues Patron-Klient"-Verhältnis (in Anthony´scher Terminologie: ein "agreement"). Wie man hier von einem "agreement" sprechen kann, was doch eine zwangloses Verhältnis voraussetzt, ist mir unverständlich. Besagtes Patron-Klient-Verhältnis ist nichts anderes als die militärisch erzwungene Pflicht der Unterworfenen, den Eroberern Tribut zu zahlen, d.h. die AE Bauern durften weiterhin ihr Land bestellen, sofern sie Abgaben an die IE Eroberer entrichteten. Mit einem "agreement" hat das so wenig zu tun wie eine erpresste Geldzahlung mit einem Geschenk.

    Abschließend nur noch zwei Feststellungen Anthonys über das vom Krieg gebeutelte Alteuropa:

    Die PIE Sprache breitete sich "während dieser Ära des Krieges" im südöstlichen Europa aus:

    (259)
    An archaic Proto-Indo-European language, probably ancestral to Anatolian, spread into southeastern Europe during this era of warfare, dislocation, migration, and economic change, around 4200-3900 BCE.

    Der Niedergang des Ackerbaus in ganz Europa nach 3300 BCE war eine Folge der fast überall zunehmenden Kriege:

    (342)
    The decline in the economic importance of cultivation across Europe after 3300 BCE occurred in a social setting of increased levels of warfare almost everywhere.
     
    Zuletzt bearbeitet: 18. Februar 2015
  14. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Die Frage ist zunächst, ob es sich um eine Übersetzung aus dem Englischen handelt oder ob Gimbutas den Text in Deutsch verfasst hat. "Mighty" im Englischen hat ebenso wie "mächtig" im Deutschen eine quantitative, aber auch und vor allem eine qualitative Bedeutung.

    Dass Gimbutas ein Bild "gewaltiger Heere" heraufbeschwört, kann ich nicht unbedingt erkennen, diese Assoziation entsteht wohl mehr im Auge des Betrachters. Dass sie die Kurgan-Krieger für Reiter hält statt für Kampfwagen-Fahrer, was diese Assoziation sicher sehr begünstigt, ist ein Irrtum, der sogar dem Pferde-Spezialisten Anthony unterläuft.

    Zudem ist zu bedenken, dass es sich laut Gimbutas um Migrationen über einen Zeitraum von jeweils ca. 200 Jahren handelte, auch wenn du ihn mit 100 Jahren angibst. Mir sind keine konkreten Quantifizierungen der migrierenden Populationen durch Gimbutas bekannt, aber nehmen wir hypothetisch an, dass im Zuge der beiden größeren Wellen II und III jeweils 50.000 "Kurgan people" eingewandert seien, was von der Quantität her auch nach heutigen Maßstäben als "Masseninvasion" gelten könnte. Das wären auf 200 Jahre verteilt im Schnitt aber nur 0,7 (nullkommasieben) Einwanderer pro Tag und damit eine Quote, die kaum als "Masseninvasion" bezeichnet zu werden verdient. Selbst wenn man die Quote ziemlich unrealistisch verdrei- oder verfünffacht, ergibt sich daraus nicht zwingend der Begriff einer "Masseninvasion". Wenn Gimbutas von "mächtigen Wellen" schreibt, meint sie, sofern das eine quantitative Bedeutung hat, jedenfalls die Summe der Einwanderer in einem Zeitraum von 200 Jahren bzw. 73.000 Tagen.

    Konkret beschreibt Gimbutas die erste Welle als eine "First Wave of relatively small groups of Kurgan infiltrators" (in: "The Three Waves of Kurgan People into Old Europe, 4500-2500 B.C." (S. 118). Das zeigt, dass der Ausdruck "mächtige Wellen" auf diese erste Welle unter quantitativen Gesichtspunkten keinen Bezug nimmt. Zu den beiden anderen Waves macht sie, soweit ich sehe, im genannten Artikel keine quantitativen Angaben, außer der Feststellung, dass die Dritte Welle durch mehrere hundert in Südosteuropa gefundene Gräber im Yamna-Stil identifiziert werden könne. Das Eindringen der Kurgan-Leute in Alteuropa bezeichnet Gimbutas im genannten Artikel entweder als "intrusion", als "infiltration" oder als "invasion".

    Wichtiger als eine Debatte um Quantitäten erscheint mir aber eine "qualitative" Debatte um die Relevanz folgender Thesen von Gimbutas, die sie wie folgt zusammenfasst:

    "The Three Waves of Kurgan People into Old Europe, 4500-2500 B.C." (S. 114):

    The Old Europe and the Kurgan cultures were completely opposite; Old Europe: sedentary-horticultural, dwelling in large agglomerations; Kurgan: mobile, living in small villages. The first - matrilinear, egalitarian, peaceful; the second - patriarchal, ranked and warlike. The respective ideologies produced different sets of gods and symbols. The Old European ideology was focused on the eternal aspects of birth, death and regeneration, symbolized by the feminine principle, a Mother Creatrix. The patriarchal Kurgan ideology (also known from comparative Indo-European mythology) was centered on the virile male, heroic warrior gods of the shining and thunderous sky. The Old Europeans put no emphasis on dangerous weapons, whereas the Kurgans (like all historically known Indo-Europeans) glorified the sharp blade.

    (Es folgt meine aufgliedernde Übersetzung / den Term "ideology" verwendet Gimbutas übrigens wertungsfrei im Sinne von Denkweise oder Weltanschauung)

    + Das Alte Europa und die Kurgan-Kulturen waren völlig entgegengesetzt;

    + Alteuropa: sesshaft-pflanzenzüchterisch, wohnhaft in großen Siedlungen; Kurgan: mobil, in kleinen Dörfern wohnend.

    + Erstere (Alteuropa) - matrilinear, egalitär, friedlich;

    + letztere (Kurgan) - patriarchalisch, hierarchisch und kriegerisch.

    + Die jeweiligen Ideologien produzierten verschiedene Systeme von Göttern und Symbolen.

    + Die Ideologie des Alten Europa war auf die ewigen Aspekte von Geburt, Tod und Regeneration fokussiert, symbolisiert durch das weibliche Prinzip, eine Schöpferische Mutter.

    + Die patriarchalische Kurgan-Ideologie (auch aus der komparativen Indo-Europäischen Mythologie bekannt) stellte die männlich-potenten und heroischen Kriegsgötter des licht- und donnererfüllten Himmels in ihren Mittelpunkt.

    + Die Alteuropäer legten keinen Wert auf gefährliche Waffen, während die Kurgan-Leute (wie alle historisch bekannten Indoeuropäer) die scharfe Klinge glorifizierten.


    Ich halte nichts davon, Ansichten oder Theorien, die man nicht teilt, als "ideologisch" zu verunglimpfen. Ideengeschichtlich war dieser Begriff zunächst eine Selbstbezeichnung der Aufklärer des 18. Jahrhunderts in Abgrenzung zu den von ihnen bekämpften Metaphysikern und Theologen. Erst der machthungrige Napoleon gab dem Begriff einen negative Konnotation, um seine Gegner, die aufklärerischen "Ideologen", ins Lächerliche zu ziehen. Marx und Engels griffen den stigmatisierten Begriff auf, um das in einer Klassengesellschaft dominierende System aus Ideen und Werten zu kennzeichnen, die, von der herrschenden Klasse produziert, von der unterdrückten Klasse nicht als Ausdruck der Interessen der Herrschenden durchschaut werden. Speziell Engels sieht in der kapitalistischen Ideologie auch patriarchalische Vorstellungen am Werk, die - so füge ich hinzu - heute oft dort wirksam sind, wo gegen Gimbutas in einer Weise polemisiert wird, die über das Sachliche hinausgeht (gravierendes Beispiel: Häusler).

    Der Neomarxismus des 20. Jahrhunderts gebraucht den Ausdruck angelehnt an Marx im Sinne eines "falschen Bewusstseins".

    Mittlerweile ist der Ausdruck zu einer rhetorischen Kampfkeule geworden, die jeder gegen jeden einsetzt, dessen Meinung ihm nicht gefällt. Nur selten verwende auch ich diesen Begriff, bin mir dabei aber immer bewusst, dass es eigentlich einer vorausgehenden Argumentation dafür bedürfte, dass der eigene Standpunkt nicht ideologisch ist. Bist auch du dir dieses Problems bewusst? Haftest du nicht - unbewusst - an einem patriarchalischen Ideal und versuchst deswegen die unerfreulichen, nämlich patriarchatskritischen Aspekte der Gimbutas-Theorie als unwissenschaftlich abzuwerten, obwohl es zahlreiche Belege für eine frauenfreundliche und nichtkriegerische Kultur im Alten Europa gibt, die tatsächlich im Gegensatz zu einer kriegerischen Kultur steht, wie sie z.B. Anthony bei den Yamna-Stämmen erkennt und beschreibt?

    Ich würde diese Frage aber nicht aufwerfen, wenn du sie - siehe obiges Zitat - nicht provoziert hättest.
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. Februar 2015
    Dieter gefällt das.
  15. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Und das ist wert(ungs)frei?
    Auch wenn du dich nicht an mich wendest, ich sehe hier keine Verunglimpfung. Gimbutas entwirft hier ein Panorama, wie mittels Adjektiven positiv besetzte Alteuropäer von mittels Adjektiven negativ besetzten Kurganleuten unterjocht werden. Die archäologischen Daten dafür sind relativ dürftig, sie interpretiert daraus aber relativ viel. Das kann man nun als fachwissenschaftliche Brillianz oder als äußerst phanatasievoll werten. Aber ideologisch ist es auf jeden Fall.

    Du wetterst zwar gegen die Ideologiekeule, verwendest sie aber im Grunde selbst:

    So viel dazu.

    Patriarchatskritik gehört in die politische Diskussion, nicht in die Auswertung archäologischer Quellen.

    Was eine Behauptung Gimbutas' ist, der von anderen Archäologen widersprochen wurde. Durch mantrahaftes Wiederholen wird sie nicht richtiger oder falscher.
     
  16. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Auf die Schnelle nur dazu:

    Da hast du meine Intention aber gewaltig missverstanden, obwohl ich mich klar ausgedrückt habe. Ich will nur darauf hinweisen, dass jeder seine eigene Position hinterfragen sollte, bevor er anderen mit der Ideologiekeule kommt. Ich behaupte ja nicht, dass der Angesprochene "ideologisch" denkt, sondern stelle nur eine rhetorische Frage, um auf die Notwendigkeit der Selbstreflexion hinzuweisen.
     
  17. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Von einer Übersetzung aus dem Englischen ist in diesem Heft nichts zu lesen. Der Gimbutas-Text wurde also in Deutsch verfasst und dort ist tatsächlich von "drei mächtigen Wellen" der "Kurgan-Leute" die Rede, die Europa zwischen 4500 und 2500 trafen. Das erweckt auch im Kontext mit den flankierende Beschreibungen schon den Eindruck, als ob hier von größeren Bevölkerungsbewegungen die Rede ist. Jedenfalls drängt sich nicht der Eindruck auf, die Gimbutas hätte ein allmähliches Einsickern von PIE-Leuten im Sinn, oder würde lediglich von kultureller Diffusion reden. Sie spricht überdies davon, dass die Zuwanderer Burgen errichteten und eine neue Religion mitbrachten. Allerdings meint auch sie, dass indoeuropäisierte Gruppen diese Impulse weitertrugen.

    An anderer Stelle sagt die Gumbatas: "Der Prozess der Indogermanisierung war im wesentlichen ein kultureller, nicht physischer Transformationsprozess. Er ist in dem Sinne einer siegreichen militärischen Eroberung zu verstehen, im Zuge derer ein neues Verwaltungssystem, eine neue Sprache und eine neue Religion eingeführt und erfolgreich auf die autochthone Bevölkerungs übertragen wurden. Die ktiegerische Effizienz der Kurgan-Leute wurde in entscheidendem Ma´ße furch ihre straffe soziale Organisation gefördert."

    Das alles können nur größere Gruppen von Zuwanderern bewirken, um eine kritische Masee für derartige politische und militärische Umbrüche zu erreichen.

    Woher sollen 50 000 viehzüchtende Steppenkrieger vor über 6000 Jahren gekommen sein? Noch dazu aus traditionell nur dünn besiedelten Steppengebieten? Ich weiß nicht, ob Bevölkerungswissenschaftler oder Demografen das für möglich halten.

    Im mir vorliegenden Heft wird besonders das Ergebnis der zweiten Welle thematisiert. Gimbutas sagt, im Anschluss an diese Welle ...

    "bestand ganz Mitteleuropa aus Gebieten, die entweder gänzlich oder doch zumindest teilweise indogermanisiert waren ... Obwohl die Substratbevölkerungen eine bedeutende Rolle bei der Ausbildung neuer kultureller Einheiten spielten, fallen die Grenzen der Ausbreitung nicht mit denen der alteuropäischen Gruppen zusammen ... Die Zunahme halbnomadischer Viehzucht, das Auftreten indogermanischer Götter und Symbole, von Hügelfesrungen, von halbunterirdischen oder überirdischen kleinen Holzhäusern mit zentraler Feuerstätte belegen weiters den erfolgreichen verlauf der Indogermanisierung." (s. 8 f.)

    Die Kurgan-Welle Nr. 3 ist nach Gimbutas eng verbunden mit der Jamnaja-Kultur, d.h. es handelt sich um einen Einfall von Viehzüchtern nach 3000 aus der Dnjepr-Wolga-Steppe nach Ostmitteleuropa. Dazu sagt sie: "Nach wiederholten Mischungsprozessen mit einheimischer Bevölkerung bildeten sich auch neue Sprachzweige heraus. Diese waren die Vorläufer der nördlichen und südlichen Sprachgruppen der indogermanischen Sprachfamilie ..."



    Diese von dir aufgezählten Punkte umfassen den Kern der Kurgan-Hypothese von Marija Gimbutas. Es ist gut, sich das noch einmal vor Augen zu führen:

    + Das Alte Europa und die Kurgan-Kulturen waren völlig entgegengesetzt;

    + Alteuropa: sesshaft-pflanzenzüchterisch, wohnhaft in großen Siedlungen; Kurgan: mobil, in kleinen Dörfern wohnend.

    + Erstere (Alteuropa) - matrilinear, egalitär, friedlich;

    + letztere (Kurgan) - patriarchalisch, hierarchisch und kriegerisch.

    + Die jeweiligen Ideologien produzierten verschiedene Systeme von Göttern und Symbolen.

    + Die Ideologie des Alten Europa war auf die ewigen Aspekte von Geburt, Tod und Regeneration fokussiert, symbolisiert durch das weibliche Prinzip, eine Schöpferische Mutter.

    + Die patriarchalische Kurgan-Ideologie (auch aus der komparativen Indo-Europäischen Mythologie bekannt) stellte die männlich-potenten und heroischen Kriegsgötter des licht- und donnererfüllten Himmels in ihren Mittelpunkt.

    + Die Alteuropäer legten keinen Wert auf gefährliche Waffen, während die Kurgan-Leute (wie alle historisch bekannten Indoeuropäer) die scharfe Klinge glorifizierten.


    Diese kritischen Worte galten nicht mir, sondern unserem geschätzten Moderator. Dennoch: Es ist keine Frage, dass es im neolithischen Europa friedlicher zuging als im bronzezezeitlichen, wo sich eine feudale Kriegeraristokratie entwickelte. Die neolithischen Bauern saßen in ihren meist isolierten Siedlungen, bestellten ihre Äcker und hatten schon mangels militärischer Ausrüstung weder Lust noch Gelegenheit, große dynastisch beherrschte Territorien zu schaffen. Sie überfielen vielleich ein Nachbardorf oder taten sich mit einem anderen zusammen. Mehr nicht. Die "Friedlichkeit" beruhte also nicht auf friedlicheren Charaktereigenschaften, sondern war eine Friedlichkeit aufgrund gesellschaftlicher, naturräumlicher und ökonomischer Strukturen. Dass Frauen in einer neolithischen europäischen Gesellschaft einen höheren Stellenwert genossen ist nicht ausgeschlossen, wenn auch nur mit dünnen Belegen beweisbar.
     
  18. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    1. Warrior-Zitate und andere Scheingefechte

    1. Warrior-Zitate

    Nirgends in der Diskussion ist behauptet worden, dass Anthony (oder andere Diffusionisten im Gegensatz zu Invasionisten wie Gimbutas) die Abwesenheit von Gewalt oder "Krieg" (in der frühen "niedrigen" Form als inter-group violence verständlich) behauptet hätten.

    Wenn man dieses Scheingefecht weiter führen will, sollte man zunächst mal die basics des Modells betrachten, dass Anthony und andere hier breit akzeptierten soziologischen Untersuchungen für ihre Betrachtung einer Mischung von cultural und demic diffusion entnehmen.

    Hier ...

    - wie die scharfe Polemik (zB "Rinderzüchtende Warlords mit Aktentasche und Krawatte") zeigt, die fachlich völlig neben der Sache liegt -

    ... fehlen offenbar sämtliche Grundlagen und fehlt das Verständnis für die soziologischen Modelle, die Anthony und andere der Beschreibung zugrunde legen.

    Die scharfe Polemik wird dann zur Realsatire. Bei Fachwissenschaftlern würde zB die Übersetzung (Kontext: principle-agent-approach und client-relations) "Patron-Klient-Verhältnis" vermutlich Heiterkeit auslösen, bevor ein solches Elaborat in den Papierkorb wandert.

    Auch der Klamauk, hier würde "business-Sprache" verwendet, liegt neben der Sache, da die soziologischen Modelle und ihre termini in den verschiedensten Fachwissenschaften gleichermaßen Verwendung finden, und dies gerade hier nun originär überhaupt nichts mit dem Feindbild Ökonomie zu tun hat, was aber offensichtlich bedient werden soll.

    Ergo:
    Dem könnte etwas Fachliteratur abhelfen.

    Das Nicht-Begreifen liegt an dem Versuch, sich mittels "Textanalyse" (von Anthony) ohne den geringsten fachwissenschaftlichen Hintergrund den Modellen der Diffusionisten zu nähern. Den Kontext aufzuhellen, kann ein Forum nicht leisten, deswegen bleibt nur der Verweis auf die Literatur, der im nächsten Beitrag folgt.

    Die Frage, ob dieser von Anthony beschriebene Mix von kultureller oder demographischer Diffusion über 1500 Jahre und in einer riesigen Region auch von kriegerischen Auseinandersetzungen begleitet war, interessiert in dem soziologischen Mechanismus nicht, und findet höchstens in überholten Ausarbeitungen wie den von Gimbutas ihren Niederschlag. Die aktuell diskutierten Modelle spielen eine Liga höher, und verarbeiten empirisch nachgewiesene und auf die Frühzeit übertragene Diffusionsmechanismen aus der soziologischen Forschung, anstatt populärwissenschaftliche Invasions-Epik zu verwenden oder mit Scheinfragen Zeit zu verschwenden.
     
  19. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    2. Anthonys Mischkonzept von demic und cultural diffousion

    2. Anthonys Mischkonzept von demic und cultural diffusion, etwas zum Hintergrund und der Einfachheit halber folgendes statement (EoSoc, Cultural Diffusion):

    "In terms of theory development, cultural diffusion is the actual movement of a given social institution or physical implement, while stimulus diffusion is the exchange or movement of the principle upon which an institution or implement is based.

    In the cultural diffusion literature, scholars have enumerated assumptions, stated principles, and reviewed empirical work with the objective of identifying propositions tested repeatedly and not found to be false. In- deed, beginning with the work of early twentieth century anthropologists, one can identify at least five broadly accepted and empirically supported claims that form the core of what is called cultural diffusion theory.

    - First, borrowed elements usually undergo some type of alteration or adaptation in the new host culture.
    - Second, the act of borrowing depends on the extent to which the element can be integrated into the belief system of the new culture.
    - Third, elements that are incompatible with the new culture’s prevailing normative structure or religious belief system are likely to be rejected.
    - Fourth, acceptance of an element depends upon its utility for the borrower.
    - Finally, cultures with a history of past borrowing are more likely to bor- row in the future.

    These claims constitute the ‘core propositions’ of culture diffusion theory; over the years, each has been qualified and elaborated upon, and corollaries have been created (Stahl 1994). "

    Alles dieses in der neueren Soziologie nicht zu verwechseln mit dem älteren "Diffusionismus" (bevor nun da wieder ein Scheingefecht aufgemacht wird) in der Anthropologie.

    Sowohl für Fälle der Diffusion of Innovation als auch für Cultural Diffusion sind seit den Ursprüngen breite empirische Fallstudien untersucht worden, um den Mechanismus zu beschreiben (speziell auch für "Migrationen" oder Mechanismen wie borrowing oder imitation).

    Um in Deinem Ansatz zu bleiben: so hat auch "borrowing" in der cross-cultural analysis nichts mit Krediten in der Ökonomie nichts zu tun, wie soziologische Fallstudien von "imitation" nichts mit Heidi Klum zu tun haben.

    Als Beispiel:
    "In addition to the special difficulties of representative, theoretical, or random sampling of cases (Elder 1973; Van Meter 1990), cross-cultural researchers must also deal with ‘‘Galton’s problem.’’ According to the British statistician, Sir Francis Galton, ‘‘valid comparison requires mutually independent and isolated cases, and therefore cultural diffusion, cultural contact, culture clash or outright conquest — with their consequent borrowing, imitation, migrations etc. — invalidates the results of comparative studies’’ (Sztompka 1988, S. 213)"

    Ergo:

    "Currently, diffusion is seen as a mechanism for culture change that typically accounts for a large proportion of any particular culture inventory. The deterministic, linear view of diffusion has been discredited by the empirical record. The concept of culture diffusion as a means of understanding cultural inventories is entrenched in the field of cultural anthropology. As the twenty-first century dawns, a principal controversy among cultural anthropologists centers on the definition of culture, rather than upon the acceptability of culture diffusion. Diffusion theory remains prominent in the archaeology literature, particularly as a means of tracing culture inventories for groups over time (Posnansky and DeCorse 1986)."


    EoPopulation: S. 335:
    "Because information about the costs and benefits of alternative behavioral options is often socially acquired, the understanding of cultural diffusion is critical. Evolutionary logic provides a framework for the analysis of the active role that people play in determining which ideas they chose to adopt.

    Das wird soziologisch und anthropologisch empirisch untersucht und kann Details sozialer Strukturen ebenso betreffen wie Imitation von Sprache oder Adaption zB von Reproduktionsraten/Geburtenraten.

    Die Übernahme solcher soziologischen Modelle ist nicht ungewöhnlich, siehe zB für die Diskussion der neolithischen Revolution
    - Joaquim Fort: Synthesis between demic and cultural diffusion in the Neolithic transition in Europe: "For example, Ammerman and Cavalli-Sforza, when introducing their demic diffusion model in 1973, wrote that demic and cultural diffusion are not mutually exclusive, and discussed the interactions between the Neolithic and Paleolithic populations that would have led to cultural diffusion and genetic clines. These authors also made some crucial statements: “The real question may well be to evaluate the relative importance of demic and cultural diffusion in different regions of Europe” because “in some areas both are likely to have contributed to the spread of farming,” but “what is necessary before such an attempt can be made is the introduction of much more specific models”"

    Andere Beispiele, bei denen wir Warlords oder Reiterkrieger außen vor lassen können: Stephen Shennan: Cultural Evolution of Neolithic Europe, Carsten Lemmen: Cultural and Demic Diffusion of First Farmers, Herders, and their Innovations Across Eurasia, oder eine andere Ecke: Jerardino, Fort, Isern, Rondelli: Cultural Diffusion Was the Main Driving Mechanism of the Neolithic Transition in Southern Africa.

    Nichts anderes ist die Adaption solcher Modelle durch Anthony. Sich zu solchen fachwissenschaftlichen Modellen zu äußern, sollte man den Fachwissenschaften überlassen. Überflüssig zu betonen, dass dies auch für neuzeitliche cultural diffusion-Ansätze gilt, und für "kleinere" lokale Fallstudien, siehe z.B. Peggy Levitt, Social Remittances, Migration Driven local-level forms of Cultural Diffusion.

    Als Einstieg für die Übernahme der soziologischen Beschreibung von Mechanismen in die hier interessierende Analyse der Diffusionisten , konträr zu den überholten Invasionisten:
    http://www.uni-leipzig.de/diffusion/pdf/volume6/diff_fund_6(2007)12.pdf

    Welche fachwissenschaftlich formulierte Kritik oder gar Polemik finden wir nun zu Anthonys Adaption der soziologischen Modelle anstelle der Scheingefechte mit google-books-Textsuche? Etwa keine?

    Wenn man sich etwas mit dem Kontext beschäftigt hat, ist wohl nachvollziehbar, dass solche laienhaften Warrior-"Textanalysen" von Anthony als Satire aufgefasst werden. Wenn dann noch ohne Kenntnis des theoretischen Hintergrunds peinliche Ökonomie-Soziologie-Verwechselungen passieren, "bilanziert" man das nicht einmal mehr unter Satire.
     
  20. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    3. Yamnaja-Kultur - wann, wer, und wohin?

    Oben ist bereits darauf hingewiesen worden, dass der ältere, weite Begriff einer "Kurgan-Kultur" unbrauchbar ist, und dass sowohl die neuere genetische Studie als auch die homeland-Diskussion mit dem eng abgegrenzten Yamnaja-Horizont als "pontic-steppe-Hypothese" einen viel enger abgegrenzten Kulturkreis zugrunde legt.

    Worauf bezieht sich nun diese Yamnaja-Hypothese für die PIE-Expansion? Der Versuch einer zusammenfassenden Übersicht:

    1. Konkret geht es um den Zeitraum ca. 3200-2600 BC und die damit verbundene Yamnaja-Migration in den Donau-Bereich. Die Migration wird in eine erste quantitativ kleine Phase von 3200/3100 BC und einem größeren Migrationsstrom 3100/2600 BC unterschieden.

    2. Dieses ist der Zeitraum, der von Sprachwissenschaftlern allgemein als late PIE bezeichnet wird, unmittelbar vor der Aufspaltung in Subfamilien. Der Untergang des alten neolithischen Europas (Old Europe von Gimbutas) ist bereits Geschichte, etwa zwischen 4400/3500 BC.

    3. Die Yamnaja-Migration ab 3200 BC nahm ihren Ausgang zwischen Dnjepr und Don (siehe Beschreibung des Kulturhorizonts oben) und passierte zunächst das Gebiet der sich kurz zuvor entwickelten Usatovo-Kultur (ebenfalls dem weiten Kurgan-Horizont zugerechnet) zwischen Odessa und Donaumündung. Diese Passage brachte keine kulturellen Verwerfungen, keinerlei Brüche (Anthony) für die mit einem weiten Handelshorizont ausgestattete Usatovo-Kultur: http://en.wikipedia.org/wiki/Coțofeni_culture
    Dagegen spaltete sich die Cucuteni-Tripolye Kultur (mit größeren befestigten Siedlungen) in den ukrainischen und den rumänischen Teil, nördlich und südlich des Bug, auf. Entweder ist die Ursache die sich ausbreitende Usatovo-Kultur, oder die Migration der Yamnaja.
    Cucuteni-Kultur ? Wikipedia

    4. Nachdem der pontisch-kaspische Yamnaja-Horizont des Usatovo-Bereich mit 600 bis 800 km Ausdehnung passiert hatte, entwickelte sich die ab 3100 BC stärkere Migration (zwingend wiederum durch das Usatovo-Gebiet) in das Donautal, und dort in fünf separierten Zentren, die sich über maximal 1300 km erstreckten.
    - nw Varna-Becken in Bulgarien
    - Balkan-Hochland, ca. 200 km sw Varna (Kovachevo)
    - nw-Bulgarien bei Tarnava bis Rast sw Rumänien
    - w und um das Eiserne Tor bis Jabuka/Serbien
    - östliche ungarische Tiefebene n/Körös und ö/Tisza

    5. Die zeitlich anschließenden Kurgan-Gräber der Yamnaja im Dnjepr-Bereich datieren 2800/2400, sind auf der beendeten Usatovo-Kultur entstanden und nach Anthony aufgrund der zeitlichen Abfolge Ergebnis einer Rück-Migration vom Balkan.

    6. Diese Abfolge beschreibt den Yamnaja-Horizont, der auch der genetischen Studie zugrunde gelegt wurde. Die Migration traf im bezeichneten Balkan-Bereich auf das Ende der Ackerbau-Kulturen des "Old-Europe", da nach dem Crash 4200/3800 dort zwischen 3800 und 3200 keine neuen Siedlungen archäologisch nachweisbar sind, und ein Bevölkerungsrückzug bereits zwischen 3800/3200 eingesetzt hatte. Teilweise traf die Steppe-Migration damit auf weitgehend entvölkerte Gebiete, und überbaute Ruinen. Die Yamnaja-Migration kann damit nur in der Spätphase etwas mit kriegerischen Konfrontationen und dem Bevölkerungsrückzug zu tun haben, hat diesen aber nicht nachweisbar eingeleitet.

    7. Die fünf bezeichneten Siedlungsgebiete bzw. Zielgebiete der Yamnaja-Migration sind "Inseln" der kulturellen Organisation in bereits - verglichen mit "Old Europe" - sehr schwach von Resten der ursprünglichen Ackerbauern-Bevölkerung besiedeltem Gebiet. Die erneut ab 3100 einsetzende verstärkte Besiedlung ("re-establisments") wird archäologisch nicht mit Kriegen der Yamnaja-Expansion und den fünf separierten Yamnaja-Inseln, sondern mit der wirtschaftlichen Erholung des gesamten Gebietes in Verbindung gebracht.

    8. Ab hier muss die Ausbreitung des "late PIE" über die westlichen, südlichen und nördlichen Kontaktzonen der balkanischen Yamnaja-Gebiete erfolgt sein. Während Anthony noch in der älteren Schrift aus 2008 keine weitere Bevölkerungsmigration archäologisch nachweisbar sieht (bis auf die östliche Rück-Migration in den Usatovo-Bereich mit Überschichtung), scheint dies nun durch die genetische Studie 2015 und nachgewiesene genetische Nähe zu überholt zu sein - Schnurkeramiker, späte Badenkultur
    Corded Ware culture - Wikipedia, the free encyclopedia
    (die Zeichnung bzgl. Yamnaja ist nicht korrekt)

    9. Die in der genetischen Studie 2015 besprochene Yamnaja-Migration ist also dem eigentlichen Untergang des "Old Europe" von Gimbutas erst nachgefolgt.
     

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    Zuletzt bearbeitet: 25. Februar 2015

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